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PORTRÄT
Autonom, nicht mehr dressiert
Rudi Kargus war Torwart beim Hamburger SV, dann noch ein bisschen in Nürnberg, Karlsruhe, Düsseldorf und Köln. Nun ist er Maler. Beim Malen, sagt Kargus, „da fängt man an, in sich zu steigen, wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Das war spannend“.Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos)

 

 

Rudi Kargus„Am Anfang hab ich Fußball und Malen strikt getrennt.“: Rudi Kargus in seinem Atelier

 

Rund um den Türgriff Farbkleckse, die würde er – wenn er es versuchen würde – so schön nicht hinkriegen. Die Farbkleckse kommen da hin, weil es im Atelier kein Klo gibt, nur draußen, im Freien, und wenn er raus muss, grabscht er die Klinke mit den versauten Händen an. „Ich bin ein Malschwein“, sagt er.

Um das Klo draußen ist noch viel mehr draußen. Auch ein bisschen Wald und Nebel, und viel weniger Farben als im Atelier. Das zwischen Norderstedt und Quickborn und hinter Schranken liegt – die immerhin offen sind. Nicht einfach zu finden, das Atelier. Selbst wenn man direkt davor steht.

Neben der Tür Klamotten: Schals, eine Heizung gibt es hier erst seit diesem Jahr. Im Winter 2010/11 hat er bei fünf Grad gemalt. Jacken und Shirts, steif von Farbe. Andere tragen alte Klamotten im Garten auf. Er hier.

Auf dem Boden Farbe, auf einem Tischchen die Farbtuben. Nebeneinander. „Meine Babys“, sagt er, „aber schreib das nicht.“ Er weiß von jeder Dose, welche Farbe drin ist. Sehen kann man das nicht mehr. Auf einem anderen Tischchen Pinsel, ausgewaschen, und Spachtel.

In einer Ecke, unscheinbar, ein paar Fotos an ein Board gepinnt. Ich gucke nicht auf die Fotos, ich gucke auf die Bilder. Ich bin halt blind.

Ich will die Fußballer sehen. Ricardo Zamora, mit der Schiebermütze, Lew Jaschin, die Torhüter, und die vier russischen Kicker, die er „Russenköpfe“ nennt. Die „Russenköpfe“ kann er mir nicht zeigen, die sind verkauft. An einen Journalisten. Der hat jetzt Igor Netto und Eduard Strelzow. Zamora ist noch da. Normalerweise stehen die Menschen in seinen Bildern mit dem Rücken zum Betrachter, oft sind sie schemenhaft, weiß, sie ducken sich, oder laufen weg. Zamora, der „Göttliche“, und Jaschin, „die schwarze Spinne“, die großen Torwächter, und die „Russenköpfe“, sind heil geblieben. Er hat sie nach diesen kleinen Bildchen, die er als Kind sammelte und in Alben klebte, gemalt. Er hat die Liebe, mit der er damals die Bildchen angeguckt hat, in die Großformate hinüber gerettet.

Das erzählt viel über den Fußball.

Rudi Kargus wird dieses Jahr sechzig. „Die Zeit läuft“, sagt er. Seine Brille liegt irgendwo. Er war ein guter Torwart. Geboren in Worms, viele Jahre beim Hamburger SV, dann noch ein bisschen Nürnberg, Karlsruhe, Düsseldorf und Köln. In Köln war er froh, dass er nicht mehr spielte. So weh taten ihm die Knochen.

„Am Anfang“, sagt er, „hab ich Fußball und Malen strikt getrennt.“ In den Jahren 2006/07 hat er ein paar Bilder zum Fußball gemacht. Vor allem Flutlicht. Jetzt ist das wieder vorbei. Vielleicht kommt es noch mal.

