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INTERVIEW
Fans und Polizei – wie man Feindbilder aufbricht
RUND berichtete bereits von Entwicklungen rund um den Zweitligisten FC Heidenheim. Der dortige PFIFF, der „Pool zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur“ aus dem Ligaverband, die Initiative „DiPoFu“ (Dialogförderung Polizei und Fußballfans) wird mit 50.000 Euro gefördert, Interview Giovanni Deriu.

Fabian Strauß (Fanbeauftragter FC Hewidenheim)Fabian Strauß  (35), Fanbeauftragter des FC Heidenheim, ist auch für das Fan-Radio verantwortlich.

Das Projekt begleitet neben der Dualen Hochschule Heidenheim auch das Polizeipräsidium Ulm. Fans wie Polizei beteiligten sich an einer Online-Befragung. Die Ergebnisse werden noch ausgewertet, aber zwei, die den FC Heidenheim und dessen Aufstiege mitbekamen, zudem den Fußball sehr mögen, gaben RUND bereitwillig Auskunft, und können unterschiedlicher nicht sein: Fabian Strauß, 35, offizieller FCH-Fanbeauftragter sowie Professor Peter K. Warndorf (62),von der DHBW Heidenheim im Studiengang Kinder- und Jugendhilfe.

 


RUND: Prof. Warndorf, DiPoFu, die Dialogförderung Polizei und Fußballfans, die auch von Ihrer Dualen Hochschule begleitet wird, will die Kommunikation zwischen den Fans und der Polizei verbessern. Verständnis auf beiden Seiten durch Verständigung, quasi. Wie sehen Sie denn momentan den status quo bundesweit?
Prof. Warndorf:
Die bundesweite Perspektive kommt nicht ohne Sport- und Innenpolitik aus. Sie kommt nicht ohne Verbände aus, nicht ohne bedeutende kommerzielle Mitspieler. Es ist deprimierend auf dieser Ebene die Entwicklung der letzten Dekaden zu resümieren. Die Verbände sind „desavouriert“ - nun endlich für jedermann erkennbar. Die Politik orientiert sich offenkundig mehr an tages- und parteipolitischen Interessen, denn an jenen des Sports. Und die Sponsoren sind zumindest insofern transparent, als ihnen noch nie jemand andere Interessen als kommerzielle unterstellt hat, sie das auch von sich selbst eher selten behaupten. Am Sport als solchen, an den Zuschauern ist man bestenfalls in zweiter oder dritter Linie interessiert. Solange dies so bleibt - und ich sehe keinen Silberstreifen am Horizont - wird sich auch nichts Grundsätzliches zum Besseren verändern.

In dieser "Gemengelage" sind zwei der bedeutendsten Akteure im Stadion (die Fans und die Polizei) allein gelassen mit ihrem jeweiligen Rollenverständnis und ihrer jeweiligen Sicht der Dinge. Die Polizei sieht sich gezwungen, Probleme zu lösen, die sie nicht lösen kann, für die sie nicht verantwortlich ist, wo Scheitern also vorprogrammiert ist. Und wenn es dann kracht im Stadion sind alle geneigt der Polizei auch stets eine (Mit-)Schuld zu geben. Und die Fans? Die sollen für Stimmung im Stadion sorgen, die Merchandisingprodukte kaufen und sonst wieder schnell und ruhig verschwinden. Dieser externalen Rollenzuschreibung fallen Fans und Polizei gleichermaßen zum Opfer.

 

RUND: Wie sehen Sie Herr Strauß als Fan-Beauftragter die DiPoFu-Idee, Sie sind schließlich nah dran an den Fans, und manchmal auch an der Polizei nehmen wir an?
Fabian Strauß: DiPoFu ist ein interessanter Ansatz eines Versuches, gegenseitige (Feind-)Bilder aufzubrechen und einen Dialog anzustoßen. Wir begleiten das Projekt daher sehr gerne und sind gespannt, was trotz aller damit einhergehender Schwierigkeiten oder unerwarteten Widerständen am Ende der Erhebung an Ergebnissen herauskommt. Wir hoffen natürlich, mit diesen Ergebnissen auch arbeiten zu können...

 

