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INTERVIEW
„Ein Spieler muss durchgängig bestmöglich begleitet werden“
Domenico Tedesco betreute die U16 der TSG 1899 Hoffenheim und absolvierte den Lehrgang zum Fußballlehrer unter der Woche. Diese Doppelbelastung bestand Hoffenheims Nachwuchstrainer-Hoffnung und Nachfolger von Julian Nagelsmann in der U19 mit Bravour: 1,0 war die Note beim DFB-Fußballlehrerlehrgang. Und damit war der 31-jährige Tedesco, von Beruf Wirtschaftsingenieur,  Klassenprimus.

 

Domenico TedescoJahrgansbester im Fußballlehrer-Jahrgang 2016: Domenico Tedesco. Foto TSG Hoffenheim

 

Viel ist passiert seit seinem Abschied beim VfB Stuttgart, den Domenico Tedesco immerhin mit dem Double-Gewinn vergangene Saison verlassen hat. Das Finale um die Deutsche A-Jugendmeisterschaft ging gegen Borussia Dortmund zwar klar verloren, doch rund ums VfB-Gelände in Bad Cannstatt, kam es zu Schuldzuweisungen, wer für Tedescos Wechsel nach Hoffenheim verantwortlich sei.
 
Herzlichen Glückwunsch Herr Tedesco, Sie sind nun Fußballlehrer,  mit der Uefa-Pro-Lizenz, wie fühlen Sie sich damit?
Domenico Tedesco: Vielen Dank. Ich bin jetzt kein besserer Mensch geworden, aber natürlich verspüre ich eine große Erleichterung, dass die vielen Prüfungen und eine sehr stressige Zeit hinter mir liegen. Jetzt habe ich endlich mehr Zeit für meine Mannschaft und bin endlich in Hoffenheim angekommen.
 
War es schwierig, den Spagat hinzubekommen, beim Studium präsent und zeitgleich Cheftrainer der U16 bei der TSG Hoffenheim zu sein? Die Saison läuft ja noch, und Ihr Team steht hinter dem VfB Stuttgart auf dem zweiten Platz ...
Domenico Tedesco: Es war nicht einfach, aber dank guter Trainerkollegen und großartiger Unterstützung im Gesamtverein haben wir das gut gestemmt. Es war wichtig, dass die notwendigen Bedingungen geschaffen wurden, die es mir erlaubt haben, ein paar Tage pro Woche zu fehlen. Ich habe es dann ganz gut hinbekommen, am Mittwochabend die Fußballlehrer-Schublade zuzumachen, meine neuen Erkenntnisse im Training bei Bedarf einfließen zu lassen – und die Schublade am Sonntagabend wieder zu öffnen.
 
Sie haben sich in der vergangenen Saison beim VfB mit dem Double in der U17 verabschiedet, wurden deutscher Vize-Meister nach einer Niederlage gegen den BVB, die doch deutlich ausfiel. Was nahmen Sie aus dieser Niederlage damals mit?
Domenico Tedesco: Gute Frage. Aus Niederlagen kann man grundsätzlich mehr Erkenntnisse gewinnen als aus Siegen. Wir hatten im Finale in der Anfangsphase eine gute Strategie, haben eine starke Dortmunder Mannschaft lange in Schach gehalten und uns auch einige Torchancen herausgespielt. Als Lehre aus diesem Spiel könnte man ziehen, bei einem Gegentor nicht sofort die Strategie zu ändern.
 
Gibt es große Unterschiede zwischen dem VfB Stuttgart und der TSG 1899 Hoffenheim, was die Kommunikation Juniorenteams übergreifend betrifft, oder werden die Profi-Trainer mit Ihnen oder Julian Nagelsmann immer jünger? Immerhin waren Sie ja lange Zeit fester Bestandteil beim VfB ...
Domenico Tedesco: Sowohl die TSG als auch der VfB sind sehr professionell geführte Vereine. Da gibt es keine bzw. wenn dann nur sehr geringfügige Unterschiede. In beiden Klubs wird ein großer Wert auf interne Kommunikation gelegt.
 
Wie könnte man Ihre Fußball- und Spielphilosophie beschreiben?
Domenico Tedesco: Ich möchte da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber grundsätzlich gilt, dass meine Mannschaften schnellstmöglich torgefährlich werden sollen. Wenn Vertikalspiel möglich ist, soll sie vertikal spielen, wenn nicht, die Vorbereitungen dafür treffen, es zu können. Jeder Trainer möchte, dass hinten die Null steht, ich möchte offensiv wie defensiv ein gutes Konzept haben. Wenn ich zwischen 4:3 und 1:0 wählen muss – wähle ich das 4:0. Es gibt nicht das eine von mir bevorzugte System, das hängt von der Spielerqualität ab, die zur Verfügung steht und in gewissem Maße auch vom Gegner. Das System selbst ist nicht so wichtig, es geht darum, die Stärken der eigenen Spieler bestmöglich zur Entfaltung zu bringen und dementsprechend taktisch aufzustellen.
 
