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KOLUMNE
„Letter of life“, oder wie lebe ich als schwuler Fußballprofi
In den letzten Jahren gab es immer wieder Gerüchte, doch offiziell ist Homosexualität im Fußball ein Tabu – noch heute. Robbie Rogers ist der einzige aktive Profi, der sich als schwul geoutet hat und heute ein Leben führt, das er früher für undenkbar hielt. Von Samira Samii

 Samira Samii

Samira Samii in Monte Carlo

 

„Ich dachte immer, ich könne es geheim halten. Fußball war meine Flucht, mein Lebensinhalt und meine Identität. Ich werde die Freunde nie vergessen, die ich in den vielen Jahren als Spieler gewonnen habe und jene, die mich unterstützten, als sie von meinem Geheimnis erfuhren. Jetzt ist es Zeit, abzutreten.“ Dass dies klingt wie die verzweifelte Ankündigung eines Suizids, war nicht seine Absicht, sondern das Gegenteil. Es war ein Brief eines verzweifelten Profis, in dem der Mittelfeldspieler über seine lebenslange Angst berichtete, zu seiner Homosexualität zu stehen. Der Amerikaner war überzeugt, dass dieser Brief ihm die Zuneigung seiner Familie sowie seine Karriere als Fußball-Profi kosten würde. Er nannte den Entwurf des Briefes  „Letter of Life“. Seine Freunde rieten ihm: „Stell ihn ins Netz oder red nicht mehr darüber.“ Er stellte ihn ins Netz und sein Leben änderte sich komplett. Heute spielt er als schwuler Profi bei LA Galaxy.

Im Profifußball ist heute alles transparent, die Laufwege, die Einsatzzeiten und die Kameras erfassen selbst wie oft ein Spieler während eines Spiels spuckt. Erst kürzlich deckten Kameras auf wie ein Spieler im Zweikampf seinem Gegenspieler an das Gesäß fasste. Pep Guardiola und viele andere Chef-Coaches halten sich während des Spiels beim Gespräch mit dem Co-Trainer die Hand vor den Mund aus Angst vor Lippenleser. Die letzten Geheimnisse der Profis liegen außerhalb der Stadien und der Kameras, in deren Privatsphäre. Es bleibt das letzte Tabu in dieser rauen Männerdomäne – die Homosexualität. In der Bundesliga hat sich bisher kein aktiver Profi geoutet. Es gibt jedoch Statistiken, wonach es sie geben müsste, die schwulen oder bisexuellen Profis in der Bundesliga. Ein Spielerberater berichtete 2010 von der Fußball Nationalmannschaft aus Südafrika und hat in diesem Zusammenhang sogar von einer „Schwulen-Combo“ gesprochen. Outings hat es jedoch weder in der Nationalmannschaft noch in der Bundesliga gegeben.

Umso interessanter war mein diesjähriger Sommerurlaub in Saint Tropez. Wir waren in einem Fünf-Sterne-Hotel und haben die Sonne und das Ambiente an der Côte d’Azur sehr genossen. In diesem Hotel checkte ebenfalls ein bekannter Fußballprofi mit seiner Begleitung ein. Und es war kein Supermodel – sondern ein durchaus attraktiver und sportlicher junger Mann. Alle wissen es, aber keiner gibt es zu, dass es auch in der Bundesliga Homosexualität gibt. Für mich kein Problem! Ich bin sehr offen erzogen worden, in internationalen Metropolen aufgewachsen und habe deshalb schon vieles gesehen. Seit Jahren bin ich in diesem Business unterwegs, sehe viel, erfahre viel und respektiere doch immer die Privatsphäre der Spieler.

Dieses Mal war alles ganz anders. Ich bringe jedem Menschen und jedem Geschäftspartner meinen Respekt entgegen und erwarte das auch umgekehrt. Genauso ist es mit den homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die für ihre sexuelle Neigung Respekt und Emanzipation erwarten. – Und das ist auch gut so! Besagtes Pärchen war im Pool und hat ein Gläschen Champagner getrunken als es plötzlich laut wurde und der Fußballprofi mit seiner Begleitung lautstark mit einem Elternpaar diskutierte und sogar internationale Schimpfwörter austauschte. Das Pärchen war also mit zwei Gläsern Champagner im Pool und bis zur Brust im Wasser. Der Champagner wurde immer wieder auf eine kleine Insel im Pool gestellt, als zwei Kinder im Alter zwischen sechs und acht Jahren mit Wasserpistolen spielten und dabei versehentlich das Pärchen naß machte. Naß machen, wenn man sich selber im Pool befindet ist relativ. Die Diskussion entbrannte, weil das homosexuelle Pärchen die Kinder beschimpfte und als respektlos sowie Missgeburten und Teufel bezeichnete. Alle anderen Gäste haben die Privatsphäre des Profifußballers mit seiner Begleitung respektiert und weder Fotos gemacht, noch anderweitig belästigt. Aber hat dieses Pärchen auch respektiert, dass andere Gäste im Hotel waren und darunter sogar Kinder? Darf ein Fußballprofi und Vorbild Kinder als Missgeburten und Teufel bezeichnen? Ich meine nein!

Ich denke in einer modernen und hochentwickelten Gesellschaft, wie in Deutschland sollte kein Mensch aufgrund seiner sexuellen Neigung oder seines Glaubens ausgegrenzt werden. Jeder sollte seinem Mitmenschen Respekt und Toleranz entgegenbringen. Auch ein Fußballprofi, der Respekt von seinen Mitmenschen erwartet, sollte seinen Mitmenschen Respekt entgegenbringen. Dies gilt auch und im Besonderen für homosexuelle Fußballprofis, die sich noch nicht geoutet haben.
 
 
 
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