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INTERVIEW
„Der BVB ist entschlüsselt“
Ex-Nationalspieler Thomas Helmer, der lange für Borussia Dortmund und Bayern München aktiv war, zeigt sich im Interview froh, dass er nie gegen Robert Lewandowski spielen musste und erinnert sich an eine kurze Orientierungslosigkeit bei seiner früheren Rückkehr nach Dortmund. Interview Elmar Neveling.

 

Thomas HelmerSechs Jahre Dortmund, sieben bei den Bayern: Thomas Helmer, 49. Foto Pixathlon

 

 

Herr Helmer, warum steht der BVB derzeit so tief im Tabellenkeller?
Thomas Helmer: Ich glaube, dass Robert Lewandowski als überragender Stürmer nicht zu ersetzen ist. Ciro Immobilie und Adrian Ramos sind völlig andere Spielertypen. Ein Immobilie zum Beispiel ist ein reiner Strafraumspieler und beteiligt sich bei weitem nicht so sehr am Kombinationsspiel wie Lewandowski. Bei den Bayern hat man mir erzählt, dass es für sie unfassbar ist, wie Lewa die Bälle mitnimmt und verwertet – und das, obwohl er noch längst nicht in seiner Dortmunder Topform ist.
 
Aber am Abgang von Robert Lewandowski alleine kann es doch nicht liegen, dass der BVB so abgerutscht ist, oder?
Nein, sicher nicht. Hinzu kommt die Vielzahl an individuellen Fehlern, die vom Rest der Mannschaft nicht aufgefangen werden. Sei es wegen Formschwäche oder mangelnder Spielpraxis nach Verletzungen. Auch sind die Ansprüche größer geworden, gerade bei den Weltmeistern. So wird dann schnell die Unzufriedenheit größer, wenn es mal nicht läuft. Zumindest ist es ein gutes Zeichen, dass sich der BVB viele Torchancen erspielt.
 
Sollte der BVB zur kommenden Saison die Qualifikation für die Champions League verpassen, ist der kolportierte Wechsel von Marco Reus nach München dann vorprogrammiert?
Gut möglich. Arjen Robben und Franck Ribéry sind ja nicht mehr die Jüngsten, die Bayern werden sich also nach Verstärkungen für die Außenbahnen umsehen. Marco Reus als junger deutscher Nationalspieler und großartiger Kicker würde da genau ins Anforderungsprofil passen.
 
Wie hätte der Verteidiger Thomas Helmer gegen die Bayern-Offensive um Lewandowski agiert?(lacht) Ganz ehrlich: Ich hätte gegen Lewandowski keine Chance gehabt.
 
Naja, so langsam waren Sie nun auch nicht …
Es ist nicht nur seine Schnelligkeit. Er läuft vor allem auch richtig, macht für den Gegner die Passwege zu und ist bärenstark im Eins gegen Eins. Man muss ihn also doppeln, und darin liegt die Gefahr: Der eine Innenverteidiger deckt ihn, der andere läuft unterstützend mit und macht so die Mitte auf. Und dann sind da bei Bayern ja noch ein paar andere Offensivspieler, die in diese Lücke stoßen und für Tore sorgen können.
 
Dennoch hat der BVB in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass er Bayern so viele Probleme bereiten kann wie kaum eine andere Mannschaft.
Stimmt. Ein erneuter Erfolg bei den Bayern könnte zu einem Befreiungsschlag werden. Borussia Mönchengladbach hat es letzte Woche vorgemacht, wie man sie packen kann: Sie haben zwei Viererketten aufgestellt, die konsequent die Räume geschlossen und den Bayern kaum Platz zum Entfalten gelassen haben. Und auch die Angreifer haben es gut gemacht, wenn sie mit zwei, drei Mann vorgerückt sind und Bayerns Verteidiger unter Druck gesetzt haben, sodass manchmal nur noch der Rückpass blieb.
 
