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INTERVIEW
„Ich hatte einen guten Lehrmeister“
Sie haben gemeinsam in einem Studio in Bremen-Oberneuland gerappt: Jan Delay und Mesut Özil gehören für viele Jugendliche in Deutschland zu den Größten. Jan Delay und sein Manager Matthias Arfmann im Interview über die Aufnahmen zu „Large“. Interview Matthias Greulich

 

Jan Delay und Matthias ArfmannJan Delay und sein Manager Matthias Arfmann

 

 

Herr Arfmann, Herr Delay, wie gut rappt Mesut Özil?
Jan Delay: Mesut hatte vorher noch nie seine Stimme im Studio gehört, noch nie gerappt oder irgendwas in der Richtung gemacht. Und das dann hinzubekommen, mit mir daneben und 1000 Kameras, die dich beobachten, ist richtig schwierig. Dafür hat er das richtig gut gemacht.

Matthias Arfmann: Er kam in den Regieraum und sah dort seine Signale, die Amplitude, dargestellt auf dem Bildschirm. Er sah, wie wir das mit der Maus so ein wenig geschnitten und gerückt haben, damit es etwas tighter ist. Wir haben es also durch digitale Hilfsmittel etwas verbessert. Grundsätzlich war es aber schon gut. Als wir ihn lobten sagte er: „Ich hatte ja auch einen guten Lehrmeister.“ Das bringt es auf den Punkt, wie offen er ist. Er hat sich bei dieser Betätigung niemals über Jan gestellt, genau zugehört und geschaut, wie es mit der Musik eins wird. Seine Auffassungsgabe war sehr schnell – und er hat sich sozusagen dafür bedankt. Das fand ich super.

Wie haben Sie ihn überredet, die Aufnahme zu machen?
Jan Delay: Musste ich gar nicht. Er sagte, er habe eine schlimme Stimme. Ich sagte: „Das kriegst du alles hin.“ Und so war es dann ja auch.

Dabei gilt er als schüchtern.
Ich bin auch eher schüchtern. Mesut ist genauso wie ich. Er will auch nur Bestätigung für das was er macht, nicht für seine Person. Und er ist unglaublich ehrgeizig.

Özil hat zu Ihrem Song „Large“ gerappt. Haben Sie ihm die Zeilen vorgeschlagen.
Ich hatte auch eine lustige Zeile über Thomas Schaaf. Es waren liebe Zeilen, denn ich bin ein großer Fan von Thomas Schaaf. Mesut meinte aber: „Das ist mein Trainer, das können wir nicht machen.“ Ich hatte glaube ich acht Zeilen gemacht und vier hat er dann genommen. Das mit Frings ging in Ordnung für ihn. Die ging „Mein Kapitän sagt zu mir, hey du Hosenscheißer. Ich sage: Im Gegensatz zu dir bin ich Europameister.“

Was fasziniert Sie an Özils Spielweise?
Man hat das Gefühl, es sei das Leichteste der Welt, was er macht. Es ist eine krasse Leichtigkeit. Die hat man oder hat sie nicht. Das kann man nicht trainieren. Dass 50 Milliarden Menschen zuschauen merkt man ihm nicht an. Ich glaube das ist es, was die Größten ihres Fachs auszeichnet. Egal, ob es Musiker, Schauspieler oder Schriftsteller sind. Das ist das Geheimnis.

Haben Sie die WM-Spiele anders angeschaut, nachdem Sie mit Mesut Özil im Studio waren, der Ihnen beiden ein Werder-Trikot geschenkt hat?
Matthias Arfmann: Ich kam mir selber ein wenig blöd vor, dass ich mich dabei ertappt habe zur zweiten Halbzeit das Trikot mit Mesuts Widmung angezogen zu haben. Man fühlt sich im Werder-Trikot beim Gucken der Nationalmannschaft ganz gut. Für mich ist es unvorstellbar, mit einem Trikot der deutschen Nationalelf vor dem Fernseher zu sitzen. Da ist eine innere Barriere von Kindesbeinen an.

Jan Delay: Ich bin Deutschland-Fan und das seit Jahren. Getragen habe ich das schwarze Trikot, weil mir das weiße überhaupt nicht gefiel. Die WM war geil. Zu dem Zeitpunkt war ich konstant ein Jahr unterwegs. Es war der erste Monat nach einem Jahr, in dem ich drei Wochen frei hatte. Und genau da fing das Turnier an. Genau da war geiles Wetter und ich konnte mal wieder in Hamburg sein. Das war echt paradiesisch. Und dann noch diese Spiele. Das war sehr sehr schön. Sehr euphorisch. Die Spiele gegen England und Argentinien werde ich niemals vergessen. Die Kombinationen gingen wahnsinnig schnell. Es waren keine Egotypen dabei. Es ging weg von diesem Haudrauf-Fußball. Hin zu diesem filigranen, leichten. „Ja, ich könnte ihn jetzt reinmachen. Aber der steht noch besser.“ Flupp, klack, danke. Keine Egospielchen. Das war das Schönste.

Was halten Sie von Bushidos „Fackeln im Wind“, dem Kabinensong der Nationalelf bei der WM 2010?
Das finde ich schlimm. Wobei ich nicht Bushido schlimm finde. Ich mag nicht so dieses Rammsteinartige. Das hat auch immer etwas homoerotisches. Unfreiwillig von denen aus. Ich mag nicht dieses „Wir sind starke Männer!“ Letztendlich präsentiert das den Geist der alten Nationalmannschaft. Die Generation von Stefan Effenberg oder Lothar Matthäus. Als wir die Baumstämme waren. Das, was die deutsche Mannschaft jetzt seit fünf Jahren spielt, ist einfach das genaue Gegenteil davon. Und deshalb ist es auch so schön anzusehen und erfolgreich. Es ist jetzt eher filigran. Und nicht dieser Ganzer-Mann-Scheiß.