RUND: Und Sie, Professor Warndorf, was versprechen Sie sich von DiPoFu?
Prof. Warndorf:
Vor allem mehr Verständnis füreinander! Fußballfans - es sind alle gemeint, nicht nur die Fankurven! - spielen im Stadion ebenso eine bestimmte Rolle, wie dies die Polizei tut. Diese Rollen sind weitgehend durch die Gesellschaft vorgegeben, lassen aber durchaus noch hinreichend Spielräume für den Umgang miteinander. Es muß aber allseits darauf geachtet werden, dass die wechselseitigen Rollenerwartungen und Rollenzuschreibungen - auch jene, die von außen heran getragen werden - nicht dazu führen, dass man gewissermaßen mechanisch den Rollen entsprechend miteinander umgeht ohne dabei noch wahrzunehmen, dass die Träger von Rollen stets Menschen sind, die sich jenseits ihrer Rollen möglicherweise ähnlicher sind als allen bewusst ist. Wir werben also für ein differenzierteres Bild voneinander, für mehr Einsicht in die Dynamiken, für die Entwicklung gemeinsamer Kommunikationsstrategien im Umgang miteinander. Das muss natürlich im Grundsatz für alle Akteure im Stadion gelten, denn alle leisten ihren Beitrag für ein sicheres und unvergessliches Stadionerlebnis - oder eben nicht, wenn es schief gegangen ist. Wir fangen also gewissermaßen erst an mit dem "Projekt sicheres Stadion" indem wir zwei der bedeutsamsten Protagonisten herausnehmen. Übrigens auch um deutlich zu machen, daß zwischen diesen eben kein antagonistisches Verhältnis besteht, dass es eben falsch und kontraproduktiv ist von einer "natürlichen Feindschaft" auszugehen.

 

RUND: Da darf zum Schluss die Frage an den Fanbeauftragten nicht fehlen, was macht echte Fans aus, und wie wichtig sind „Ultras“ in der Fanszene?
Fabian Strauß: Wie wird ein „echter“ Fan definiert? Ich denke, das macht jeder mit sich selbst aus. Jeder FCH-Fan sieht sich sicher auf seine Weise als „echter“ Fan. Für mich ist ein echter Fan, ein Fan, der egal in welcher Situation, besonders in schlechten Zeiten, zu seinem Verein steht. Und die Ultras tun das, sie geben alles für den Verein. Sie sind diejenigen, die mit deutlichem Abstand die meisten Lieder anstimmen und beispielsweise für Choreos und Stimmung im Stadion sorgen. Diese und weitere Elemente sind für viele Fans und Zuschauer doch mit einer der Anreize, überhaupt das Stadion zu besuchen. Also sind die Ultras wichtig. Auch weil sie hin und wieder Vorgänge im Fußball kritisch hinterfragen ...

 Professor Peter K. WarndorfProfessor Peter K. Warndorf

 

RUND: … und das unterscheidet sie dann kaum von Prof. Warndorf und seinen Studierenden. Letzte Frage, wie nehmen Sie als „Prof“ und Wissenschaftler die Rolle und Entwicklung des Fußballs wahr?

Prof. Warndorf: Nun, ein Ultra bin ich zwar nicht,aber eine kritische Auseinandersetzung ist immer wichtig.
Die Entwicklung des Fußballs selbst ist eine bemerkenswerte. Ich kann da jetzt fast fünf Jahrzehnte halbwegs gut überblicken, zumal ich einst selbst in Schüler- und Jugendmannschaften gespielt habe, naja, ich fürchte, ich habe Fußball eher gearbeitet als gespielt.In dem damals meist gespielten 2-3-5-System war meine Rolle die des rechten Verteidigers oder rechten Läufers. Damals hat man sich (habe ich mich!) gänzlich auf den defensiven Teil beschränkt. Konstruktive Beiträge für die Offensive waren eher zufällig. Ich war ein brauchbarer Manndecker, war meist auf den Spielmacher oder Linksaußen des Gegners angesetzt. Rein destruktiv - wenn der ein Ausfall war, war ich gut. Aus heutiger Sicht wurde damals (auch im Profibereich) häufig Standfußball gespielt, gab es Ruhephasen für einzelnen Spieler oder ganze Mannschaftsteile - aber auch großartige Dribblings, Zweikämpfe, Einzelaktionen. Das ist heute unvorstellbar!

Ich liebe das heutige Spiel, das spielerisch - und das heißt: technisch, taktisch, konditionell und intellektuell - ungleich anspruchsvoller geworden ist. Das gefällt mir, wie gesagt. Was mir nicht gefällt, ist eigentlich fast alles andere um den Fußball herum: die Kommerzialisierung in all ihren Facetten wird schon mittelfristig zu einer Entfremdung führen zwischen jenen, die den Sport professionell betreiben, ihn organisieren, regulieren, ausbeuten auf der einen Seite und jenen, die Fußball gerne... kurz - Der Fußball als Sport wird stranguliert, weil man offensichtlich glaubt, dass der Hauptzweck dieses Tuns darin besteht, dass möglichst viel Geld verdient werden soll und an diesem Erfolg immer mehr sportfremde Akteure partizipieren wollen. Die Werte, für die dieser Sport
(Sport allgemein) angeblich steht, werden viel zu oft, viel zu offensichtlich mit Füßen getreten. Auf dem Platz und neben dem Platz, und vor allem auf der Funktionärsebene. Fair Play ist viel zu wichtig, als zu einer belächelten Eigenschaft zu verkommen!

 

Giovanni Deriu, Dipl.Sozialpädagoge und RUND-Autor, führte das Interview.



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