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TAKTIK
„Gegen die Bayern so wie Costa Rica“
Arno Michels war Co-Trainer von Thomas Tuchel bei Mainz 05. Beide arbeiten auch bei Borussia Dortmund zusammen. Ein Auszug aus dem Buch Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“ von Matthias Greulich und Elmar Neveling.

 

 Thomas Tuchel und Arno Michels Eingespieltes Team: Thomas Tuchel und Arno Michels bei ihrem ersten Heimspiel auf der Dortmunder Bank.
Foto Pixathlon

 

 



Herr Michels, der 1. FSV Mainz 05 hat es in den letzten Jahren wiederholt geschafft, den FC Bayern nicht zur gewohnten Dominanz kommen zu lassen. Welche taktischen Überlegungen haben Thomas Tuchel und Sie im Vorfeld angestellt?
Arno Michels: Wir haben uns gegen die Bayern immer etwas einfallen lassen. Das konnte damit beginnen, dass wir den ersten Ball direkt ins Seitenaus geschossen haben, bei den Bayern hinten in die Ecke. Mit dem ersten Einwurf in ihrer Hälfte ging die Partie dann ein zweites Mal los und wir sind weiter nach vorne gerückt. Dann wussten sie gleich, was sie bei uns erwarten würde: dass wir ihnen wenig Platz lassen, sich zu entfalten. Bayern Münchens Toni Kroos (Anmerkung: spielt seit der Saison 2014/15 bei Real Madrid) hat nach dem Spiel im Frühjahr 2014 bei uns gesagt: „Wir wissen eigentlich immer, was uns erwartet, und es ist tatsächlich wieder so gekommen. Es ist immer derselbe Mist gegen euch!“ Das war indirekt ein großes Kompliment für die Leistung unserer Mannschaft. Wir haben zwar 0:2 verloren, haben uns aber auch damals dazu entschieden, die Bayern möglichst in ihrer Hälfte zu binden, sie weg vom Tor zu halten. Natürlich auf die Gefahr hin, dass es gegen einen Arjen Robben, Thomas Müller oder Franck Ribéry Laufduelle gibt, in denen du ausgespielt wirst. Bayern trat gegen uns mit der besten Mannschaft an, Pep Guardiola hatte keinen geschont.
 
Das lässt sich als Respekt vor Ihrem Team deuten. Aber was genau meinte Toni Kroos? Was war aus Bayern-Sicht so „lästig“ am Mainzer Spiel?
Arno Michels: Wir waren überzeugt, nur dann eine Chance zu haben, wenn wir mutig, extrem aggressiv und fleißig verteidigen – und das am besten schon in der gegnerischen Hälfte. Auch hatten wir uns ein atemberaubendes Umschaltverhalten vorgenommen. Dazu hatten wir mit dem 1. FC Nürnberg ein gutes Vorbild und haben die hervorragende Anfangsphase des „Club“ im Heimspiel gegen Bayern aus der Saison 2013/14 analysiert. Diese Phase haben wir unseren Spielern auf Video gezeigt. Wie angestachelt stürzten sich die Nürnberger auf die Bayern, mit Leidenschaft, Herz und voller Entschlossenheit haben sie den Gegner zurückgedrängt und eigene gute Torchancen erzwungen. Allerdings haben sie sich in ihrer starken Phase nicht mit einem Treffer belohnt – und schlimmer noch: Nach gut zwanzig Minuten hatten sie mit Daniel Ginczek und Timothy Chandler bereits zwei wichtige Spieler verletzungsbedingt verloren. Dieser Aufwand lässt sich aber nicht neunzig Minuten lang betreiben – und falls doch, dann braucht es moralische Unterstützung durch einen eigenen Treffer.
 
Was war Ihre Schlussfolgerung aus diesem Spiel?
Arno Michels: Dass es gegen Bayern sehr von Vorteil ist, zwei Pläne im Werkzeugkasten zu haben, einer reicht in der Regel nicht. Die Krux daran: Beide Pläne müssen aufgehen. Wir hatten uns im Frühjahr 2014 für die erste Halbzeit gegen Bayern vorgenommen, sehr hoch anzulaufen, sie mit perfekter Ordnung in engen Abständen, extremer Laufbereitschaft und großem Mut in ihrer eigenen Hälfte festzusetzen – und darüber hinaus noch bereit zu sein, weite Wege in höchstem Tempo bei Kontersituationen zu machen. Tatsächlich konnten wir uns in beiden Halbzeiten, vor allem aber in der ersten Hälfte, ein paar sehr gute Tormöglichkeiten herausarbeiten und hatten mit dem Lattenschuss von Eric Maxim Choupo-Moting zu Beginn der zweiten Halbzeit die bis dahin beste Einschussmöglichkeit.
 
Und ab wann sollte Plan B greifen?
Arno Michels: Das hatten wir im Vorfeld der Partie mit der Mannschaft besprochen. Nach einer Stunde sollte von 4-2-3-1 auf 5-4-1 umgestellt werden. So haben wir es auch gemacht und mit der Einwechslung von Niko Bungert für Choupo-Moting in der 60. Minute von Vierer- auf Fünferkette umgestellt. Die Folge war, dass wir dann fast gar keinen Ballbesitz mehr hatten, aber defensiv noch enger zusammen waren. So konnten sich die Bayern bei uns in der Hälfte „eingrooven“. Es war nun ein ganz anderes Spiel als zuvor. Sie übernahmen immer mehr die Kontrolle, was uns aber auch klar war. Ab diesem Zeitpunkt, es stand immer noch 0:0, verlegten wir uns auf das Kontern. Unmittelbar nach der Pause hatten wir nach der Einwechslung von Benedikt Saller für Ja-Cheol Koo zunächst eine Viertelstunde lang im 4-5-1 verteidigt, ehe dann die vorab geplante Umstellung auf ein 5-4-1 erfolgte. Bereits im Hinspiel in München hatten wir uns bei der Abwehrorganisation im 5-4-1 gut verhalten und uns viele Kontermöglichkeiten erarbeitet, trotz der 1:4-Niederlage. Viel fehlte nicht und unsere Überlegungen für das Spiel wären aufgegangen. Leider haben wir dann in der 82. Minute den ersten Gegentreffer bekommen und in der 86. Minute den zweiten. Gegen die Bayern brauchst du eben auch Glück.
 
