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INTERVIEW
„Unterschiede sind kein Nachteil, sondern eine große Chance“
In der Nationalelf haben immer mehr Spieler ihre Wurzeln außerhalb Deutschlands. Gül Keskinler, die Integrationsbeauftragte des DFB, über die Pfiffe gegen Mesut Özil und die Nationalmannschaft als Modell für die gesamte Gesellschaft. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" Interview Matthias Greulich

 

Mesut ÖzilMesut Özil im DFB-Trikot. Foto: Pixathlon

 

Frau Keskinler, was halten junge Migranten davon, dass sich Mesut Özil für die deutsche Nationalelf entschieden hat?
Gül Keskinler: Ich bin viel an der Basis bei kleinen Vereinen unterwegs. Es ist gerade bei Kindern und Jugendlichen ein riesiges Thema, auch weil die türkischen Medien häufig über Mesut Özil berichten, meistens zu Recht sehr positiv. Er spielt beim DFB in einer Mannschaft, in die es nur ganz wenige schaffen. Bei den  Jugendlichen mit Migrationshintergrund entsteht oft so eine Art Regionalpatriotismus. Im Gespräch versuche ich ihnen dann deutlich zu machen, wie wichtig neben dem Talent die Leistungsbereitschaft ist. Man muss viel Zeit investieren und vieles aufgeben, um so weit nach oben zu kommen. Das ist den jungen Leuten meistens nicht bewusst. Die Entscheidung, für welches Land er spielt, ist ja nicht nur die Entscheidung des einzelnen Spielers. Man muss vom Werdegang her erst einmal so weit sein, um überhaupt zu einem Länderspiel eingeladen zu werden.

Und wenn man so weit gekommen ist wie Özil oder Serdar Tasci, was ist dann ausschlaggebend?
Gül Keskinler: Oft wird das auf eine emotionale Entscheidung reduziert, aber es gibt doch auch andere Kriterien. Die Spieler fragen sich, wie hoch die Qualität in den unterschiedlichen Mannschaften ist. Alle Fußballprofis haben einen Berater, der den Markt sondiert. Sie können selbst beurteilen, wo sie sich am besten platzieren können. Auch taktische Entscheidungen und Karriereplanungen fließen hier mit ein.

Cacau und Tasci sind Integrationsbotschafter des DFB. Wie bringen sie sich ein?
Gül Keskinler: Beide nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Cacau ist ein engagierter und offener Mensch. Serdar Tasci ist etwas ruhiger, er ist sehr reflektiert und gläubig. Vor den Spielen sieht man ihn am Spielfeldrand beten. Beide, Cacau und Tasci, senden wichtige Botschaften an die Jugend. Egal welcher Hautfarbe man ist, welchen Gott man anbetet oder welchen kulturellen Hintergrund man hat, wir sind eine Einheit. Der DFB vergibt gemeinsam mit Mercedes-Benz seit 2007 einen hoch dotierten Integrationspreis. Auch dort wird deutlich, wie intensiv Integration gerade auch im Fußball gelebt wird und wie viel wertvolle Arbeit hier geleistet wird, auch für unser ganzes Land.

Sie sprechen Tascis Nachnamen nicht mit „i“, sondern mit weichem „e“ am Ende.
Gül Keskinler: Das ist schon für uns Türken nicht einfach auszusprechen und für die deutsche Zunge richtig schwierig. Und dann heißt der Name auch noch wörtlich übersetzt „Steinmetz“.

Bei Oliver Neuville hatten Sportreporter die korrekte französische Aussprache des Nachnamens schnell raus, bei Tasci ist das nicht so.
Gül Keskinler: Stimmt, man hört es immer wieder im Fernsehen. Wenigstens beim Namen Özil können die Kommentatoren nicht viel falsch machen.

 

Serdar Tasci gegen Lionel MessiSerdar Tasci gegen Lionel Messi. Foto: Pixathlon

 

Sie haben mit der Familie Özil gesprochen. Wie ist Mesut mit den Pfiffen der türkischen Fans beim Länderspiel in Berlin im Oktober 2010 umgegangen?
Gül Keskinler: Er ist ein junger Mann von Anfang 20 auf dem sehr viel lastet. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Das Türkei-Spiel wurde in den Medien fast nur auf ihn aufgebaut, die anderen 21 Spieler liefen sozusagen nebenbei. Was muss das für eine Belastung gewesen sein? Ich weiß aus Gesprächen mit seiner Familie, dass ihm die Pfiffe unter die Haut gegangen sind. Weil er ein sehr emotionaler und feinfühliger Mensch ist. Und weil Mesut Özil natürlich noch Verwandte in der Türkei hat. Dort liegen seine Wurzeln, mit denen er respektvoll umgeht.

