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IM LABOR
Was Fußball vom Hockey lernen kann und was nicht
Als "Klinsis Hockeytrainer" musste sich Bernhard Peters von der "Bild"-Zeitung verspotten lassen. Der heutige Nachwuchsdirektor wurde wegen der Widerstände des Establishments nicht Sportdirektor beim DFB. Im Fußball arbeitet der ehemalige Bundestrainer der Hockeyherren dennoch seit 2007. Ein Auszug aus dem Buch "Fußball-Taktik" von Matthias Greulich und Elmar Neveling.

 

 

Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen SpielsMatthias Greulich und Elmar Neveling: „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“,
191 Seiten, Copress Sport, ISBN-13: 978-3767910973, 19,90 Euro

 

 

Rund um Oliver Kahn herrschte das dichteste Gedränge, am Tisch von Fitnesscoach Mark Verstegen noch einige freie Plätze aber keiner beachtete den groß gewachsenen Bernhard Peters,  der alleine an eine Fensterbank am Literaturhaucafé in Hamburg gelehnt stand. Als der DFB im Herbst 2005 zum Medientag eingeladen hatte, war der damalige Hockey-Bundestrainer bereits ein Jahr informeller Ratgeber von Jürgen Klinsmann, ohne dass die Öffentlichkeit davon nennenswert Notiz genommen hätte.

Peters hatte Klinsmann im Herbst 2004 mit einer Präsentation über die Arbeit mit den Hockeyherren beeindruckt. In seinem Buch  »Führungs-Spiel» erinnert sich Peters an seinen ersten Besuch bei der Fußball-Nationalelf vor dem Länderspiel gegen Brasilien in einem Berliner Hotel: »Per Beamer warf ich, direkt aus dem Laptop, verschiedene Trainingsprinzipien und Vorbereitungskonzepte an die Wand des Sitzungssaals, um zu zeigen, wie wir uns auf die Olympischen Spiele und die Weltmeisterschaften vorbereitet hatten. Ich redete viel über die Aufgaben meiner Kollegen aus dem Trainerstab, den Spezialisten in ihren jeweiligen Bereichen, sprach über individuelle Leistungsdiagnostik im Bereich der Athletik und die daraus resultierende Trainingsplanung.»  

Ein wichtiger Baustein war für den damaligen Hockey-Bundestrainer die Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen. Auf Empfehlung von Peters begann Hans-Dieter Herrmann, der seit den Olympischen Spielen 2004 zum Betreuerstab der Hockeyherren gehörte, nun auch für die Fußballnationalmannschaft zu arbeiten.

Neu für Klinsmann war außerdem, wie umfangreich Peters und sein Trainerstab Videomaterial zur Fehleranalyse einsetzten. »Für jeden Spieler gab es individuelle DVDs mit Schwachstellen und guten Szenen.» Manchmal wurden schon in der Halbzeitpause aktuelle Videos aus dem Spiel gezeigt, um den Spielern taktische Lösungen visuell vermitteln zu können. Klinsmann hatte vieles aus der Präsentation mitgeschrieben. Einiges, wie die Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen übernahm er relativ kurzfristig. Anderes, etwa im Bereich der Videoanalyse war so schnell nicht umzusetzen. »In der Halbzeit haben wir damals keine Videos angeschaut. Ich habe gehört, dass so etwas heute gemacht wird, aber ich persönlich habe das nie erlebt. Weder bei einem Verein noch bei der Nationalmannschaft», sagt Thomas Hitzlsperger, der sein 52. und letztes Länderspiel im August 2010 bestritten hatte. Mittlerweile gibt es einige Bundesligisten, wie Borussia Dortmund, der FSV Mainz 05 oder der FC Augsburg, die mit aktuellen Videoanalysen arbeiten.

