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INTERVIEW
„Sieben, acht Spieler geben die Richtung vor“
Interview Teil 2: Riccardo Montolivo kam 2012 erst zum AC Milan und ist seit der aktuellen Saison nach Ambrosinis Weggang überraschend neuer Kapitän der Mannschaft. Vereinspräsident Berlusconi habe gleich nach Montolivos Ankunft in Mailand gesagt, dass der Mittelfeldspieler das Zeug zum zukünftigen Kapitän habe. Schon als Kind sei er positiv aufgefallen und sein Spielerpass gefälscht worden, damit er mit den Älteren spielen konnte. Im RUND-Interview spricht Monto´ mit Antje Luz über die Champions League und Führungsrollen im Fußball.

 

Ricardo Montolivo
"Stamme aus einer Familie mit Milanisti": Riccardo Montolivo. Foto Pixathlon

 

RUND: Welches Ziel ist wichtiger für den AC Milan: Champions League oder Meisterschaft?
Riccardo Montolivo: Naja, die Champions League ist das wichtigste Ziel. Aber auch das schwierigste.

RUND: Und Ihr persönliches Ziel?
Riccardo Montolivo: Die Champions League ist ein Traum. Aber es wäre schön, dieses Jahr irgendeine Trophäe in die Höhe zu halten, sei es Pokal, Meisterschaft oder Champions League … Sie sind alle verschieden, haben unterschiedliche Werte, aber wir müssen wieder gewinnen.

RUND: Mit 14 Jahren waren Sie mit Ihrem Vater das erste Mal im San Siro. Welche Erinnerung haben Sie daran? Und welches Gefühl empfinden Sie heute, mit 28 Jahren, als Kapitän dort zu spielen?
Rcicardo Montolivo: Das ist das Allerspannendste, weil ich aus einer Familie mit Milanisti stamme und das erste Spiel im Stadion war Milan – Sampdoria, 3:2! Ich erinnere mich an ein unglaubliches Stadion, auch weil ich glaube, dass das Stadion San Siro das schönste der Welt ist. Und wer hätte je gedacht, dass ich 14 Jahre später den Rasen als Kapitän der Mannschaft betrete, das hätte ich nie erwartet, keiner hatte das!

RUND: Wer ist stolzer – Sie oder Ihr Vater?
Riccardo Montolivo: (lacht) Ich weiß es nicht. Er sicher auch, weil mein Vater ins Stadion ging, um Rivera (Gianni Rivera, ehem. Kapitän des AC Milan, Anm.d.Red.) sehen und deshalb denke ich, dass es auch für ihn ein unglaubliches Gefühl ist. – Es ist eine große Ehre, Kapitän zu sein.

RUND: Hat ein Kapitän Ihrer Meinung nach auch eine Führungsrolle, um das Gleichgewicht innerhalb der Mannschaft zu bewahren?
Riccardo Montolivo: Ja, ein Kapitän muss eine Führungsrolle übernehmen, aber nicht allein. Ich glaube, dass in einem Team sieben, acht Spieler sein müssen, die eine Richtung vorgeben. Die Kraft und die Persönlichkeit eines Teams kommen von mehreren. Und das ist wichtig, sei es in technischer wie in psychologischer Hinsicht.

RUND: Und der Kapitän?
Riccardo Montolivo: Der Kapitän vertritt innerhalb wie außerhalb des Spielfeldes die gesamte Mannschaft, aber ein Kapitän allein kann wenig ausrichten, er braucht die anderen Spieler, die den harten Kern ausmachen, um den Weg zu weisen. Der Kapitän sollte vielleicht der erste unter ihnen sein.