Warum gelingt das nicht auch anderen Teams gegen den FC Bayern?
Weil die Bayern jeden Tag an der Perfektion arbeiten – und ganz nah an ihr dran sind. Ich habe neulich mal ihr Training beobachtet, beim Spielchen Fünf gegen Zwei. Unglaublich, wie da der Ball läuft. Man hat gar keine Chance, an den Ball zu kommen, so groß ist die Passgenauigkeit. Da verliert der Gegner irgendwann die Konzentration. Schauen Sie sich den Arjen Robben an. Jeder kennt seinen Trick: Er lässt zwei, drei Gegenspieler aussteigen, zieht dann nach innen und sucht den Torabschluss. Dennoch ist er kaum zu verteidigen, weil er solch eine enorme Qualität hat. Der BVB hingegen ist in seiner Spielweise offenbar entschlüsselt worden, die Gegner haben sich gut auf ihn eingestellt. Das ist noch ein Grund für den momentanen Tabellenstand.
 
Sie selbst wechselten 1992 von Dortmund nach München. Damals waren Sie mit 7,5 Mio. DM der bis dahin teuerste Transfer der Bundesliga-Historie.
(lacht) Und das für einen Abwehrspieler … Dabei wollte ich gar nicht unbedingt zum FC Bayern. Ich fühlte mich in Dortmund sehr wohl, war hier zum Nationalspieler geworden und hatte mir einen guten Stellenwert im Team erarbeitet. Doch der BVB wollte offenbar nicht mit mir verlängern und übte über die Medien Druck aus, indem behauptet wurde, dass ich auf einen Wechsel zu den Bayern drängen würde – was gar nicht stimmte. Daher glühte noch während des Trainingslagers zur EURO 1992 jeden Morgen das Telefon bei mir, sodass mich mein Teamkollege Michael Schulz ständig fragte: „Was ist denn jetzt: Bleibst du bei uns oder nicht?“ Als meine damalige Frau dann sagte, „wir sind hier nicht mehr willkommen und sollten gehen“, war die Entscheidung gefallen.
 
Beim Ihrem ersten Spiel in Dortmund im Münchener Trikot fiel der Empfang erwartungsgemäß recht kühl aus.
Klar. Vor dem Spiel war ich im Tunnelblick. Und da lief ich Trottel zum Warmmachen aus Gewohnheit vor die Südtribüne. Mann, da war was los! Da habe ich mich dann ganz schnell auf die andere Seite geschlichen.
 
Doch das war noch nicht das Ende der Geschichte. Beim damaligen 2:1-Sieg der Bayern haben Sie nicht nur ein Tor geschossen, sondern das andere auch noch vorbereitet.
Ja, nach meinem Tor war dann Ruhe im Karton. So ähnlich wie bei Mario Götze und seinem Treffer in Dortmund im letzten Jahr. Apropos Götze: Im Gegensatz zu ihm habe ich mich zumindest nicht im Kabinengang warmgemacht, um den Pfiffen zu entgehen… (lacht)
 
Für den BVB haben Sie sechs Jahre, für die Bayern sieben Jahre lang gespielt. Zu welchem der beiden Klubs bestehen noch Verbindungen?
Zu beiden. Hier wie dort sind Freundschaften entstanden, die noch immer bestehen. Insbesondere die zu Norbert Dickel. 1986 sind wir zeitgleich zur Borussia gekommen, er aus Köln, ich aus Bielefeld. Wir haben damals im selben Haus gewohnt, seine Frau hat für mich mitgekocht. Zu der Zeit hat sich eine enge Freundschaft entwickelt, die bis heute anhält. Von daher ist die Verbindung zum BVB vielleicht noch etwas größer.

 

 

 Thomas Helmer gegen Paul GascoigneIm Halbfinale der Euro 1996 in England: Thomas Helmer gegen Paul Gascoigne. Foto Pixathlon

 

Der frühere Innenverteidiger Thomas Helmer (49) gewann mit dem BVB seinen ersten großen Titel, den DFB-Pokal 1989. Mit dem FC Bayern wurde er UEFA-Cup-Sieger 1996, Deutscher Meister 1994, 1997 und 1999 sowie DFB-Pokalsieger 1998. 1996 hatte Helmer entscheidenden Anteil am EM-Titel des DFB-Teams und wurde im selben Jahr vom Kicker Sportmagazin zum „Mann des Jahres im deutschen Fußball“ gekürt. Nachdem er seine aktive Laufbahn 1999 beendete, startete er eine zweite Karriere als TV-Journalist und wurde von der Reporter-Legende Ernst Huberty angelernt. Heute arbeitet Helmer als Fernsehjournalist bei Sport1, unter anderem als Moderator des Taktiktalks „Spieltaganalyse“ und des Fußballstammtisches „Doppelpass“.



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