 

Bernhard PetersBernhard Peters. Foto Pixathlon

 

Der regelmäßige Erfahrungsaustausch zwischen Hockey- und Fußball-Bundestrainer ließ bei beiden den Gedanken an eine intensivere Zusammenarbeit reifen. Zunächst sollte Peters an der Seite von Guido Buchwald in einer Doppelspitze DFB-Sportdirektor werden. Nachdem Buchwald, der lieber weiterhin als Trainer in Japan arbeiten wollte, abgesagt hatte, wurde er folgerichtig Klinsmanns alleiniger Kandidat für den begehrten Posten.

Als der revolutionäre Vorschlag an die Öffentlichkeit gelangte, musste sich der Kandidat von der "Bild"-Zeitung als »Klinsis Hockeytrainer» durch den Kakao ziehen lassen. Nachdem sich die Fußballfunktionäre nicht zuletzt unter dem Druck der Medien für Matthias Sammer entschieden hatten, wurde Peters im Herbst 2006 von Ralf Rangnick zur TSG Hoffenheim geholt. Beim damaligen Regionalligisten wurde er Direktor für Sport und Nachwuchsförderung. Rangnick und er tüftelten gemeinsam, wie man vom Know-how der Hockeyspieler profitieren könne. Selbst einige Spielformen aus dem Hockeytraining wurden  erfolgreich ins Trainingsprogramm der Hoffenheimer übernommen.

Ralf Rangnick sagte damals in einem Interview:»Wir haben Spiel- und Übungsformen, da hätte ich vor zwei Jahren nicht daran geglaubt, dass sie im Fußball umsetzbar sind. Am Anfang dachte ich, dass sie nur im Hockey funktionieren. Eine Spielform heißt »Streifen» oder »Banane», weil das Spielfeld auf einen sehr schmalen Korridor reduziert wird, der aber in einem normalen 16-Meter-Raum mündet. Erlaubt sind maximal drei Ballkontakte, nur flaches Spiel, Rück- oder Querpässe sind verboten. Die Spieler werden durch Regeln gezwungen, extrem den vertikalen Blick durch die Gassen und Zonen zu üben. Ein anderes Beispiel: Das Spielfeld hat in der Mitte eine Tabuzone, die darf nicht betreten und auch nicht durchspielt werden. Meine Profis wissen: Das ist wie ein Loch, 100 Meter tief. Wer da durchläuft, ist tot. Dadurch wird das Zonenspiel über die Außen verbessert.»

Allerdings musste auch Fußballlehrer Rangnick einräumen, dass es schwierig ist, die Arbeitsbedingungen im Studentensport Hockey mit den Gegebenheiten in der Fußball-Bundesliga zu vergleichen. »Im Hockey hat man eine sehr homagene Gruppe in Bezug auf Bildungsgrad, soziale Herkunft, Intellekt“, sagte er in einem Interview. »Das gilt für ein Nationalteam sogar noch stärker. Fußball hingegen ist der heterogenste Mannschaftssport überhaupt. Man hat oft Spieler aus Zentraleuropa, Afrika und dem ehemaligen Ostblock zusammen in einer Mannschaft. Der Bildungsgrad ist völlig unterschiedlich. Hinzu kommt der Einfluss von Spielerberatern, Agenten und Spielerfrauen, den es im Hockey nicht gibt. Und die Höhe des Einkommens, der Neidfaktor, spielt eine große Rolle in der Gruppendynamik. Das macht alles viel diffiziler. »

In der Bundesliga ist Peters’ Fußball-Fachkompetenz spätestens seit der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Rangnick unumstritten. In der Premier League reicht das offenbar noch nicht, um einen hoch attraktiven Job zu bekomen, wie Jens Lehmann zu berichten weiß. »Bernhard Peters war mal bei Arsenal bei einigen Trainingseinheiten dabei. Arsenal hat einen neuen Akademiemanager gesucht. Er ist jemand, der für den Job infrage gekommen wäre. Ich hatte ihn Arsène Wenger vorgestellt, aber es ist nicht zustande gekommen. Es ist glaube ich so, das ihm seine Hockeyvergangenheit einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Es fehlte wohl der Fußball-Hintergrund.»



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