Sie erwähnten das Hinspiel aus der Saison 2013/14, das 1:4 in München. In der ersten Hälfte fanden die Bayern kein Mittel gegen die Mainzer Abwehr und kamen nur über Distanzschüsse zu Torchancen. Wie haben Sie damals „den Laden dicht gemacht“?
Arno Michels: Taktische Überlegungen hängen immer sowohl von der eigenen Form, als auch von der aktuellen Form des Gegners ab. Als wir 2013 in München spielten, hatten die Bayern gut zwei Wochen zuvor in der Champions League sehr überzeugend mit 3:1 bei Manchester City gewonnen. Sie präsentierten sich ungemein ballsicher, flexibel in ihrem Positionsspiel, voller Vertrauen in ihre Aktionen und körperlich in einer Top-Verfassung. Wir dagegen hatten inklusive DFB-Pokal fünf Spiel in Serie verloren und ein Unentschieden in letzter Minute gegen 1899 Hoffenheim erzielt. Die Vorzeichen waren komplett anders als später im Rückspiel gegen die Bayern, als auch wir eine lange Serie mit ungeschlagenen Spielen vorweisen konnten. Aus Bayerns Auftritt bei Manchester hatten wir uns Sequenzen angesehen, das waren beeindruckende Ballstafetten. Wenn wir sie angelaufen wären und versucht hätten, sie in ihrer Hälfte zu halten, hätten sie uns ausgelacht. Und dann noch in ihrem Stadion, nein, das wäre keine gute Idee gewesen!
 
Wie sah Ihr Plan stattdessen aus?
Arno Michels: In diesem Spiel entschieden wir uns erstmals für eine Fünferkette, davor noch unterstützt von einer Viererkette im Mittelfeld und mit nur einer Spitze, also im 5-4-1. Als Vorlage für diese Grundordnung diente uns die Nationalmannschaft von Costa Rica. Denn in Gesprächen mit unserem Spieler Junior Diaz betonte er, dass sein Nationalteam gegen spielstarke Teams wie Spanien sehr gute Erfahrungen mit dieser Grundordnung gemacht hatte. Wir haben uns dann ein Video von Costa Rica gegen Spanien angeschaut und entdeckten tatsächlich Verhaltensweisen, mit denen wir eine gute Stabilität herstellen und offensive Umschaltmomente erzeugen konnten. Sich neunzig Minuten lang tief in der eigenen Hälfte zu verschanzen und auf das Unvermögen der Bayern beim Toreschießen zu hoffen, das kam für uns nicht infrage.
 
Und wie wurde der Mannschaft das „System Costa Rica“ vermittelt?
Arno Michels: Die Begegnung fand nach einer Länderspielpause statt. Da einige unserer Nationalspieler erst mittwochs oder donnerstags von ihren Reisen zurückkehrten, hatten wir nahezu keine Möglichkeit, die vollkommen neue Grundordnung zu trainieren. Wir entschieden uns, der Mannschaft in Form eines Crashkurses in zwei Videositzungen zu vermitteln, was wir vorhatten und wer welche Aufgaben in dieser Ordnung zu übernehmen hatte. Wenn man sich das Spiel heute noch mal anschaut, dann war das zumindest in der ersten Halbzeit ein 5-4-1 auf taktisch hohem Niveau mit zuverlässigen defensiven Abläufen und einigen Kontersituationen. Da muss ich sagen: Hut ab vor der Leistung der Mannschaft, diese Ausführung war ganz hervorragend! Gerade auch angesichts der fehlenden praktischen Vorbereitung.
 

Zur Pause führte Mainz mit 1:0 …
Arno Michels: … und unmittelbar nach der Pause übersahen wir leider, dass der letzte Mann der Bayern zehn Meter weit in unserer Hälfte stand. Einer unserer Spieler stand völlig frei, er wäre mit sechzig Metern Anlauf allein auf das Tor der Bayern gelaufen. Ihn konnten wir leider nichts ins Spiel bringen, weil die Bayern das über ihr Gegenpressing verhinderten und somit eine vielleicht hundertprozentige Torchance vereitelten. Auch wenn die Bayern am Ende 4:1 gewannen, so war das Spiel bis in die Schlussphase offen und unsere Leistung, losgelöst vom Ergebnis, sehr gut. Dieser Auftritt gab uns in der Folge sehr viel Auftrieb für die Liga. Wenn du den Spielern deine Spielidee gut rüberbringst, ihnen Mut machst und eigene Möglichkeiten findest, kannst du auch gegen die Bayern Torgefahr erzeugen. Ob du dann gewinnst, ist noch mal eine andere Frage. Aber der Ansatz, den Bayern für sie ungewohnte Aufgaben zu stellen, war der richtige.

 

Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels
Matthias Greulich und Elmar Neveling: „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“
191 Seiten, Copress Sport, ISBN-13: 978-3767910973, 19,90 Euro


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