Zurück  |  

PORTRÄT
Ein echter Gomez
Zum Karriereende von Mario Gomez. Ein Porträt des Angreifers von Oliver Lück. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg".

 

Mario Gomez
Sein letztes Trainingslager beim FC Bayern: Mario Gomez im Trentino. Foto Pixathlon

 

Wenn am Rande des Übungsplatzes an der Säbener Straße die Autogrammsammler warten, geht es zu wie im Schlussverkauf. Jeder will mal, alle haben noch nicht. Das Training des FC Bayern München ist gerade erst beendet, jetzt kommen die Profis vorbei. Die Fans halten Postkarten, Poesiealben und Bilder mit den Gesichtern ihrer Stars in den Händen. Kinder rufen die Namen der Spieler und möchten Unterschriften. Junge Frauen kreischen und möchten Kinder von den Spielern. „Franck, Franck!“ Filzstifte quietschen. Fotoapparate klicken. Der Franzose Franck Ribery wirkt sehr konzentriert, wenn er schreibt. Sein Name ist trotzdem nicht zu entziffern. Der Holländer Arjen Robben malt ein Gewirr aus Bögen und Strichen, dann zeichnet er noch eine 10 daneben, seine Rückennummer. Zwei junge Fans strahlen und pusten die Schrift trocken. „Mario, Mario!“ Mario Gomez schreibt seine Autogramme in etwa so, wie er Fußball spielt. Zunächst zwei Schlaufen für das M, dann stoppt er ab und setzt einen Punkt. Es folgen eine halbe Drehung, ein Haken und ein Kreis zu Beginn seines Nachnamens, der Rest ist ein schneller Strich. Früher hat er jeden Buchstaben noch schön ausgeschrieben. Nun könnte man meinen, dass er zielstrebiger geworden ist. Eine Eigenart, die sich jeder Stürmer wünscht.

Niemand möchte der Gegenspieler von Mario Gomez sein – fast 1,90 Meter groß, beinahe 90 Kilo schwer. Er ist ein kraftvoller, bulliger Angreifer, aber dennoch dynamisch im Antritt und im Gedränge vor dem Tor sehr beweglich und wendig. Er stürzt sich in jedes Dribbling. Zudem ist er kopfballstark und schießt mit den beiden Füßen gleich gut. Mit seinen Toren schenkte er dem VfB Stuttgart 2007 überraschend die Deutsche Meisterschaft, obendrein debütierte Gomez in der Nationalmannschaft und wurde zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt – mit erst 22 Jahren.

Nur zwei Jahre später war er der teuerste Transfer der Bundesligageschichte. Rund 35 Millionen Euro überwies der FC Bayern ins Schwabenland. „Ich werde nicht scheitern“, war Mario Gomez schon damals überzeugt. Zwei Jahre später wurde er mit den Münchenern Meister und Pokalsieger. „Ich kann mich selbst sehr gut einschätzen. Man kann sich immer verbessern, aber ich kenne meine Stärken und weiß, dass ich komplett bin.“ Wenn jemand wie Mario Gomez das sagt, klingt das nicht arrogant oder abgehoben, es klingt realistisch. Der Mann mit den schwarzen Haaren, dessen spanische Wurzeln sichtbarer als seine schwäbischen sind, versteht es, Bescheidenheit und Ehrgeiz in ein gesundes Verhältnis zu bringen. „Mein Vater hat mir gezeigt, was man mit Arbeit erreichen kann. Das prägt", sagt er, „ich hebe nicht ab.“

Und auch Bundestrainer Joachim Löw weiß, was er an Gomez hat: „Ich erlebe Mario als sehr reife Persönlichkeit. Er verfolgt seine Ziele mit Vehemenz. Sein Weg ist imposant, er hat eine unglaubliche Ausstrahlung und es ist schwierig, bei ihm noch eine Schwäche auszumachen.“ Dass Stürmer aber vor allem an ihren Toren gemessen werden, ist so alt wie der Fußball selbst. Sie sind die Ersten, die bejubelt werden, wenn sie treffen. Sie sind die Ersten, die der Häme und den Schmähungen ausgesetzt sind, wenn sie daneben zielen. Wie Angreifer von der Öffentlichkeit bewertet würden, sei sehr durchschaubar, sagt Mario Gomez: Spielt er schlecht und schießt ein Tor, ist die Note tags darauf in den Zeitungen in Ordnung. Spielt er gut, bleibt aber ohne Tor, reicht es meist nur für ein Ausreichend.

Ausgerechnet im Trikot der DFB-Elf musste Mario Gomez 2009 seine erste länger anhaltende Torflaute bewältigen. Je länger diese dauerte, umso hysterischer zählte die deutsche Fußballpresse Minute um Minute. 829 Länderspielminuten ohne Tor waren es am Ende. Etwas mehr als neun Spiele also. Eigentlich nicht viel – für einen Stürmer aber eine unerträgliche Ewigkeit. Daraus hat er gelernt. „Meine Kritiker sollen meine Statistik lesen“, sagt Mario Gomez heute, wenn er wieder einmal darauf angesprochen wird, dass Tore auf sich warten lassen. Und er hat Recht, seine Zahlen lesen sich beeindruckend: Nimmt man Bundesligaspiele und Treffer, liegt Gomez bei einer Quote von über 50 Prozent. Alleine beim VfB Stuttgart hat er in 121 Spielen 63 Mal getroffen. Mario Gomez hat sich zu einem der zuverlässigsten deutschen Angreifer entwickelt. Er sagt: „Wenn ich fit und gesund bin und das Vertrauen bekomme, werde ich immer meine Tore machen.“

In Albuñán, dem andalusischen Heimatdorf seiner Großeltern, haben sie bereits eine Straße nach ihm benannt. Auch der Sportplatz soll vielleicht bald nach ihm heißen. Doch ganz gleich, wo Mario Gomez auftaucht, bildet sich stets eine Traube von Menschen um ihn. Er ist das Zentrum. Auf dem Platz, wenn er wieder einmal getroffen hat und seine Kollegen ihn beglückwünschen. In der so genannten Mixed Zone, wo Journalisten fragen und Spieler antworten. Am Rande des Trainingsgeländes, wo die Fans Stifte, Zettel und Fotoapparate bereit halten und er Halt macht, um Autogramme zu geben. Wie an der Säbener Straße in München, wo Gomez auch jetzt noch geduldig jeden Wunsch der Fans erfüllt, als die anderen Spieler des FC Bayern schon längst in der Umkleidekabine verschwunden sind.  Er lächelt brav in jedes Fotohandy, nimmt Kinder in den Arm, beantwortet Fragen und schreibt seinen Namen, immer und immer wieder: Zwei Schlaufen, dann der Punkt, eine halbe Drehung, ein Kreis und der finale Strich – fertig ist der echte Gomez.

 

Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg.

 „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" von Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



Zurück  |