Sie tragen den Text für einen Werder-Song mit sich herum. Können Sie sagen, dass der ohne das übliche „olé olé olé“ im Refrain auskommt?
Das muss er. Auf jeden Fall. Sonst wäre es so, als ob ich einen Rapsong mache, der „Fett“ heißt. Das geht nicht.

„Sie wollten den Song veröffentlichen. Ich fand es smart, das nicht zu tun.“

Mesut Özil hat seine Version von „Large“ auf CD von Ihnen gebrannt bekommen. Haben Sie jemals über eine Veröffentlichung nachgedacht?
Die Plattenfirmen wollten das natürlich alle veröffentlichen. Es gab einen riesigen Hype um das Ding. Und ich fand es gerade smart, das nicht zu tun. Ich hatte eigentlich vorgehabt, zum Jahresende 2010 einen Remix von „Large“ zu machen. Ich hatte auch schon diverseste Zusagen von den krassesten Leuten, die alle nicht rappen, aber alle sehr sehr large sind. Jeder wollte so einen Vierzeiler machen wie Özil. Dann hätte ich sie hintereinander geschnitten. Aber wie es dann immer ist, habe ich es nicht mehr hingekriegt. Weil einfach zuviel los war. Und deshalb ist es jetzt einfach so. Vielleicht gibt’s das irgendwann noch mal als Bonus.

Das Video haben über 1,7 Millionen Nutzer im Internet gesehen. Der Markt verlangt da normalerweise nach einer Veröffentlichung. Freuen Sie sich, den Marktmechanismen nicht gehorchen zu müssen?
Genau. Ist doch viel geiler, dass es das so im Internet gibt. Es ist ja auch nichts, was man sich reinzieht, weil man da einen geilen Rapper erwartet. Es ist ja eigentlich eher so der Flash, dass es Mesut Özil ist, der da rappt.

 

 

Sie betonen, dass bei Ihnen der Enthusiasmus für Ihre Musik der größte Antrieb ist. Glauben Sie, dass es bei Profifußballern noch ähnlich ist?
Ich glaube, den müssen sie haben. Selbst ein Ronaldo: Er ist das genaue Gegenteil von Mesut, hat Bock auf das Scheinwerferlicht und zehn Limousinen. Aber wenn er diese Leidenschaft nicht hätte, würde er nicht so spielen, wie er spielt.  Ich glaube es ist in ihm drin. Er denkt nicht, dass er seine Leidenschaft behalten muss, um in den Schlagzeilen zu bleiben. Ich glaube bei keinem dieser Spieler ist es etwas, das sie sich ausgesucht haben. Das ist wie bei guten Musikern. Diese Grundleidenschaft muss da sein. Überlegen Sie doch mal: Die Leute sind nicht normal zur Schule gegangen. Sie waren auf irgendwelchen Fußballschulen und wurden immer von ihren Freunden weggezogen. Wenn die Freunde ins Kino gegangen sind, mussten die trainieren. Wenn du nicht diese Leidenschaft hast, hältst du das gar nicht aus und gehst du daran kaputt. Nimmst Drogen oder was weiß ich. Vielleicht machen die es dann später noch. Wie bei Maradona.

Um wen wird mehr Bohei gemacht: Musikstars oder die Profifußballer?
Matthias Arfmann: Ganz eindeutig um die Fußballer. Auch wenn Jan Delay in Deutschland einen hohen Bekanntheitsgrad hat, ist es im Profifußball noch mal eine ganz andere Liga. Zum Training fährt man mit dem Auto vom Sponsor und Zuhause hat man wahrscheinlich noch sechs andere stehen. Die Beraterscharen, die Spielervermittler, das Umgarnen der Profis. Das ist etwas ganz anderes als in der Musikbranche. Ich konnte mir das vorher nicht vorstellen. Gerade als es um die Terminfindung mit Özil ging. Es war schon krass, bis wir mit ihm einen Termin gefunden hatten, an dem er fünf, sechs Stunden Zeit hatte. Als wir vom Weserstadion raus ins Studio nach Oberneuland gefahren sind, gab es für ihn in einem anderen Auto noch Gespräche mit einem Berater. Er musste deshalb alleine dort hinfahren. Die Belagerung war allumfassend. Es lag schon mehr als ein Hauch von Real Madrid in der Luft.

Ist es nicht schwierig für Sie zu sehen, wie das Musikgeschäft schrumpft, während der Fußball immer weiter boomt?
Jan Delay: Das finde ich nicht. Angenommen Sie sind Steineforscher und wollen nichts anderes machen. Da gucken Sie doch noch mehr in die Röhre. Es gibt auch andere Berufszweige, in denen man nicht mal den Staub unter den Fingernägeln verdienen kann. Da haben wir es noch gut. Es gibt keinen Grund, sich zu beklagen. Nur weil man keine Platten verkauft heißt es nicht, dass die Musik aufhört zu existieren.

Haben Sie als Werder-Fan denn gar nicht versucht, ihn zum Bleiben zu überreden?
Habe ich doch, aber da war leider nichts zu machen. Das war auch das einzige Mal, dass er nicht auf eine SMS geantwortet hat. 

 

Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum ErfolgEin Auszug aus „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



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