Wie denkt die türkische Community jetzt über ihn?
Gül Keskinler: Es ist wie immer: An der Basis gibt es keine einheitliche Meinung – und das ist ja auch gut so. Viele sind sehr stolz, dass Mesut Özil und Serdar Tasci für Deutschland spielen. Andere sind ein wenig traurig und deshalb auch ein Stück weit erbost darüber, dass so große Talente nicht für die Türkei spielen.

Ist das eher die erste oder zweite Generation?
Gül Keskinler: Es sind auch jüngere darunter. Das sehe ich auch in meiner Familie: Junge Männer, die hier geboren wurden, und mit der Türkei eigentlich weniger zu tun haben, sagen mir: „Mensch, der hätte für die Türkei spielen müssen“. Andere über 40, die als Kind nach Deutschland gekommen sind, sehen das entspannter und sagen: „Özil ist doch hier groß geworden und das er jetzt hier spielt, finde ich richtig.“

Halten Sie diese Diskussionen für gut?
Gül Keskinler: Jeder Austausch bringt uns einander näher. Kommunikationsfähigkeit ist nicht unbedingt die Stärke im Zusammenleben von Migranten und Einheimischen. Auch wenn es jetzt nur um eine Community geht, die türkische, finde ich es wichtig, dass diskutiert wird. Es geht um Identifikation und um die Entwicklung einer Identität. Es ist wichtig, dass wir über solche Entwicklungen in unserer Gesellschaft offen sprechen.

Wie wurde über Özil in der Türkei geurteilt?
Gül Keskinler: Es gab viele Fernsehsendungen in der Türkei, in denen das von verschiedenen Experten kommentiert wurde. In einem Nachrichtensender sagten die Journalisten, dass sich der Junge richtig entschieden habe. Deutschland ist seine Heimat, er hat dort Fußballspielen gelernt. Einer brachte es auf den Punkt: Noch niemals sei darüber diskutiert worden, warum Cem Özdemir in Deutschland Politik macht und nicht in der Türkei. Auch darin zeigt sich die emotionale Kraft des Fußballs.

Zuletzt hat die deutsche Elf große Begeisterung ausgelöst. Gab es während der WM eine Entkrampfung im Verhältnis zwischen Migranten und den Herkunftsdeutschen?
Gül Keskinler: Ich habe das absolut so erlebt, weil ich auf vielen verschiedenen Veranstaltungen war. Wir hatten tolles Wetter und es war ein harmonisches Zusammenleben, so wie man es sich vorstellt. Man hat mit den Jungs mitgefiebert, wir waren alle tieftraurig, dass sie gegen Spanien verloren haben.

Die haushohe schwarz-rot-goldene Fahne, die gebürtige Libanesen in Berlin-Neukölln aufgehängt haben, hat Schlagzeilen gemacht.
Gül Keskinler: Hier in Köln war es ähnlich. Vor den Restaurants und den Imbissbuden in Köln-Mülheim hingen Fahnen, alles war bunt gemischt. Vor jedem Spiel herrschte eine türkisch-kölsche Karnevalsstimmung. Diese schöne Atmosphäre macht mich zuversichtlich.

Zuletzt hat das Buch von Thilo Sarrazin eine vergiftete Debatte über Zuwanderung ausgelöst, die nichts mehr mit der Sommermärchen-Stimmung zu tun hatte.
Gül Keskinler: Nach der tollen Atmosphäre während und unmittelbar nach der WM, tat eine solche Debatte besonders weh. Dass man sich so schnell wieder mit Vorurteilen auseinandersetzen und sich wegen seiner Herkunft rechtfertigen muss, hat mich auch geärgert. Was wir wirklich brauchen, ist eine offene, ehrliche aber auch zukunftsorientierte Debatte. Es gibt in unserer Gesellschaft etliche Baustellen, an denen wir zuwenig gearbeitet haben. Das müssen wir ansprechen – aber nicht verletzend und ausgrenzend! Wir müssen gerade die Beteiligten in den Entwicklungsprozess einbinden und gemeinsam eine Gesamtperspektive entwickeln. Es bringt nichts, immer einzelne Gruppen herauszugreifen. Das ist nicht meine Art zu denken und zu handeln.

