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TAKTIK
„Die WM fühlte sich an wie Fußball in den frühen Achtzigern“
Der englische Taktikexperte und Autor Jonathan Wilson hat mit seinem Buch „Inverting the Pyramid“ (in deutscher Übersetzung als „Revolutionen auf dem Rasen“erhältlich) zahlreiche Blogger inspiriert. RUND hat mit ihm über „NBA-Fußball“, den Einfluss von Louis van Gaal und absichtliche Fehlpässe gesprochen. Interview Matthias Greulich

 

Iker Casillas, Wesley Sneijder und Arjen RobbenNBA-Fußball bei der WM in Brasilien: Iker Casillas und Wesley Sneijder sehen, wie sich alles um Arjen Robben dreht. Foto Pixathlon

 

RUND: Mister Wilson, Frank Wormuth, Trainerausbilder in Deutschland, sagt, die Zuschauer müssten sich auf „kluge Fehlpässe als taktisches Mittel“ einstellen. Was glauben Sie?
Jonathan Wilson: Ich bin skeptisch. Vielleicht passiert es so. Aber ich finde es etwas schwierig, das zu glauben. Die Idee, dass man den Ball nicht braucht, wenn die defensive Struktur gut genug ist und sie den Gegner am Ende zu Fehlern zwingt, ist schlüssig. So hat José Mourinho mit Chelsea in der letzten Saison in Liverpool gewonnen. Außerdem gibt es Mannschaften, die Gegenspieler ausgucken, von denen sie denken, dass sie verletzlich seien. ,Lasst uns ihm den Ball zuspielen. Wir verhindern die übrigen Optionen und bekommen den Ball zurück.’ Das ist wahr. Diese beiden Aspekte stimmen sicherlich und es ist über sie geschrieben worden. Aber den Ball zum Gegner zu spielen? Barcelona und Bayern haben brillante Fußballer, warum will man sie nicht den Ball haben lassen?

RUND: Louis van Gaals Ballbesitzfußball in seiner Zeit bei Bayern München war laut Thomas Tuchel eine Ursache für den deutschen WM-Triumph. Hat Tuchel recht?
Jonathan Wilson: Ich bin absolut einverstanden. Es gibt zwei Leute, die den modernen Fußball in den vergangenen 20, 25 Jahren geprägt haben: In Europa ist es Louis van Gaal und in Südamerika Carlos Bielsa. Beide haben ähnliche Ideen. Van Gaal verkörpert die holländische Schule. Er ist auf eine Art ein bisschen pragmatischer. Schau dir ihre Mannschaften an: Sie spielen alle nach denselben Grundprinzipien.

RUND: Sie haben im Guardian über van Gaals Einfluss geschrieben, als er Barcelona trainierte.
Jonathan Wilson:1999/2000 van Gaals letzte Saison in Barcelona. Assistenztrainer war Ronald Koeman. Der dritte Trainerassistent hieß José Mourinho. Im Mittelfeld spielten Pep Guardiola, Frank de Boer und Luis Enrique. Die Trainer von Manchester United, Chelsea, Bayern München, Barcelona, PSV und Ajax sie alle haben 1999/2000 in Barcelona gearbeitet. Selbst wenn man wie Mourinho van Gaals Fußball-Philosophie ablehnt, hat er trotzdem etwas mitgenommen: Wie man sich gegenüber Spielern verhält, wie man sie führt. Er muss davon etwas gelernt haben. Guardiola sagt sehr offen, dass van Gaal der für ihn einflussreichste Trainer war, den er hatte. Soviel Einfluss ist außergewöhnlich, ich würde sagen unerreicht. 1999/200 war das größte College der Fußballgeschichte.

RUND: Obwohl van Gaal als autoritär gilt.
Jonathan Wilson: Ich glaube van Gaal bringt seinen Spielern bei, selber zu denken. Solange man so denkt wie er. (lacht) Er ermutigt sie dennoch zu einer gewissen gedanklichen Unabhängigkeit. Das lässt sie über das Spiel nachdenken und in den Trainerberuf wechseln.

RUND: Was kann er bei Manchester United bewirken?
Jonathan Wilson: Die Angriffe gegen ihn zu Saisonbeginn waren Unsinn. Das eigentliche Problem ist, dass er anfangs mit mangelnden Investitionen in den letzten sieben, acht Jahren klarkommen musste. Sie waren nah an der Spitze, haben aber nicht mehr ausgegeben, um das Niveau von Bayern München, Barcelona oder Real Madrid zu erreichen. Van Gaal wird etwas erreichen, man muss nur daran denken, was er mit Bayern, Barcelona und sogar Ajax geschafft hat. Er braucht Zeit, um seine Botschaft zu vermitteln. Man braucht Geduld.

RUND: Welche Trends erwarten Sie in der Champions League?
Jonathan Wilson: Es passiert häufiger, dass ein oder zwei sehr gute Mannschaften nach oben kommen. Das passierte mit Dortmund und Manchester City in den beiden letzten Jahren. Beide haben wirklich zu den Topteams aufgeschlossen. Das ist das Einzige, was es interessant macht: Wenn es auf Rang drei und vier einer Gruppe gute Mannschaften gibt. So wie im Vorjahr mit Arsenal, Dortmund, Napoli und Marseille – das ist dann eine interessante Gruppe. Drei Ligen dominieren: Spanien, Deutschland und England. Außer Juventus können die italienischen Klubs nicht mithalten. Aus der Gruppenphase kristallisieren sich zehn bis zwölf Mannschaften der großen Ligen heraus. In der frühe Phase der Champions League passiert nicht wirklich viel. Ich denke wir erwarten dieselben Semifinalisten wie immer, wenn nichts Verrücktes passiert. Im Halbfinale erwartet man Real Madrid, Bayern München, Barcelona und wahrscheinlich eine englische Mannschaft. Dann wird es für mich interessant. Es ist ein langer Prozess, bis es soweit kommt.

