Zurück  |  

INTERVIEW
„Es ist alles sehr planerisch geworden“
Gemeinsam mit Hans-Dieter te Poel hat Peter Hyballa ein lesenswertes und spielnahes Lehrbuch über modernes Passspiel geschrieben. Im zweiten Teil des Interviews spricht Hyballa,der die U19 von Bayer Leverkusen trainiert, über Standards auf Youtube und Streitsuch-Pressing. Interview Matthias Greulich

 

Peter HyballaAuf dem Trainingsplatz mit der U19 von Bayer Leverkusen: Peter Hyballa

 

RUND: Herr Hyballa: Wie haben die Videoanalysen die Spielvorbereitung verändert?
Peter Hyballa: Jede Profimannschaft kann heute auf Tausende von Videoanalysen zurückgreifen. Durch die Bilder, die du auf der ganzen Welt bekommst, kriegst du heute unglaublich viele Einflüsse. In der jungen Trainergeneration lassen sich viele auf diese Bilder ein. Du guckst, welche Mannschaften gerade erfolgreich sind. Weil du als Trainer selber erfolgreich sein willst, nimmst du von den derzeit erfolgreichen Teams etwas an. In der Spielvorbereitung kommen mehrere Trainer zusammen. Man geht sehr intensiv die Matchpläne durch. Man schaut auf den Gegner und dessen Plan. Es ist ein Spiel geworden, welchen Plan ich am Wochenende mache. So wie der Gegner spielt, gehe ich voll drauf, warte ab oder setze auf das Umschaltspiel. Solche Sachen. Es ist alles sehr planerisch geworden.

RUND: Aber nicht immer läuft alles nach Plan.
Peter Hyballa: Genau. Du hast deinen großen Matchplan und in der dritten Minute kriegt einer deiner Spieler die rote Karte. Oder drei Stunden vor dem Spiel fällt dein Spielmacher aus. Oder, oder, oder.

RUND: Wie wird das Videomaterial bei der U19 von Bayer Leverkusen genutzt?
Peter Hyballa: Wir arbeiten momentan viel an Freistoß- und Eckballvarianten. Wenn wir auf Youtube eine Freistoßvariante sehen und gut finden, dann kann es sein, dass wir sie im Training ausprobieren. Auch die Spieler kommen und sagen: „Trainer, wir haben da im Netz eine Sache gesehen!“ Du kriegst dadurch gedanklich beweglichere Spieler. Gute Sachen kann man auch mal kopieren. Das Visuelle kann das Training für die Spieler vereinfachen. Das ist jetzt in den Vordergrund gerückt. Man darf das Training damit nur nicht überfrachten.

RUND: Wie komplett müssen die Spieler heute sein?
Peter Hyballa: Wenn du Innenverteidiger bist, musst du immer noch Tore verhindern. Aber wir schauen natürlich darauf, wie er das Spiel eröffnen kann. Wenn ein Innenverteidiger dabei Probleme hat und jeden Ball lang schlagen muss, ist das sicherlich ein Ausschlusskriterium. Aber eine gute Grätsche zu machen, um damit das Tor zu verhindern, ist heutzutage genauso wichtig. Jeder Spieler muss heute sehr komplett sein. Wenn du offensiv spielst, steht der Innenverteidiger häufig im Sechser-Raum. Oder manchmal ganz außen. Dort brauchst du andere Pässe, brauchst eine andere Technik. Auf der Seitenlinie braucht man andere Ideen als im Zentrum. Wenn du offensiv spielst, musst du in der Spieleröffnung gut sein. Du brauchst eine gute Ballführung. Wenn der Gegner den Ball hat, und du bist in der Vorverteidigung, musst du Mut und Risikobereitschaft haben. Du musst sehen, wann der lange Ball kommt. Da musst du kopfballstark sein, brauchst Sprungkraft. Es kommen so viele Komponenten dazu. Daher kannst du die Position auch oft switchen. Der Vierer geht beispielsweise mal auf die Sechs. Oder du liegst 0:1 zurück und spielst hinten nur zu dritt. Es werden also Spieler möglichst komplett ausgebildet. Aber die gute alte Grätsche finde ich total wichtig. Auch die Fußballsprache darf uns nicht verloren gehen.

RUND: An der Hennes-Weisweiler-Akademie haben Sie kürzlich eine Trainingseinheit zum Thema Pressing geleitet.
Peter Hyballa: Frank Wormuth, der Leiter der Trainerausbildung, hatte mich eingeladen. Es ist immer interessant als Trainer vor Trainern zu sprechen. Die eigene Berufsgruppe ist immer am kritischsten. Sie können dir gutes Feedback geben, weil sie sich auch jeden Tag mit der Sache beschäftigen. Es ging um „Streitsuch-Pressing“.

RUND: Was haben Sie Ihre Kollegen damit sagen wollen?
Peter Hyballa: Ich erkläre es Ihnen: Beim Pressing suchst du relativ früh Streit mit deinem Gegner. Du willst ihn in eine Falle locken. Mein Thema war: Wie kriegt man eigentlich den Ball? Man braucht Tugenden wie grätschen, Druck am Ball. Das ist auch eine Mentalitätsfrage. Dabei ist das Coaching wichtig. Das unbedingte Wollen diesen Ball zu bekommen. Wenn ich Streit suche, muss einer auch mal den Ball übernehmen. Die Teilnehmer haben super mitgemacht. Wir entwickeln viele Strategien, um Fallen zu stellen. Aber die Falle muss auch irgendwann zuschnappen.

RUND: Gegenpressing wird inzwischen als Vokabel auf Deutsch in englischen Taktikbüchern verwendet.
Peter Hyballa: Die Konzeptsprache ist sehr bilderreich. Steuern, lenken, abkippen, draufgehen. Da kann man sich auch als Nichtfußballer etwas drunter vorstellen. Ich weiß nicht, wer Gegenpressing erfunden hat. Den Spielern leuchtet das schnell ein. Wir haben den Ball verloren und steuern sofort dagegen und gehen drauf. Das kannst mit Spielformen entwickeln, aber auch mit dem Coaching als Trainer. Sie haben eine schüchterne Mannschaft, müssen aber die Mentalität reinbringen, gegen zu pressen. Das bedeutet dann Arbeit auf dem Trainingsplatz.

 

Lesen Sie auch Teil eins des Interviews mit Peter Hyballa: „In einem Pass steckt auch eine Botschaft“
Peter Hyballa und Hans-Dieter te Poel: Modernes Passspiel – Der Schlüssel zum High-Speed-Fußball, 416 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3898997171
„Passspielbuch 2 - Passspiele (inter)national“ erscheint Anfang 2015.
 www.peterhyballa.org


Zurück  |