RUND: Sie haben in den ersten drei Spielen zweimal gelb gesehen. Passt das zur Vorbildfunktion?
Riccardo Montolivo: Normalerweise bekomme ich nicht viele Karten, jetzt ist das eben passiert, da hatte ich eine Reaktion, die ich vielleicht hätte vermeiden können…

RUND: Sie sind vielseitig einsetzbar: Spielmacher, Mittelstürmer, Flügelspieler,… Vergangene Saison spielte Milan überwiegend mit einem 4-3-3, jetzt scheint Trainer Allegri ein 4-3-1-2 zu bevorzugen. Welches System gefällt Ihnen besser?
Ricardo Montolivo: Die Rolle, in der ich der Mannschaft nützlicher bin, also ich mag die Position lieber, auf der ich den besten Beitrag für meine Mannschaft leisten kann, ob nun mit Verteidigungs- oder mit Offensivcharakter.

RUND: Juventus war die stärkste Mannschaft des vergangenen Jahres: dort musste man seit 2006 (nach Calciopoli) auf junge Spieler setzen, weil viele große weggegangen waren. Derzeit erfindet sich Milan neu sowie der ganze italienische Fußball. Normalerweise dauert das Jahre, aber der Druck für eine schrittweise Entwicklung ist in Italien zu groß. Milan ist es vergangene Saison nach anfänglichen Schwierigkeiten gelungen, innerhalb weniger Monate ein junges Team zu bilden …
Riccardo Montolivo: Das ist wahr. Bis vor wenigen Jahren konnten Milan und andere italienische Vereine die Spieler kaufen, die sie haben wollten. Heute spielt die Musik anders und sie müssen in junge Spieler und in die eigene Jugendarbeit investieren. Das ist etwas, an das die großen Vereine kaum gewöhnt waren.

RUND: Es ist sehr schwierig, im italienischen Fußball Geduld für eine langfristige Entwicklung aufzubringen …
Riccardo Montolivo: Ja, sehr, weil es hier sehr großen Erfolgsdruck gibt. Oft sind dann die Urteile bezüglich eines jungen Spielers voreilig, d.h. dass er von einem Monat zum anderen oder von einer Woche zur anderen völlig voneinander abweichend beurteilt wird.

RUND: Das passiert auch den erfahrenen Spielern.
Riccardo Montolivo: Ja, das stimmt. Aber bei den erfahrenen Spielern ist es vielleicht eher verständlich, bei den jungen Spielern wäre ein bisschen mehr Geduld angebracht und mehr Balance. Wir haben letzte Saison sehr viel verändert und junge Spieler eingesetzt, die jetzt in der Nationalmannschaft spielen. Das heißt, sie sind von einem Namenlosen zu einem Nationalspieler geworden. Milan hat in dieser Hinsicht große Arbeit geleistet. Die Vorstellung hier ist, einen Mix aus hochbegabten jungen und aus profilierten Spielern zu schaffen.
 
RUND: Und wie kann Milan nötige Automatismen finden?
Riccardo Montolivo: Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, den Trainer nicht gewechselt zu haben, weil er die Stärken und Schwächen der Mannschaft kennt – und auch die Mannschaft kennt den Trainer.

RUND: Drei Bedingungen für Erfolg?
Ricardo Montolivo: Professionalität, Opferbereitschaft und Leidenschaft für das, was man tut.

RUND: Welches ist das schönste Geschenk im Fußball und welches im Leben?
Riccardo Montolivo: Die Freude, jeden Tag spielen zu können, am Training teilzunehmen, meine Leidenschaft zu meiner Arbeit gemacht zu haben. Das ist das Schönste. Und auch die Möglichkeit, sich mit großartigen Siegern auseinanderzusetzen. – Und im Leben, da hoffe ich, dass die schönsten Dinge noch kommen werden, weil ich keine Kinder habe. Das ist wahrscheinlich die größte Freude, die ein Mensch haben kann.

RUND: Wie beenden Sie den Satz: “Fußball ist ein Spiel für …“ ?
Riccardo Montolivo: für Kinder. Keiner sollte vergessen, dass Fußball ein Spiel ist und auch nicht den Spaß und die Spiellust, die einen begleitet haben, als man Kind war.

 

Klicken Sie hier, um Teil 1 des Interviews mit Riccardo Montolivo zu lesen.



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