Zurück  |  

TAKTIK
Für den „Tactic View“ im Fußball
Hockeybundestrainer Markus Weise wechselt überraschend zur DFB-Akademie. Für das Buch „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“ haben ihn Elmar Neveling und Matthias Greulich vor einigen Monaten getroffen.

 

Markus WeiseNach dem Olympiasieg 2012 mit den deutschen Hockeyherren in London: Markus Weise. Foto Pixathlon

 

 

Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen SpielsMatthias Greulich und Elmar Neveling: „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“,
191 Seiten, Copress Sport, ISBN-13: 978-3767910973, 19,90 Euro

 

Die beiden Männer auf dem Videoturm wissen es besser. »Wir müssen entweder etwas weiter nach vorne schieben oder zurück», sagt einer von ihnen in sein Funkgerät. Adressat der Botschaft ist Hockey-Bundestrainer Markus Weise, der unten neben der Ersatzbank steht. Mit seinem Headset steht er in Kontakt zu seinen Videoanalysten auf dem Turm, der hinter einem der beiden Tore aufgebaut wurde.

Ein derartiger Wissensaustausch während des Spiels wird Fußballtrainern vom Regelwerk nicht gestattet. Sie bleiben beim Coaching auf ihr verengtes Sichtfeld an der Seitenlinie beschränkt. Wenn es nach Weise ginge, wäre das anders. »Im Fußball sollte es erlaubt sein, eigene Aufnahmen des Spiels zu machen, und zwar aus mannschaftstaktisch relevanter Perspektive», findet er. »Die Zusammenhänge, die im Spiel existieren, werden dort am ehesten klar.»

Mit dieser Sichtweise steht Weise nicht allein. Im englischen Fußball wurde der »Tactic View» bereits in den 1970er-Jahren so sehr geschätzt, dass sich Liverpools Coach Bob Paisley stets die erste Hälfte von oben auf der Tribüne anschaute, ehe er nach seiner Kabinenansprache auf die Trainerbank ging. In der Bundesliga sorgte schon die Ankündigung von Berti Vogts im Jahr 2000, zukünftig die ersten 30 Minuten oben sitzen zu wollen, für einen Aufschrei unter den Traditionalisten.

Aber zurück zum Hockey, wo Weise selbst während des Spiels auf aktuelles Videomaterial zurückgreifen kann. Auf der Ersatzbank steht sein Laptop, dort werden aktuelle Aufnahmen vom Videoturm eingespielt. »Wir können dadurch auch manchmal während des Spiels direkt an der Bank Video gucken. Das bezieht sich zwar meistens auf die Strafecken, aber immer wieder auch mal auf ein Pressing für oder gegen uns», sagt Weise. Das ergibt Sinn, weil beim Hockey das so genannte »Interchanging» erlaubt ist: Alle 16 Spieler des Kaders dürfen während des Spiels beliebig oft wieder ein- und ausgewechselt werden. Während sich die Angreifer auf der Bank erholen, kann ihnen jemand aus dem Trainerteam kleinere Korrekturen an den Laufwegen am Laptop zeigen.

Relativ selten werden bei den deutschen Hockeyherren allerdings Videos in der Halbzeit gezeigt. Mit zehn Minuten ist die Halbzeitpause ein Drittel kürzer als im Fußball, das Trainerteam hat »immer eine Riesenliste und muss die Liste erst mal auf ganz wenige Punkte zusammenstreichen. Die Aufnahmekapazität der Jungs im Spiel ist beschränkt.»

Im Herbst 2006 wurde Markus Weise Nachfolger von Bernhard Peters. Weise hat ihn häufiger als sein Vorbild im Hockey bezeichnet. Was die olympische Erfolgsbilanz betrifft, hat ihn der zwei Jahre jüngere Weise allerdings überholt: Mit den Damen (2004 in Athen) und den Herren (2008 in Peking, 2012 in London) hat er die Goldmedaille gewonnen. »Ich bin immer in Kontakt zu Bernhard geblieben», sagt Weise. Nun leben beide in derselben Stadt, seitdem Peters im Sommer 2014 Nachwuchsdirektor beim Hamburger SV wurde.

Weise tauscht sich regelmäßig mit dem Sportwissenschaftler Karsten Schumann aus, der beim FC Bayern enger Mitarbeiter von Sportvorstand Matthias Sammer ist. Von den Gesprächen profitieren beide, da es zwischen Hockey und Fußball einige Gemeinsamkeiten gibt: Die Spielfläche ist annähernd gleich groß, die Anzahl der Spieler ist identisch. Ebenso gleicht sich der grundsätzliche Spielgedanke, Tore zu erzielen. Dadurch ergeben sich Ähnlichkeiten bei den Laufwegen im Angriffs- und Abwehrverhalten sowie beim gruppen- und individualtaktischen Verhalten. Im gesamttaktischen Bereich ist es in beiden Sportarten wichtig, die Fläche zu verdichten. Aber es gibt auch wichtige Unterschiede: Der augenfälligste ist das unterschiedliche Spielgerät, der Hockeystock, und dass es im Hockey seit einigen Jahren kein Abseits mehr gibt. Weise hat in einem Fragebogen seine eigene Antwort gegeben: »Der Unterschied? Im Hockey machen Kopfbälle nicht so richtig viel Spaß.»

Zum Gespräch sind wir in einem Hotel in Hamburg-Heimfeld verabredet. Markus Weise, Jahrgang 1962, sieht deutlich jünger aus. Er trägt Turnschuhe, Jeans und Hoodie. Mit seiner Familie wohnt der gebürtige Mannheimer gleich um die Ecke. Dort warten an diesem Freitagmorgen 93 unbeantwortete E-Mails auf seinem Rechner. „Das liebe ich“, sagt Weise und rollt mit den Augen, „die ganze Lehrgangsvorbereitung und Bürokratie.“ Mit seiner Fähigkeit zur Selbstironie verblüfft Weise bisweilen selbst seine Nationalspieler, mit denen er die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 schaffte.



Zurück  |