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UPTON PARK
Die letzte Seifenblase
West Ham United spielt künftig im Londoner Olympiastadion, der traditionsreiche Boleyn Ground wird abgerissen. Erinnerungen an ein typisch englisches Stadion mitten im Wohngebiet, wo auch ein Deutscher gefeiert wurde. Von Matthias Greulich

 

 Das letzte Spiel in Upton ParkSchalensitze mit Geschichte: Das letzte Spiel in Upton Park am 10. Mai 2016. Foto Pixathlon

 

London, East End. Supermärkte, Pubs und Polizeipferde säumen die schmale Green Street. Zwischendurch am Straßenrand überladene Stände, wo Fanutensilien mit den gekreuzten Hämmern verkauft werden. Neben den himmelblauen und weinroten Schals in Vereinsfarben hängt dort überraschend ein Modell, wie es Italiener auf der Piazza tragen. Der 15 Pfund teure Schal aus Kunstfasern wird mit britischem Humor handgeschrieben als „Mancini-Style“ beworben. Wer ihn kauft, darf sich im Pub wie Roberto Mancini fühlen. Mit dem eleganten italienischen Trainer erlebte West Ham United eine der erfolgreicheren Phasen seiner über 100-jährigen Vereinsgeschichte.

Der Upton Park, wo die „Hammers“ spielten, bis sie in diesem Sommer ins riesige Londoner Olympiastadion in die Nähe eines Einkaufszentrums umziehen werden, ist hier mitten im Wohngebiet bei dem sparsamen Licht der Straßenlaternen nicht leicht zu finden. Wir fragen einen, der an der Straßenecke rauchend dort schon immer gestanden haben muss, nach dem Weg. „Dahinten an der Ecke, wo die Kirche ist, Kumpel“, zeigt er tatsächlich auf einen kleinen Kirchturm, der im trüben Licht auszumachen ist. Wir biegen wie uns geheißen eine schmale Gasse nach links ab und stehen vor der Tribüne, die das Schild in weinrot als „Bobby Moore Stand“ ausweist. Der Weltmeister von 1966, einer der ewigen Helden des Klubs. Wir gehen Richtung Haupttribüne, deren Bauch sehr stark an die Wettschalter-Halle einer Pferderennbahn erinnerte, wären da nicht die Fans der „Hammers“ in ihren Trikots.

Das war im Frühjahr 2011. Wir besuchten ein Ligapokalspiel von West Ham gegen Burnley, bei dem Thomas Hitzlsperger nach langer Verletzungspause ein Tor für die Hammers gelang. Der Empfang, den die Anhänger „Hitz the Hammer“, wie er wegen seiner Schusskraft in England genannt wird, war sehr herzlich. Nach seinem Tor jubelten sie ihm von der Moore-Tribüne, wo die Treuesten standen, lange zu.

Beim letzten Spiel im Boleyn Ground, wie das Stadion offiziell heißt, war der ehemalige deutsche Nationalspieler im Stadion und twitterte: „Wouldn’t want to be anywhere else right now!“ Die Hammers besiegten Manchester United in einem mitreißenden Spiel mit 3:2. Es gab die Bubbles (Seifenblasen) vor dem Spiel, verbunden mit der aus fast 36.000 Kehlen gesungenen Hymne „I’m Forever Blowing Bubbles“, aber die Stimmung auf der Abschiedsparty war angespannt, weil der United-Bus von Bierflaschen getroffen und beschädigt wurde. Das letzte Spiel im Boleyn Ground wurde erst mit 45 Minuten Verspätung angepfiffen.

Nach dem Sieg gegen United können sich Trainer Slaven Bilic und die Seinen Hoffnungen machen, im Sommer in der Europa League zu spielen. Die Fans der Hammers haben den Abriss des 1904 eröffneten Stadions zugunsten von Wohnungen als Vernichtung der Tradition gegeißelt. Große Lust auf europäischen Fußball im Olympiastadion haben sie dennoch, wie bislang 50.000 verkaufte Dauerkarten für das Olympiastadion zeigen.

Am 10. Mai 1980, auf den Tag genau 36 Jahre nach dem letzten Spiel in Upton Park, hat West Ham den FA Cup gegen Arsenal gewonnen. Es war der bislang letzte Titel, den die Hammers gewonnen haben. Am Tag nach dem Hitzlsperger-Comeback fahre ich bei mittags zum West-Ham-Fanshop und kaufe die himmelblaue Retro-Trainingsjacke, mit der die Helden damals im alten Wembleystadion auf den unvergleichlichen Rasen liefen. Am gestrigen Dienstag habe ich sie wieder angezogen.

 

Das letzte Spiel in Upton ParkIm Bauch der Haupttribüne: Das letzt Spiel in Upton Park. Foto Pixathlon



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