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ITALIEN
Zurück aus dem Inferno
Als Diego Maradona beim SSC Neapel spielte, war der Klub ganz oben. Nach seinem Absturz kehren die Neapolitaner nun in die Serie A zurück. Eine ganze Stadt ist aus dem Häuschen – und Sophia Loren dürfte ein leichtfertig abgegebenes Versprechen bereuen.


Jubelnder Maradona: Der berühmteste Spieler des SSC Neapal darf sich über den Aufstieg seines Ex-Klubs freuen Foto Benne Ochs


Auf der prachtvollen Via Caracciolo Neapels feierten die Tifosi, als sei Diego Armando Maradona wieder zurück. Die Küstenstraße am Castel dell’Ovo glich am vergangenen Sonntagabend wieder einem einzigen azurblauen Fahnenmeer – bis in die frühen Morgenstunden. Wie vor 20 Jahren, als Napoli mit seinem „Fußballgott“ Maradona den ersten Meistertitel seiner Geschichte gewann, feierten Tausende auf den Straßen und bildeten Autokorsos. Die Stadt am Vesuv war nach dem 0:0 gegen Ligakonkurrenten FC Genua im Ausnahmezustand.

Mit dem Unentschieden ist Napoli nach sechs Jahren dem „Inferno“ der Dritt- und Zweitklassigkeit entronnen. Der Klub ist wieder in der Serie A, aus der er sich 2001 verabschieden musste. „Napoli ist bescheiden, Napoli siegt und ist ein fortwährender Traum“, kommentierte Klubpräsident Aurelio De Laurentis überraschend verhalten den Aufstieg. Im Hauptberuf ist De Laurentis Filmproduzent. Er hatte nicht damit gerechnet, schon in diesem Jahr aufzusteigen. Mit Rivalen wie Juventus Turin schien der Aufstieg ein schier unerreichbares Ziel.

Es sei, als habe man ihm ein Jahr geschenkt, sagte der 58-Jährige voller Dankbarkeit. Den Optimismus der Tifosi für die kommende Saison dämpfte der Klubpräsident allerdings. Er träume zwar davon, eine neue Mannschaft um Weltmeister Fabio Cannavaro aufzubauen. Doch die Geldmittel seien begrenzt und dürften kaum ausreichen, um den neapolitanischen Abwehrstrategen von Real Madrid abzuwerben.

2002 kaufte De Laurentis den maroden Fußballklub seiner Heimatstadt auf. Der Zeitpunkt war günstig. Sportlich und wirtschaftlich war der SSC Neapel gerade abgewickelt worden. Nach 78 Jahren Vereinsgeschichte wurde der legendäre Fußballklub von der Karte des Apenninen-Fußballs gelöscht. Für neapolitanische Fußballfans schien eine Welt unterzugehen. Das verbliebene Geld reichte nicht einmal für eine Lizenz in der Zweiten Liga.

Für 29 Millionen Euro sicherte sich der schillernde De Laurentis die Reste der Konkursmasse. „Ich will, dass die Tifosi so viel Spaß haben wie bei meinen Filmen“, sagte der Filmproduzent. Er selbst träumt noch heute davon, Diego Armando Maradona zum Ehrenpräsidenten des Klubs zu machen.

Eigentlich war der SSC Neapel schon zu Beginn der achtziger Jahre pleite. Doch vor über 20 Jahren hatte der damalige Präsident Corrado Ferlaino eine verrückte Idee: Der umtriebige Baulöwe buhlte um die Dienste des argentinischen Superstars Diego Armando Maradona, der beim FC Barcelona spielte. Ferlaino machte dem Argentinier eine märchenhafte Wechselofferte. Kleiner Schönheitsfehler: Ferlaino verfügte weder über das entsprechende Kleingeld noch konnte er eine Spitzenmannschaft vorweisen. Den 21 Millionen-Rekordtransfer finanzierte Ferlaino auf Pump. Das Geld bettelte er bei diversen Banken zusammen.

Aber die Maradona-Verpflichtung war Ferlainos Bravourstück. Maradona entpuppte sich für den Klub als Dukatenesel, der Millionen in die marode Vereinskasse spülte. Der Konkurs war mit Maradona vorerst abgewendet. Zwischen 1987 und 1992 gab es viele sportliche Erfolge zu bejubeln. Es war die Glanzzeit des SSC Neapel und die Maradonas. 1989 gewann Neapel den Uefa-Cup. In der Fußballgeografie Italiens wurde der Klub mit seinem treuen Publikum zur festen Größe.

Neapels langsamer Abstieg begann, als im März 1991 Maradonas Kokainsucht nach einem Dopingtest aufflog. Der Superstar wurde gesperrt und kehrte anschließend Neapel den Rücken. Die alten Finanzsorgen holten Napoli wieder ein. Die Klubführung hatte die Bildung von Rücklagen versäumt. So stand er urplötzlich wieder da, wo er vor Maradona war: am Rande des Ruins.

2002, nach 32 Jahren Amtszeit, sah Ferlaino keinen anderen Ausweg, als den bankrotten Klub zu veräußern. Das Gezeter um die Überreste des SSC Neapel glich einem Tanz auf dem Vulkan. Nicht nur örtliche Politgrößen sprachen ein Wörtchen mit, sondern auch die Mafiaorganisation Camorra.

Die Philosophie des jetzigen Präsidenten De Laurentis ist eine andere. „Wir wollen keine Diven verpflichten, sondern eine Mannschaft, die wie ein Orchester funktioniert“, sagte De Laurentis. Apropos Diva. Die Tifosi verlangen jetzt, dass Sophia Loren ein leichtfertiges Versprechen einlöst. Die neapolitanische Schauspiellegende versprach, in aller Öffentlichkeit zu strippen – für den Fall des ersehnten Wiederaufstiegs. Mit ihren Traummaßen war sie einst das Objekt der Begierde vieler Männerträume. Heute will sich die über Siebzigjährige allein für die Napoli-Tifosi ausziehen.

Vincenzo Delle Donne, Zeit online


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