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PORTRÄT
Einen pfeif ich noch einmal
Zum Tod von Wolf-Dieter Ahlenfelder: Der Schiedsrichter des Jahres 1984 war bekannt für Sprüche wie „Echte Männer trinken keine Fanta“. Für ein weiteres Spiel vor großer Kulisse wollte der Oberhausener sogar ins Trainingslager gehen. Von Ben Redelings.




Schiedsrichterlegende Wolf-Dieter Ahlenfelder
Foto Andreas Teichmann


Wolf-Dieter Ahlenfelder kann es nicht lassen. Abends, wenn im Fernsehen Fußball läuft, sitzen er und seine Frau häufig gemeinsam in der akkurat eingerichteten Oberhausener Vorstadtwohnung und schauen, wie die Kollegen von heute pfeifen. Bei jedem Pfiff wird aufgehorcht: „Meine Frau lacht immer, die weiß ganz genau, was kommt. Bei jeder Entscheidung fragt sie: Und?“ Ihr Mann erklärt ihr dann in aller Ruhe, wie er entschieden hätte. In den 70er- und 80er-Jahren blickten Hunderttausende auf den kleinen, immer etwas rundlich wirkenden Mann aus dem Ruhrgebiet. Heute muss er nur noch vor seiner Frau bestehen, und die sagt stets nach seiner Entscheidung vor dem Fernsehgerät: „Stimmt!“

Es ist ruhig geworden um Wolf-Dieter Ahlenfelder. Für seinen Geschmack zu ruhig: „Ich bin ein Mensch, der gerne in der Öffentlichkeit steht. Da bin ich ehrlich. Ahli, du bist der Beste. Ahli, du bist der Schönste. Das liebe ich, das ist meine Welt“, gibt er freimütig zu und zupft an seinem schwarzen Schiedsrichterdress. „Der macht sich doch bestimmt gut für die Kamera“, hatte er kurz nach der Begrüßung aus dem Schlafzimmer gerufen und sich schnell die originale Arbeitsbekleidung von früher übergeworfen. Das verwaschene Trikot spannt etwas, aber das scheint Ahlenfelder nichts auszumachen. Er wirkt angeschlagen. Nur mühsam gelingt es ihm zu lächeln. Dreimal hatte er den Termin absagen müssen, nun will er das Gespräch endlich durchziehen: „Ich freue mich doch, wenn man mich nicht vergessen hat.“

Wolf-Dieter Ahlenfelder
Eigene Autogrammkarte: Wolf-Dieter Ahlenfelder genoss seine Popularität

 

Die Erinnerungen an früher, die vielen Anekdoten, die sich um seine Person ranken, haben Ahlenfelder einen festen Platz in der kollektiven Erinnerung der Bundesligafans eingebracht. Immer wieder aufs Neue muss Ahli, wie er sich selbst am liebsten nennt, auch heute noch seine Geschichten in der Kneipe zum Besten geben. Er selbst weiß manchmal gar nicht so genau, ob ihm das nun gefallen soll oder nicht. Mitten ihm Gespräch meint er plötzlich mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck: „Dazu sage ich nichts mehr. Das habe ich hundertmal erzählt, jetzt muss es reichen.“

 
Doch schon kurz darauf schildert Ahlenfelder noch einmal wie selbstverständlich, mit vollem Einsatz und ohne Selbstschutz die mittlerweile legendäre Anekdote aus dem Jahr 1975: „Werder Bremen gegen Hannover 96 habe ich nach 30 Minuten zur Halbzeit abgepfiffen. Nicht fragen, weshalb, wieso, warum. Lassen Sie uns in den Schrank gucken, da steht Schnaps drin. Ach nee, da hatten wir wohl einen zuviel getrunken, ich weiß es auch nicht. Ja, das ist Ahlenfelder.“ Das Eingeständnis Ahlenfelders, dass die fettige Gans zum Mittagessen mit ein paar Gläsern Bier und einigen Malteser-Schnäpsen „bekämpft“ worden war, nutzen findige Bremer Kneipiers der Sage nach noch heute für ihre Geschäfte: „Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man ein Malteser-Bier-Gedeck. Da bin ich stolz drauf.“

