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Bundesliga: Wie alles begann
Sie war längst überfällig, wurde aber von Vereinsfunktionären und regionalen Verbandsoberen beharrlich blockiert: Am 28. Juli 1962 wurde die Einführung der Bundesliga beschlossen. Ein Auszug aus dem Buch „50 Jahre Bundesliga“. Von Karlheinz Mrazek

 

Hans Schäfer

Hans Schäfer beim Wimpeltausch vor dem WM-Spiel gegen die Schweiz in Chile. Das Ausscheiden der DFB-Elf im Viertelfinale gegen Jugoslawien war ein weiteres Argument für die Einführung der Bundesliga. Foto Pixathlon

 

Jahrelang lag der Plan in seiner Schublade. Lebhaft unterstützt von Bundestrainer Sepp Herberger kämpfte Franz Kremer, der weitsichtige Präsident des 1. FC Köln, mit Verve und Geduld um eine eingleisige nationale Fußball-Liga. Die Installation war längst überfällig, wurde aber von Vereinsfunktionären und regionalen Verbandsoberen beharrlich blockiert.

Erst deftige Pleiten deutscher Klubs im Europapokal (1. FC Nürnberg 0:6 bei Benfica Lissabon, 1. FC Köln 1:8 beim FC Dundee), der Niedergang der Nationalmannschaft (bei der WM 1962 frustrierender Defensivfußball und das Aus im Viertelfinale) und nicht zuletzt der Wechsel etlicher Nationalspieler ins Ausland (Albert Brülls, Helmut Haller, Karl-Heinz Schnellinger, Horst Szymaniak, Erwin Waldner, Rolf Geiger, Jürgen Schütz, Klaus Stürmer) ließ die Zahl der "Betonköpfe" schrumpfen.

Dennoch quälten Kremer Ängste, als "sein Kind" am 28. Juli 1962 im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle aus der Taufe gehoben werden sollte. Zum Glück waren sie unberechtigt: Mit 103 zu 26 Stimmen wird die notwendige Zweidrittelmehrheit für das "Staatstheater Bundesliga" (so ein Kommentator) klar übertroffen. Den Vollprofi einzuführen, dazu kann sich der DFB-Bundestag nicht durchringen. Der alte Amateurgedanke geistert durch das erste Bundes­ligastatut, das viele Mängel hat, und das zum Manipulieren und zu Schwarzgeldzahlungen geradezu einlädt.

Ärger gab es bei der Auswahl der 16 Gründungsklubs. Für Wilhelm Neudecker, den dynamischen Präsidenten des FC Bayern, war es ein Affront des DFB, den Traditionsklub von der Isar nicht zu berücksichtigen. Der TSV 1860 München, der 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt, der VfB Stuttgart und der Karlsruher SC erhielten die fünf Plätze für den Süden. In hölzernem Deutsch wurde dem FC Bayern vom DFB-Beirat mitgeteilt, dass es wenigstens im Jahr der Einführung der Bundesliga im allgemeinen Interesse des gesamten Fußballs nicht ratsam erscheint, zwei Vereinen am gleichen Ort eine Lizenz für die Bundesliga zu erteilen.

"In diesen Tagen wurde die Grundlage für einen gewissen Verfolgungs- und Verschwörungswahn des FC Bayern gelegt, der sich trotz des Aufstiegs des Klubs zum deutschen Rekordmeister bis heute gehalten hat," schreibt Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Buch "Die Bayern".

Die Empörung in der Republik hielt sich freilich in Grenzen. Die Fußballfans waren auf den 24. August 1963 fixiert, den Tag des Startschusses in ein neues Fußballzeitalter. Timo Konietzka vom Deutschen Meister Borussia Dortmund erzielte in Bremen das erste Bundesligator in der 1. Minute und Uwe Seeler vom Hamburger SV im Jahr der Premiere die meisten Treffer (30). Doch den Titel holte, wie erwartet, der 1. FC Köln, der Anfang der sechziger Jahre der Zeit weit voraus war. Im Gegensatz zu den meisten anderen Klubs beschäftigten die Rheinländer ihre Spieler wie die Vollprofis in England und Spanien. Franz Kremer hatte für sie durchweg zusätzliche Einnahmequellen erschlossen, die ihnen finanzielle Sorgen nahmen. Der Inhaber eines Geschenkartikel-­Großhandels vermittelte seinen Fußballangestellten Tankstellen und Toto-Lotto-Läden, in denen sie hauptsächlich repräsentierten. Bei der Konkurrenz wurde wie bisher vorwiegend am Abend trainiert. So saß zum Beispiel Nationalspieler Alfred "Aki" Schmidt von Borussia Dortmund täglich ein paar Stunden im Büro des Stahlkonzerns Hoesch, um sich ein Zubrot zu verdienen.

Die Kölner spielten den perfektesten Fußball aller Mannschaften und besaßen 1963 mit Wolfgang Overath und Wolfgang Weber zwei 19-jährige Talente, die schon bald in Herbergers Notizbuch auftauchten.

Von Hans Schäfer, dem Weltmeister von 1954 gelenkt, inszenierten sie einen Offensivfußball, den ähnlich attraktiv nur noch die Dortmunder Borussia zelebrierte. Thielen, Schäfer, Christian Müller, Overath und Hornig stürmten für die Kölner, Wosab, Schmidt, Brungs, Konietzka und Emmerich für die West­falen, die am Ende mit Platz vier vorliebnehmen mussten. Die Schlagzeilen gehörten dem Meidericher SV, der 1966 in MSV Duisburg umbenannt wurde, und seinem Trainer Rudi Gutendorf. Mit einer ausgeklügelten Defensiv­taktik verteidigten die Duisburger bis zum Schluss Platz zwei, und Guten­dorf erhielt den wenig schmeichel­haften Namen "Riegel-Rudi". Euro Palace Slots-Spiel erinnert an eine nostalgische Ausstellung aller Fußballhelden.

 

Maximal 1200 Mark Monatslohn
Das erste Bundesligastatut erlaubte den Spielern keine großen Sprünge. Die monatlichen Grundbezüge (Gehalt plus Leistungsprämien) durften 1200 Mark im Regelfall nicht überschreiten. Eine Höherdotierung »besonders qualifizierter Spieler« bedurfte einer gutachterlichen Stellungnahme bzw. einer Genehmigung des DFB-­Spielausschusses. Die Sonderprämien für Meistertitel und Pokalsieg durften maximal 2000 bzw. 1500 Mark betragen. Die Höchstgrenze für Ablösesummen war 50 000 Mark. Im Falle der Freigabeverweigerung des alten Vereins drohte eine Sperre von zwölf Monaten. Vereinswechsel waren nur nach Ablauf der Saison möglich.

 

Buch "50 Jahre Bundesliga"
Karlheinz Mrazek/Matthias Greulich: 50 Jahre Bundesliga, Copress Verlag, 19,90 Euro, 256 Seiten, ISBN 978-3-7679-0921-2



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