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EUROPAMEISTERSCHAFT
Eingebürgerte Hoffnungen
13 der 23 Spieler im EM-Kader stammen aus Einwandererfamilien: Die Secondos, wie sie in der Schweiz genannt werden, haben die „Nati“ nachhaltig verändert. Von Michael Martin.

Schweizer Flagge
Secondos in der "Nati": Die Schweiz hat viele Söhne von Einwanderern im EM-Kader
Foto Benne Ochs


Wenn die Schweizer Nationalspieler vor ihren Auftritten der Hymne lauschen, dann stehen schon lange nicht mehr nur Müllers, Hubers und Meiers in Reih und Glied. Heute heißen die besten Eidgenossen am Ball Blerim Dzemaili, Johan Djourou oder Valon Behrami; viele von ihnen gehören zu den „Secondos“, wie in der Schweiz die Nachfahren eingewanderter Gastarbeiter genannt werden.

Auch in Zürich, Basel, Bern und Genf bietet der Fußball oft die große Chance, den Lebensstandard deutlich zu verbessern. Im Fall des U21-Nationalspielers Zdravko Kuzmanovic haben sich sogar die Eltern entschieden, ihren Beruf aufzugeben und mit ihrem damals 17-jährigen Sohn nach Basel zu ziehen – in der Hoffnung, die Rechnung könnte für die ganze Familie aufgehen. Der Wunsch wurde erfüllt: Im Winter wechselte Kuzmanovic junior für drei Millionen Euro zum AC Florenz. Der Vertrag ist so gut, dass sich die ganze Familie nie mehr Sorgen machen muss.

Kuzmanovic ist bosnischer Herkunft, doch er hat sich entschieden, für die Schweiz zu spielen, für das Land, das ihn nicht nur fußballerisch geformt hat. Viele der Secondos entscheiden so wie er, die wenigsten wie Mladen Petric, der Toptorjäger der Liga vom FC Basel, der für Kroatiens Nationalmannschaft aufläuft. Der Grund liegt auch in der professionellen Betreuung der Talente durch den Verband. Früh wird nicht nur Wert auf fußballerische Schulung gelegt, auch die Eltern werden regelmäßig mit in die Diskussionen einbezogen, um zu verhindern, dass sich die Talente gegen eine Hand voll Dollar für Aufgebote aus heimatlichen Ländern entscheiden. Dass dabei auch von Seiten des Verbands Geld fließt, wird nicht diskutiert im Land – und ist auch nicht bewiesen.

Das Bemühen um die jungen Fußballhoffnungen ist nicht neu in der Schweiz. Schon 1994 sorgte sich der damalige Bundesrat Adolf Ogi höchstpersönlich darum, dass Murat Yakƒ±n bei seiner Einbürgerung keine Steine in den Weg gelegt würden. Es galt, dem talentierten Türken, der später in Stuttgart und Kaiserslautern unter Vertrag stand, die Spielberechtigung für die WM 1994 zu ermöglichen. Das Parlament des Kantons Baselland stimmte trotz heftiger Proteste vom rechten politischen Flügel dafür, und Murat Yakƒ±n verließ das Gebäude in Liestal als stolzer Schweizer. Nur zur WM fuhr er nicht. Trainer Roy Hodgson hatte ihn aussortiert, auch weil er sich einen Frisör ins Mannschaftshotel bestellte, um seine Mähne schön zu halten. Eingebürgert wurde an jenem Tag auch Hakan Yakƒ±n, der jüngere Bruder, der später für kurze Zeit ebenfalls in Stuttgart engagiert wurde. Ihn hatten türkische Scouts zuvor für ein U17-Testspiel nach Istanbul eingeladen, doch als auch Yakƒ±n, der Jüngere, den Schweizer Pass erhielt, war auch für ihn das Thema Türkei vom Tisch.

Doch ein Selbstläufer ist die Geschichte nicht. Und der Blick auf die Kaderlisten der U17 und U16 besagt, dass die Arbeit auf diesem speziellen Rekrutierungsfeld eher intensiver wird. Bis heute hat die Schweiz speziell gegen die Balkanstaaten und die Türkei das 1:0 in der Regel sehr oft schon am Familientisch erzielt.


Der Text ist in RUND #21_04_2007 erschienen.

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