Der Deutsche Fußball-Bund fand die Angelegenheit damals natürlich nicht so lustig. Es war erst das dritte Spiel Ahlenfelders, und so kann man im Nachhinein wohl davon ausgehen, dass eine gehörige Portion Glück, aber vor allem auch schnell wachsende Beliebtheit dazu geführt haben, dass ihn der DFB bereits nach einer kurzen Pause wieder einsetzte. Von Beginn an hatte sich der Schiedsrichter des Jahres von 1984 mit seiner ganz eigenen, von kleinen Gesten und viel Kommunikation geprägten Art ins Rampenlicht der immer noch jungen Liga katapultiert.

Ahlenfelder selbst erinnert sich noch genau und mit viel Wehmut in der Stimme an die Abläufe nach seiner Bundesligapremiere: „Ich bin anschließend zum Abendessen gegangen und da war stehender Applaus. Die Leute sind von den Plätzen hoch und haben geklatscht. Die haben gesagt, so etwas haben wir noch nie gesehen. Das war der beste Schiedsrichter, der je hier war. Aber dann kam ja auch schon das dritte Spiel.“

Ahlenfelder muss schlucken. Er leidet. Die Erinnerungen scheinen ihm wieder einmal schmerzlich vor Augen zu führen, dass das Leben von früher nur noch Geschichte ist. Er ist Geschichte. Eine Tatsache, mit der er nur schwer zurechtkommt. Am Tag, als er damals begriff, dass der DFB ihn nie wieder einsetzen würde, ging für Ahlenfelder eine Welt unter: „Fußball war mein Leben. Fußball ist mein Leben. Damit bin ich groß geworden. Ich stand in der Öffentlichkeit, das hat man mir alles genommen. Das Größte, was man mir genommen hat, war der Fußball. Das ist das, was mir fehlt. Du bist nicht mehr da oben“, sagt er mit Tränen in den Augen und fügt noch etwas Entscheidendes hinzu: „Ich war ein ganz Großer.“

Damals aktive Spieler wie Offizielle sprechen mit Hochachtung von Ahlenfelder. Sie loben seine offene Art, sein Talent auf die Spieler zuzugehen. „Der hat mit jedem gesprochen. Das war seine Stärke“, erinnert sich der ehemalige Flügelstürmer des VfL Bochum, Heinz-Werner Eggeling, und sein damaliger Mitspieler, Jupp Tenhagen, fügt schmunzelnd hinzu: „Spätestens wenn er sagte, „Jupp, bisschen ruhiger, wir wollen doch gleich noch ein Bier zusammen trinken“’, wusste ich, dass genug war.“

An die gemeinsamen Bierchen nach den Spielen mit den örtlichen Gastgebern erinnert sich Ahlenfelder auch heute noch ganz besonders gerne und er lacht lauthals auf, als er daran zurückdenkt. Man ließ sich von den Vereinsoffiziellen gebührend beköstigen und feierte gemeinsam rauschende Feste. „Meine Güte, das waren herrliche Abende. Wir haben gesungen und getanzt, und einmal brach sogar der Tisch unter uns zusammen“, schwelgt Ahlenfelder schenkelklopfend in Erinnerungen.

Schließlich hält er inne. Ahlenfelder hat einen Gedanken im Kopf, der ihn nicht loszulassen scheint. Er strahlt übers ganze Gesicht. Nervös wippt er auf dem braunen Samtsofa hin und her. Man merkt, Wolf-Dieter Ahlenfelder hat diesen Gedanken nicht zum ersten Mal: „Ich würde heute gerne noch einmal ein Spiel pfeifen. Einen finde ich einmal, der das klar macht im RWO-Stadion. Der Ahlenfelder vor großer Kulisse. Dann zeig ich denen mal, wie ein Spiel gepfiffen wird. Mit Liebe, Regelkenntnis und mit Fingerspitzengefühl.“ So einer kann es eben nicht lassen.

Das Porträt ist in RUND – #20_03_2007 erschienen.

Ahlenfelder-Wimpel
106 Bundesligaeinsätze: Wolf-Dieter Ahlenfelder mit
seinem speziellen DFB-Wimpel Foto Andreas Teichmann




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