Mitte der neunziger Jahre hat er mit dem Malen angefangen. Er hatte nach der Karriere als Fußballprofi einen Job im Nachwuchsbereich des HSV. Noch mehr Fußball als vorher. Eine Überdosis. Dann kam eine Hüftoperation, Kargus hat zwei künstliche Hüftgelenke. „Da kam ich ins Nachdenken“, sagt er. Ein ganzes Leben nur Fußball? Von morgens bis abends? Da hat er ein paar andere Dinge an sich „heran gelassen“, wie er das nennt: Kultur, Literatur, er hat viel gelesen, ist ins Theater, ins Kino und auf Reisen gegangen, in Museen, hat gemalt. Kurse besucht, in der Blankeneser Kunstschule Jens Hasenberg, „meinen Dozenten und Mentor“, wie Kargus sagt, kennen gelernt. „Dann ging das los“, sagt er. Öl, größere Formate, ihn „hat das immer mehr fasziniert“. Da war Leidenschaft. Die Malerei gab ihm einen anderen Blick, auch auf sich selbst. Eine andere Erklärung auf die Frage: „Warum mache ich das und nicht das?“ Beim Malen, sagt Kargus, „da fängt man an, in sich zu steigen, wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Das war spannend“.

Er hat seine Abgründe gesehen, und die sehen wir, die wir unsere nur ahnen, nun in seinen Bildern. Er arbeitet vier bis sechs Stunden am Tag, dann ist er erschöpft, „leer irgendwie“. Wenn er das Atelier verlässt, und das Bild ist nicht fertig, schwankt die Gemütslage zwischen „totalem Glücksgefühl, dem Wissen: das wird ein geiles Bild, und tiefer Verzweiflung: Das musst du zerstören“.

Das sei gar kein so fürchterlicher Prozess, das Zerstören. „Aus den Trümmern wächst was Neues“, sagt er. Natürlich fragen ihn alle nach dem Fußball und dem Malen – den Unterschieden und den Parallelen: „Beim Malen muss der Zufall eine Rolle spielen. Beim Malen kommt es schon mal vor, dass ich die Kontrolle verliere, Diszplin hatte ich genug im Leben.“

Er hat keinen Druck beim Malen. „Malen“, sagt er, „ist ja nicht locker flauschig was hin pinseln.“ Aber das ist anders als im Stadion. Es gibt nicht den Druck: Das musst Du heute fertig machen, das musst du so machen. Nur den, den er sich selbst macht, weil er was zum Ausdruck bringen will. Autonomie ist wichtig. Er nennt das, was er als Fußballer war, „dressiert“, und „das weicht jetzt der Autonomie“.

 

Rudi Kargus„Die Kunst macht mich schludrig“: Rudi Kargus hatte schon 15 bis 20 Ausstellungen

 

Er hat eine Karte für die Heimspiele des HSV. Er hat kaum Kontakt zu Fußballern, auch nicht zu Mitspielern. In Leverkusen hängt eines seiner Bilder, Heribert Bruchhagen, der Manager beim HSV war, als Kargus anfing, und inzwischen Vorstandsvorsitzender der Eintracht Frankfurt Fußball AG ist, hat zwei gekauft. Beim HSV sitzt Kargus, wenn er mal hingeht, nach dem Spiel mit Arkoc Özcan, der die Nummer eins war, als er kam, und Horst Schnoor, der im April 78 wird, zusammen. Kargus hatte so 15 bis 20 Ausstellungen, er hat nichts archiviert. „Die Kunst macht mich schludrig“, lacht er, „und das Schöne ist, ich genieße es.“

Bilder an die Wand gelehnt, an den Säulen, Kataloge auf dem Tisch, in denen er Anregungen für Farbkombinationen findet. Eingepackte Bilder, fertig zum Abtransport. Vom 4. bis 24. März zeigt „Feinkunst Krüger“, Kohlhöfen 8, eine Kargus-Ausstellung, Titel: „Am liebsten hätte ich den Titel gemalt“.

Ich frag ihn nach Selbstporträts. Er lacht und zeigt auf ein Bild. Ich seh nichts, vielleicht ein Alien? Dann holt er aus der Ecke, in der die Fotos an ein Board gepinnt sind, eine Aufnahme. Sie zeigt ihn mit einer Gasmaske. Die Dämpfe der noch nicht trockenen Farben sind ungesund. Auch im Auto trägt er dann eine Gasmaske. Die Radarkontrolle hat ihn geblitzt. Das Foto mit Gasmaske war eine Inspiration. Schon erschließt sich das Bild. Nicht ganz, aber es ist ein Anfang.

 

 

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