Ist die Nationalelf also ein Modell für die ganze Gesellschaft, wie es der „Stern“ auf dem Titelbild schrieb?
Gül Keskinler: Das ist diese Mannschaft wirklich. Darin sehe ich auch eine Grundlage meiner Aufgabe beim DFB. Dadurch, dass so viele Emotionen durch den Fußball ausgelöst werden, geben wir auch Impulse für andere Bereiche. Mesut Özil war als Kind kein fertiger Fußballer, auch mit ihm musste viel gearbeitet werden. Beim Fußball hat der DFB die Talentförderung in den vergangenen zehn Jahren stark ausgebaut. Vom Fußball geht das Signal aus, dass wir im Kindergarten und in der Schule auch für andere Bereiche eine ganz andere Förderung betreiben müssen.

Welche Bereiche können noch vom Fußball lernen?
Gül Keskinler: Vor einigen Monaten war ich auf einer Tagung aller Universitäten in Deutschland, die ein Ingenieursstudium anbieten. Ich wurde dort gefragt, was getan werden muss, um mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund zum Studium zu bringen. Das ist genau unser Thema: Alte Strukturen müssen sich ändern, es muss ein Umdenken beginnen, in diesen Prozess müssen auch Wissenschaftler mit Migrationshintergrund eingebunden werden. Die Gesellschaft hat sich geändert und ändert sich weiter. Migrantenfamilien müssen in ihrem Umfeld aufgeklärt werden und jedes Kind und jeder Jugendliche sollte im individuellen Können für unsere Gesellschaft gestärkt werden. 

Das Tempo mit dem die Mannschaft sich veränderte, kam überraschend. Auch für Sie?
Gül Keskinler: Ein bisschen schon. Elf von 23 Spielern im WM-Kader hätten an einem Punkt ihrer Laufbahn für zwei Länder spielen können. Es war aber nicht so, dass es eine Vorgabe gegeben hätte. Verglichen mit anderen begehrten Posten in der Wirtschaft und Wissenschaft ist das enorm. Ich höre immer wieder von Akademikern, dass sie bei Bewerbungsgesprächen wegen ihrer Herkunft benachteiligt werden. Beim DFB spielt die Herkunft keine Rolle. Neben Tugenden wie etwa dem gerechten Umgang miteinander, Respekt und Toleranz, sind Zielstrebigkeit und Teamfähigkeit wichtige Botschaften, die von der Nationalmannschaft und von  Bundestrainer Joachim Löw ausgehen.

Beobachter haben bei der neuen Nationalelf durch die Spieler mit Migrationshintergrund eine Leichtigkeit ausgemacht, die bislang nicht immer zu den Stärken der deutschen Elf gehörte.
Gül Keskinler: Wir haben ja auch einen sehr klugen Bundestrainer, der offen und empathisch ist und die Unterschiedlichkeit der einzelnen Spieler erlebt und im Kontext eines intakten Mannschaftsgefüges bestehen lassen kann. So wie wir es gesellschaftlich brauchen. Wir müssen lernen, Unterschiede nicht als Nachteil, sondern als große Chance zu betrachten.

 

GülGül Keskinler wurde 1960 in Istanbul geboren, im Alter von zehn Jahren siedelte sie nach Deutschland über. Seit 1996 ist sie deutsche Staatsbürgerin. 2006 wurde Keskinler als Integrationsbeauftragte in den Vorstand des DFB berufen, dabei wurde sie von der Türkischen Gemeinde in Deutschland unterstützt. Seit 2007 vergibt der DFB erstmals einen jährlich ausgeschriebenen Integrationspreis, außerdem wurden Grundsätze zur Integration im Fußball erarbeitet. Gül Keskinler lebt in Köln und ist Mutter zweier Kinder.

 

Buch die Fußball-Nationalmannschaft

Ein Auszug aus „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



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