Zurück  |  

INTERVIEW TEIL 2
„In Italien gereift“
Jürgen Kohler erinnerrt sich an seine Zeit bei Juventus Turin und erzählt, wie er den WM-Sieg der DFB-Elf 2014 erlebt hat. Interview Henning Klefisch.

 

 Jürgen Kohler gegen Gianluca Vialli
Bei der EM 1988 im Düsseldorfer Rheinstadion: Jürgen Kohler gegen Gianluca Vialli. Foto: Pixathlon

 KLicken Sie hier, um Teil 1 des Interviews mit Jürgen Kohler zu lesen: „Die heutigen Innenverteidiger haben kein gutes Abwehrverhalten“

 

Herr Kohler, Sie haben Anfang der 90er-Jahre bei Juventus Turin, der „alten Dame“, gespielt. Gibt es noch Kontakte dorthin?
Jürgen Kohler: Als Antonio Conte noch da war, habe ich sicherlich einen besseren Kontakt gehabt, auch mit Massimo Carerra, seinem Co-Trainer. Auch mit dem Torwarttrainer habe ich noch zusammengespielt. Auch die Agnelli-Neffen kenne ich natürlich und finde es sensationell, wie sie diesen Klub aus schwierigen Zeiten heraus wieder in ruhige Fahrwasser gebracht haben. Es fehlt schon noch ein Stück, um international dahin zu kommen, wo der Klub schon einmal war. Zu meiner Zeit war Juventus einer der Top-Klubs in Europa, wenn nicht sogar weltweit einer der seriösesten Klubs überhaupt. Das Schöne war, dass nur ausgewählte ausländischen Spieler dort spielen durften. Ich war einer davon, habe mich dort auch als Stammspieler durchgesetzt. Das war sicherlich nicht so einfach wie in der heutigen Zeit nach dem Bosman-Urteil. Danach sind die Grenzen einfach aufgegangen und der Fußball ist global geworden.
 
Sind Sie als Fußballer und als Mensch in Italien gereift?
Jürgen Kohler: Auf jeden Fall. Ich denke schon, dass man einen Entwicklungsprozess durchmacht, womit man persönlich noch einmal einen höheren Step erreichen kann. Man geht in ein fremdes Land, muss eine fremde Sprache erlernen, lernt auch eine andere Kultur kennen. Es war so, dass ich als Deutscher mich den Italienern anpassen musste. Ich finde ganz schön, wenn man dazu bereit ist, diese Kultur mitzutragen. Auch dieses Leben, dieses Feeling, was läuft da in diesem Land, wie ticken da die Menschen, mitzuerleben. Daran reift man natürlich und kann viel mitnehmen, für sein Leben und auch für seine eigenen Kinder. Dadurch kann man das ein oder andere mit auf den Weg geben.

 

Jürgen Kohler gegen Alen BoksicJürgen Kohler im Triktot von Borussia Dortmund gegen Alen Boksic von Juventus Turin, 1997 Foto Pixathlon
 

 

Die italienische Serie A wird zunehmend kritisch gesehen, weniger Zuschauerzahlen als in der Bundesliga und viel Gewalt. Woran krankt die Serie A?
Jürgen Kohler: Ich glaube, dass die Stadien einfach marode sind. Es wurde versäumt, einen gewissen Komfort dort einzurichten. Bis auf die Juventus-Arena in Turin sind alle Stadien in Italien alt. Auch das Guiseppe-Meazza, was damals auch gigantisch gewesen ist, ist in die Jahre gekommen. Das sind Probleme in der Struktur. Leider haben die Italiener auch versäumt, ihren eigenen Nachwuchs zu fördern und viel mehr auf den Nachwuchs zu setzen, anstatt sich mit zweitklassigen Ausländern vollzustopfen. Ein Problem, was es in der Bundesliga auch in den 90er-Jahren gegeben hat, dass wir uns mit zuvielen durchschnittlichen Ausländern die Türen für die jungen Talente zugemacht haben. Gott sei Dank ist da auch ein Umschwung und ein Umdenken bei den handelnden Personen gekommen. Um diese Vorkehrungen beneidet uns die ganze Welt.
 
Stichwort DFB-Team. Wie haben Sie den vierten Weltmeistertitel erlebt?
Jürgen Kohler: Ich war zu Hause. Wenn mir das Spiel nicht gefallen hat, konnte ich wenigstens umschalten. Wenn du vor Ort bist, kannst du das nicht. (lacht)
 
Wie haben Sie den 7:1-Halbfinalsieg gegen Brasilien bei der letzten WM wahrgenommen? Waren wir so stark oder war Brasilien so schwach?
Kohler: Das liegt im Auge des Betrachters. Für mich waren wir stark. Wir haben 7:1 gewonnen. Es war absolut verdient.


Können Sie die aktuelle Kritik nachvollziehen, die gerade in Bezug auf Jogi Löw vorherrscht?
Jürgen Kohler: Das ist normal. Der Fußball ist sehr schnelllebig, um nicht zu sagen fast ein Tagesgeschäft, gerade, wenn du einen Titel holst. Wenn dann die negativen Ergebnisse kommen, interessiert es keinen, ob du viele Verletzte hast, ob der eine oder andere Spieler aufgehört hat. Wobei ich finde, dass die Diskussionen auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen sind. Der einzige richtige Stammspieler beim letzten WM-Titel war Philipp Lahm. Die Diskussion, dass drei wichtige Führungsspieler aufgehört haben, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Bei Lahm kann ich das sicherlich. Was ich klar sagen muss, ist, dass die deutsche Mannschaft ein Team gewesen ist. Deshalb sind sie auch verdient Weltmeister geworden. Jetzt geht es darum, dass wir schnellst möglichst wieder in die Spur kommen. Das ist nicht einfach. Früher haben wir die anderen gejagt. Jetzt werden wir gejagt. Das sind ganz andere Voraussetzungen. Dazu ein ganz anderes Denken in der Birne auch für die eigenen Spieler. Damit muss man erst einmal klarkommen. Da gilt es nun schnell den Schalter umzulegen. Top-Spieler können das auch ganz schnell. Andere Spieler müssen das erst lernen.



Zurück  |