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INTERVIEW
"Kampf gegen Windmühlen"
Auf dem grauen Linoleumflur vor dem Zimmer im Turiner Palazzo di Giustizia warteten einst Zinédine Zidane, Ronaldo, Diego Maradona und Marco Pantani auf ihre Anhörungen. Hinter der weißen Tür mit der abgegriffenen Klinke sitzt Staatsanwalt Raffaele Guariniello fast schüchtern auf einem riesigen Chefsessel. Meist sorgt er sich um Asbestvergiftungen von Bauarbeitern oder Nebenwirkungen von Anti-Zellulitis-Pillen, berühmt machte ihn jedoch sein Kampf gegen Doping im Sport. Interview Vincenzo delle Donne und Daniel Theweleit

 

Doping in der KabineDoping in der Kabine. Foto Benne Ochs

 

RUND: Herr Guariniello, Sie ermitteln seit Jahren in der Welt des Dopings. Zuletzt sind die Verantwortlichen von Juventus Turin in zweiter Instanz freigesprochen worden. Ist der Fußball zu mächtig?
Raffaele Guariniello: Insgesamt bin ich mit meiner Arbeit zufrieden, aber natürlich ist es wie ein Kampf gegen Windmühlen. Ein großer Erfolg ist, dass ich mittlerweile nicht mehr alleine bin. Wichtige Ergebnisse wurden auch von Kollegen in Trient, Padua, Florenz oder Apulien erreicht. Aber das Antidopinggesetz würden viele insbesondere im Fußball lieber heute als morgen wieder abschaffen.

RUND: In anderen Ländern gibt es im Fußball kaum Dopingfälle. Warum ausgerechnet Italien?
Raffaele Guariniello: Das Frage ich mich auch. Ich frage mich ausdrücklich: Gibt es diese Fälle hier, weil Italien ein Sonderfall ist, oder weil vielleicht in den anderen Ländern gar nicht geforscht wird? Es kommt offenbar auf die Ermittlungsinstanzen an. In Italien ist die Justiz unabhängig und autonom, und sie hat wegen des speziellen Gesetzes eine rechtliche Handhabe. In anderen Ländern ermitteln keine Institutionen mit Staatsmacht.

RUND: Was machen Sie besser als die Verbände und die Anti-Doping-Agenturen?
Raffaele Guariniello: Als wir mit unseren Dopingermittlungen im Fußball, aber auch in anderen Sportarten anfingen, sagte man uns seitens der Verbände einhellig, sie hätten alles unter Kontrolle. Doping sei kein Thema, weil sie Tausende von Dopingkontrollen durchführen würden. Unsere Ermittlungen förderten allerdings das Gegenteil zutage. Bei der Durchsuchung des römischen Antidopinglabors Aqua Acetosa, wo sämtliche Proben aus Italien untersucht wurden, stellten wir fest, dass die Analysen fehlerhaft oder unvollständig waren. Die Urinproben der Fußballer wurden beispielsweise nicht auf Anabolika untersucht. Und es gab eine Zeit, da wurden viele Proben entsorgt, ohne dass sie überhaupt analysiert wurden.

RUND: Wieso haben die Verbände derartige Missstände nicht selbst bemerkt?
Raffaele Guariniello: Es ist nicht einfach, in Sachen Doping zu ermitteln, es gibt dort große Widerstände. Aber wir verfügen über verschiedene Instrumente: vom Abhören von Telefonen über die Beschlagnahme von Medikamenten und medizinischem Gerät bis hin zur Hausdurchsuchung. All das können Anti-Doping-Agenturen und Verbände nicht tun.

RUND: Hat die Presse bei der Aufdeckung in den italienischen Dopingskandalen eine Rolle gespielt?
Raffaele Guariniello: Eigentlich nicht. Nur aufgrund der Arbeit der Justiz kamen die Dinge ans Tageslicht. Sicherlich fanden dann die Ermittlungen breiten Raum in der Presse und in den Wissenschaftsmagazinen. Letztere interessierten sich besonders für die Todesursachen von Sportlern, die ich auch untersuche. Wir haben inzwischen ein Archiv über den Tod von 24.000 Sportlern angelegt.

RUND: Was können Sie aus diesen Daten schließen?
Raffaele Guariniello: Es ist diese dramatisch hohe Sterblichkeit der Sportler am Gehring-Syndrom. Was ich jetzt herauszufinden versuche ist, warum unter Fußballern diese Krankheit so weit verbreitet ist und warum die Spieler zum Teil so jung sterben. Wahrscheinlich geht die hohe Quote auf die Einnahme bestimmter Substanzen zurück.

RUND: Sie haben den italienischen Fußball und ein Heiligtum, nämlich Juventus Turin, beschmutzt. Wie werden Ihre Ermittlungen von den Tifosi auf der Straße bewertet?
Raffaele Guariniello: Im Allgemeinen reagieren die Menschen positiv darauf. Es ist ein neues Bewusstsein entstanden.

RUND: In Deutschland gibt es den Reflex, den Sport zu schützen und bei positiven Proben immer zunächst anzunehmen, dass es sich um irgendein Versehen handelt. Wie funktioniert die internationale Kooperation?
Raffaele Guariniello: Mit Ausnahme von Frankreich haben die anderen europäischen Länder kein Antidopinggesetz, das macht den Kampf natürlich schwieriger. Es erstaunt mich außerdem sehr, dass in Großbritannien oder Deutschland keine Untersuchung zur Sterberate von Fußballern existiert. In diesen Ländern sucht man vergeblich nach diesen Zahlen, doch auch in Deutschland sind Fußballer wie Krzysztof Nowak vom VfL Wolfsburg am Gehring-Syndrom gestorben.

Das Interview ist in RUND – #9_04_2006 erschienen.



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