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STARGAST
Kein Gangsterchef mit Knarre
Steven Gerrard spielte seit seinem achten Lebensjahr an der Anfield Road. Erwar der Kopf, das Herz und die Seele des Teams. Beim Treffen mit RUND har er einige unglaubliche Anekdoten verraten. Von Eberhard Spohd.

 

Steven Gerrard"Gibt nichts Schöneres": Steven Gerrard singt von Engeln und trägt den Liver Bird über dem Herzen. Illustration Eskå

 

Wenn es um Strafstöße geht, wird Steven Gerrard erst sehr wortkarg. Doch dann stellt er sich. „Wenn Du einen Elfmeter verschießt, bist Du enttäuscht, traurig und kaputt. Eigentlich solltest Du Dich danach wieder auf das Spiel konzentrieren, was schon schwer genug fällt. Aber wenn das Spiel danach zu Ende ist, ist das ziemlich schlimm. Nenn es eine Katastrophe.“ Wie im Viertelfinale der Weltmeisterschaft gegen Portugal. Die reguläre Spielzeit endet 0:0, das Elfmeterschießen muss die Entscheidung bringen. Der Mittelfeldspieler des FC Liverpool, eigentlich ein sicherer Schütze, scheitert an Torhüter Ricardo, England scheidet aus. „Wenn wir wegen eines verschossenen Elfers ein Spiel verlieren, bin ich besonders traurig. Dieses Mal werde ich es wohl für lange Zeit sein.“

Im vergangenen Jahr war es Gerrards Schicksal, dass wichtige Spiele vom Punkt aus entschieden wurden. Das dramatische Champions-League-Finale gegen den AC Mailand. Das gewonnene Endspiel im FA-Cup gegen West Ham United. Das WM-Aus gegen Portugal. Stets kostete sein Team das Spiel bis zum letzten Moment aus. Und immer war er eine der entscheidenden Figuren des Matches. Wie er in den vergangenen Jahren der prägende Mann bei seinem Verein war. Wie er häufig die entscheidenden Tore erzielte, gerne aus 25 Metern.

Bereits mit acht Jahren kam er zum FC Liverpool. Seine gesamte Karriere hat er seinem Klub verschrieben. Er ist der Held der Anhänger, denn er hat alle Stationen durchlaufen und ist stets treu geblieben. Auch wenn es Verführungen gab. Er wurde in Whiston geboren, einem kleinen Vorort der Stadt am River Mersey. Er hat in der Jugendakademie des Vereins gespielt. Zu der Zeit stand er als Fan auf den Tribünen der Anfield Road und sang das berühmteste Fanlied. Noch heute ist es seine Nummer eins im Stadion, auch wenn die Fans inzwischen Songs auf seinen Namen umgedichtet haben. Das sei zwar eine große Ehre, aber „es gibt nichts Schöneres, als an großen Europapokalabenden ,You’ll never walk alone‘ zu hören. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Irgendwann trug Gerrard dann selbst zum ersten Mal das traditionelle rote Trikot mit dem Liver Bird auf der Brust, der Kreuzung eines Adlers mit einem Kormoran, dem traditionellen Symbol der Stadt. Der Jungprofi musste selbst aufs Podium: „Es gibt da einen Initiationsritus im Klub“, erzählt er, „wer neu ins Team kommt, muss auf einem Mannschaftsabend singen.“ Einige Bier waren ihm gestattet, dann schmetterte er „Angel“ von Robbie Williams. „Es war wohl nicht ganz schlecht. Denn jeder wird gespült, nachdem er gesungen hat, also mit Bier überschüttet. Ich bekam nur wenig ab.“

Inzwischen ist Gerrard der Kapitän. „Es wäre schön, die ganze Karriere bei einem Klub zu bleiben und mit ihm erfolgreich zu sein“, sagt er über seine Zukunft, und tatsächlich sieht es so aus, als könne ihn nichts von seiner Heimatstadt trennen. Zu sehr ist der zweifache Vater hier verwurzelt: „Liverpool ist nicht nur ein Job, es ist ein Teil meines Lebens.“ Es klinge zwar wie ein Klischee, aber „wir kommen alle aus den Hinterhöfen hier. Da konnte man nur auf der Straße spielen. Das war meine große Schule“. Dass der „Liver Bird“ das Wappen des Klubs ziert, sei daher kein Zufall, so Gerrard: „Das muss auch für immer so bleiben, dass die Stadt für den Klub steht und der Klub für die Stadt.“

Doch das ist nur die eine Seite. In England wird großen Wert auf Höflichkeit gelegt. Man möchte niemanden verletzen. Deshalb entschuldigt sich derjenige, dem auf den Fuß getreten wurde. Darum redet man nicht über Geld, wenn es um den Wechsel zum FC Chelsea geht. Lieber strickt man eine schöne Legende, um die Wahrheit zu bemänteln. Er habe tatsächlich im vergangenen Sommer bereits bei den Londonern zugesagt und bei Liverpool gekündigt, doch dann habe er eine schlaflose Nacht gehabt, bei seinem Präsidenten angerufen und gefragt, ob er alles rückgängig machen könne.

Dass es dabei nicht um sein Gehalt und einen Vier-Jahres-Vertrag ging, will Gerrard allen weismachen. Glaubhaft ist es nicht. Nicht umsonst wird sein Spitzname, Stevie G, in der Presse gern verballhornt. Der „Guardian“ nannte ihn schnell „$tevie Me“. Immerhin kann der so Gescholtene mit einer anderen Legende aufräumen: „Dass ein Gangsterchef mir eine Knarre ans Knie gehalten hat, um mich zum Bleiben zu bewegen, stimmt hundertprozentig nicht.“

Es ist dieser Mittelweg zwischen britischem Sportsgeist und Eigensinn, der Gerrard am besten charakterisiert. Als David Beckham nach der WM auf  Englands Kapitänsbinde verzichtete, erklärte Gerrard sofort, er sei „geschockt gewesen von Davids Rücktritt“, stehe aber selbstverständlich als Nachfolger zur Verfügung. Doch wenn John Terry, der zweite Kandidat auf den Posten, ausgewählt würde, „würde ich ihm die Hand schütteln und alles Gute wünschen“. Die Augen von Steven Gerrard sagen etwas anders. Sie sagen: Nehmt mich, ich habe schon immer Verantwortung übernommen. Ich bin der Beste für den Job.

Trotz des verschossenen Elfmeters. Denn Gerrard drückt sich vor nichts. Wie im Champions-League-Finale. Er hätte den fünften Strafstoß treten sollen, doch Jerzy Dudek hielt den Ball von Andrej Schewtschenko, und der Kapitän musste nicht mehr zum Punkt. „Ich war so nervös wie noch niemals auf dem Fußballplatz. Ich habe mir in die Hosen geschissen vor Angst. Aber wenn jemand gekommen wäre und mir die Chance gegeben hätte, mich zu verdrücken: Ich hätte trotzdem geschossen.“

 

Der Text ist in RUND #14_09_2006 erschienen.



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