RUND: Die englischen Teams haben eine höhere Belastung als ihre Konkurrenten vom Kontinent.
Jonathan Wilson: Die Sache ist die: Eine der schönen Dinge am englischen Fußball ist, dass wir eine Ligastruktur haben, die so tief hinunter reicht. Es gibt 92 Ligavereine und noch weitere zehn bis 15 professionelle Teams. Wir haben den League Cup und den FA Cup, um den unteren Mannschaften die Gelegenheit zu geben, gegen ein Topteam zu spielen. Heute lassen sich die negativen Auswirkungen auf die Nationalmannschaft und die Topklubs in der Champions League nicht leugnen. Andererseits hatten die keine Probleme zwischen 2007 und 2010. Es ist also nicht wirklich eine Ausrede. Chelsea wird mit den Zugängen wie Cesc Fabrégas viel stärker. Liverpool kann wieder unter die ersten Vier kommen. Arsenal hat Hunderte von hochtalentierten Mittelfeldspielern und Stürmern. Die Hälfte von ihnen sind immer verletzt. Und sie haben keine Absicherung nach hinten.

RUND: Welche taktischen Lehren gab es bei der WM in Brasilien?
Jonathan Wilson: Eine WM ist kein Ort mehr für so etwas. Beim WM-Turnier sehen wir einen anderen, einfachen Fußball als in der Champions League. Die Trainer haben keine Zeit, um mit ihren Spielern zu arbeiten. Vor 30 oder 40 Jahren war die Funktion einer Weltmeisterschaft fast wie eine die einer großen Internationalen Konferenz, wo die besten Spieler und Trainer aufeinandertrafen. Man sah einen Austausch unterschiedlicher Spielideen. Nun spielt die große Mehrheit der besten Spieler in der Champions League und den Top vier oder fünf Ligen in Europa. Wenn man an die Holländer 1974 oder die Ungarn 1954 zurückdenkt – zwei große Mannschaften, die revolutionär spielten. Im Fall der Niederländer wurden sie bei der WM zum ersten Mal auf der großen Bühne wahrgenommen. Wir brauchen die Bühne der WM nicht mehr. Für taktische Dinge hat das Turnier nur noch begrenzte Bedeutung.

RUND: Was war dabei zu beobachten?
Jonathan Wilson: Eine leichte Rückkehr zur Individualität im Fußball – zumindest in der ersten Phase des Turniers. Es fühlte sich ein bisschen wie in den frühen Achtzigern an. Man schaute sich Spiele an, weil man Platini oder Maradona gut fand. Bei den Holländern drehte sich alles um Arjen Robben, bei Brasilien um Neymar und bei Argentinien um Lionel Messi. Am Ende gewann eine Mannschaft mit systemtreuen organisierten Fußball – Deutschland. Sie dominieren. Heute musst du die Positionen tauschen. Die Defensivarbeit zählt. Alles, was man von den Topklubs erwartet. Auf eine Art war Deutschland eine Kombination aus Bayern und Dortmund light. Die WM ist eine Bestätigung von Dingen, die man bereits wusste.

RUND: Die Kollegen von „So Foot“ aus Frankreich nannten den Trend zur Individualiät „NBA Fußball“.
Jonathan Wilson: Ein sehr guter Vergleich für den Versuch, eine ganze Mannschaft für einen Star spielen zu lassen. Ich weiß aber nicht wirklich etwas über Basketball. Ich denke aber, dass es sicher richtig ist, dass das Marketing den Fußball mehr und mehr zur NBA macht. Bis hin zu der Tatsache, dass England ganz in weiß spielt. Deutschland ganz in weiß spielt. Man darf keine Hosen in anderen Farben nehmen. Es kommt zu solch einem Nonsens wie zwischen Holland und Spanien. Die Spanier ganz in weiß, die Niederländer waren ganz in blau, anstatt in Orange. Sie sagen, dass man entweder weiß oder dunkel braucht, wegen der Sichtbarkeit im Fernsehen. Dabei braucht man das beim High Definition Fernsehen eigentlich weniger. Je besser die Auflösung wird. Der Fußball hat seit 150 Jahren Trikots mit Streifen und verschiedenen Farben, auch seit es Fernsehübertragungen gibt. Warum ändert man das für das Marketing? Das macht die Kids sehr zu NBA-Kids.

RUND: Taktische Stärken einer Mannschaft spielen bei der Vermarktung keine Rolle.
Jonathan Wilson: Der Fußball wird nicht so vermarktet, dass man auf die Taktik der Mannschaften schaut. Schau dir Cristiano Ronaldo an. Wie gut er aussieht. Schau dir seine Muskeln an. Das ist viel leichter zu vermarkten.

 

Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik
Verlag Die Werkstatt. 464 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-89533-769-7

 

Jonathan Wilson

 



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