Immer mehr italienische Trainer prägen den Fußball im Ausland. Claudio Ranieri schaffte das Wunder von Leicester, aber auch Luciano Spalletti , Gianni De Biasi oder früher Trapattoni hatten große Erfolge. Was glauben Sie, was macht die italienische Trainings- und Taktiklehre aus? Was zeichnet die italienischen Trainer speziell aus?
Domenico Tedesco: Ich habe keinen Kontakte zu italienischen Mannschaften oder Trainern, zumindest nicht so, dass ich im Detail Einblicke hätte. Daher möchte ich mir hier eigentlich kein Urteil erlauben. Ich glaube aber, dass bei italienischen Trainern die Mannschaftstaktik eine große Rolle spielt und diese stundenlang trainiert wird. In diesem Punkt investieren sie deutlich mehr Zeit als andere. Die Vorbereitungsphase vor einer Saison italienischer Klubs dauert auch immer entsprechend lange.
 
Fühlen Sie sich mehr als Deutscher, Italiener oder schwäbischer Italiener? Was sind deutsche, was mehr italienische Elemente in der Spielweise Ihrer Teams?
Domenico Tedesco: Ich habe beide Staatsangehörigkeiten, möchte auch keine missen und fühle mich daher klar als Deutsch-Italiener. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, habe ich mich dem Lebensstil hier und der Mentalität angepasst, aber ich freue mich jedes Jahr darauf, nach Italien in Urlaub zu fahren. Von deutschen und italienischen Elementen zu sprechen ist natürlich sehr klischeebehaftet. Sie würden es wahrscheinlich als italienisches Element bezeichnen, wenn ich Ihnen sage, dass mir eine gut funktionierende Abwehrkette sehr wichtig ist. Und als „deutsch“, dass ich unbändigen Willen fordere und dass die Jungs sich aufopfern und viel investieren sollen.
 
Was geben Sie anderen (Junioren-)Trainern mit auf den Weg, die nicht die besten Talente um sich haben, aber oft schon in untersten Klassen am Erfolg gemessen werden?
Domenico Tedesco: Generell finde ich, dass jeder von jedem lernen kann und nicht nur die Trainer jüngerer Mannschaften von denen älterer. Ansonsten kann ich Junioren-Trainern nur raten, immer auf die Ausbildung und Individualisierung ihrer Jungs zugeschnitten zu arbeiten und sich von diesem Weg auch nicht abzubringen zu lassen, wenn es mal ein gutes Ergebnis kostet. Wenn es dann am Ende nicht reicht, weil Verantwortliche zu ungeduldig sind und nur auf den Erfolg schauen, kann man als Trainer trotzdem noch in den Spiegel schauen, weil man alles für die Spieler gegeben hat.
 
Was ist notwendig, um mit seinem Talent tatsächlich Profi werden zu können, wann zeichnet sich der Weg im Juniorenbereich ab?
Domenico Tedesco: Die drei wichtigsten Eigenschaften sind für mich Fleiß, Beharrlichkeit und Demut. Wer diese Eigenschaften mitbringt, hat zumindest schonmal gute Voraussetzungen. Eine genaue Prognose zu treffen ist schwierig, das hängt vom Spieler und der Situation ab. Deswegen gilt für mich: Ein Spieler muss durchgängig bestmöglich begleitet werden. Zwischenstände, in welche Richtung das Pendel ausschlagen könnte, sind nicht wichtig. Der Trainer muss unabhängig davon seinen Job machen und seine Spieler in allen Bereichen – Technik, Athletik usw. – ausbilden. Natürlich sollte man Signale erkennen, diese aber nicht überbewerten.
 
Zuletzt Herr Tedesco, Sie übernehmen die U19, die davor fast drei Jahre erfolgreich von Ihrem Trainerkollegen in Hoffenheim, Julian Nagelsmann gecoacht wurde. Dreimal in Folge erreichte Vorgänger Nagelsmann das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Verspüren Sie da bereits einen Druck, und welchen Anspruch haben Sie an die neue Saison?
Domenico Tedesco: Ich kenne diese Situation, weil ich beim VfB Stuttgart in der U17 damals Thomas Schneider beerbt habe, der zwei Mal hintereinander das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreicht hatte. Ich weiß, was von mir verlangt wird, verspüre aber keinen Druck, zumal ich selbst hohe Ansprüche habe. Meine Hauptaufgabe wird es sein, Spieler hochzubringen. Erfolg und Ausbildung stehen im Einklang.
Das Interview führte Giovanni Deriu.


 
 


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