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INTERVIEW
„Gemeinsam als Team Höhen und Tiefen anpacken“
Aus der Serie deutsch-italienische Nachwuchstrainertalente: Interview mit U19-Juniorencoach Sandro Stuppia (VfR Aalen)

 

Sandro StuppiaEin Fingerzeig für die U19 des VfR Aalen: Trainer Sandro Stuppia

 

Die sehr gut besetzte EnBW-Oberliga der U19-Junioren ist so eben zu Ende gegangen, die Stuttgarter Kickers stiegen in die Junioren-Bundesliga wieder auf, während die Profis in die Regionalliga abstiegen. Doch stets im Nacken der Kickers stand das Team des VfR Aalen um Trainer Sandro Stuppia. Der 28-jährige Coach und Uefa-A-Lizenz-Inhaber ist kein Unbekannter, und stets wird Stuppia bei anderen Clubs gehandelt. Selbst in Sachsen-Anhalt bei Union Dessau war Stuppia als Trainer und Jugendkoordinator aktiv. Der Italiener fühlt sich aber beim Drittligisten im Ostalbkreis wohl, und hat mit dem Vize-Titel ein kleines Ausrufezeichen gesetzt. Stuppia sieht Deutschland bei der Europameisterschaft weit vorne, und hofft auf Wiedergutmachung der Squadra Azzurra, wie er Giovanni Deriu im Interview erzählte.

 

Herr Stuppia, so eben beendete Ihr Team die EnBW-Oberliga als Vize-Meister dennoch mit einem Paukenschlag: 6:3 gewann Ihr Team unterm Fernsehturm bei den Stuttgarter Kickers. Es war ein Duell ums Prestige, wie erlebten Sie dieses Match?
Sandro Stuppia:  Es trafen zwei Teams aufeinander, die sich wenig geschenkt haben, man hat beiden angesehen, dass es beide Teams auch  verdient hatten, dort zu stehen, wo sie letztendlich stehen, nämlich oben. Prestige gibt es meiner Meinung nicht, es gibt eine Saison mit dem ersten und dem letzten Spieltag. In diesem Zeitfenster wird hart gearbeitet, um das Maximale zu erreichen: und zwar, alle Spiele zu gewinnen. Daher haben wir uns wie gewohnt auf das Spiel vorbereitet, und versucht, Dinge aus dem Hinspiel besser zu machen, um eben die drei Punkte auch in Stuttgart zu holen. Natürlich kommen spezielle Momente hinzu, das letzte Spiel und dann noch gegen den feststehenden Meister, dies reizt ebenso, aber es kommt darauf an, fokussiert zu bleiben, denn es war immerhin ein Pflichtspiel und keine Benefizveranstaltung. Persönlich war es für mich ein Spiel auf Top-Niveau, auf das wir Trainer immer warten und hoffen, von Woche zu Woche, und weshalb wir auch immer so intensiv arbeiten, eben um dann das Maximale aus 90 oder manchmal 95 Minuten heraus zu holen. Unser Matchplan ist trotz einiger Korrekturen aufgegangen, und daher ist die Arbeit erledigt. 

Ist dieser Vizemeister-Titel eine Bestätigung für Sie, oder eher Antrieb? Lang jagten Sie die Kickers, waren gar selbst Erster, dann trieben Sie den Meister vor sich her, bevor sich Ihr Team dazwischen selbst eine kleine Krise leistete…
Sandro Stuppia: Eine Bestätigung für die geleistete Arbeit der Spieler, die sich mir zur Verfügung gestellt, und versucht haben, mir zu folgen in 170 Trainingseinheiten mit einem komplett neuen Kader sowie Trainerteam, und  nach der Umstrukturierung im Verein im  vergangenen Jahr. Diese Hürde meisterten wir professionell und erzielten das beste Ergebnis einer VfR-U19-Juniorenmannschaft überhaupt, in dieser Saison. Nach dem Tief der Kickers waren wir da und haben die Chance ausgenutzt, vorbei zu ziehen, genauso wird es wohl den Kickers gegangen sein, als wir unsere Krise erwischt haben. Es hat eben für dieses Jahr so gepasst, und wir haben daraus Lehren ziehen können. Persönlich will ich immer gewinnen, und jede Trainingseinheit, jedes Test- oder Pflichtspiel als Antrieb nehmen, besser zu werden und härter zu arbeiten, um Ziele zu erreichen, aber auch um das Team spielerisch und persönlich weiter zu entwickeln.

Wie erlebten Sie Ihr erstes Jahr als U19-Trainer und Leiter der Fußballschule beim Proficlub VfR Aalen?
Sandro Stuppia: Sportlich,  als auch persönlich, konnte ich meinen Horizont erweitern, mich als Trainer profilieren und eben Vieles an neuen Inputs dazu gewinnen. Diese erste Saison war durchweg positiv.

Was zeichnete diese, doch recht erfolgreiche, Saison aus?
Sandro Stuppia: Der absolute Wille, ein Team zu formen, und durch Höhen und Tiefen zu gehen, vor allem, miteinander alles anzupacken, und am Wochenende geübtes alles abzurufen. Das ist für mich die schwierigste Taktik überhaupt, Mannschaftsführung und geführte Spieler. Davor ziehe ich immer meinen Hut, bei jedem Trainer.

Schildern Sie doch bitte kurz, wie man Ihre Fußball- und Spielphilosophie beschreiben könnte, wie sehen Sie diese selbst? Muss die Null stehen, oder finden Sie viele Tore besser? Lieber ein 4:3 als 1:0?
Sandro Stuppia: Erfolgreich spielen, es geht im Fußball immer darum, gute Ergebnisse zu erzielen. Natürlich erhöht sich diese Möglichkeit, wenn wir Spiele aktiv gestalten, indem wir eine Zielstrebigkeit erzielen, die es jedem Gegner schwer macht, dagegen zu halten. Möglichst in jeder Spielphase.  Und verlieren wir den Ball, soll sich das Team so ausrichten, dass eine schnelle Balleroberung gewährleistet ist, natürlich abhängig vom Ort des Ballverlustes, aber auch von der möglichen Folgeaktion des Gegners. Daher gestalten wir auch gegen den Ball das Spiel sehr aktiv. Geschlossen auftreten, Fehler sollen und dürfen passieren, aber auch die Reaktion und Körpersprache ist wichtig. Dennoch sage ich, ich tue alles um das beste Ergebnis zu erzielen, und wenn ich am Ende tief- oder hochstehend, z. B. auf die zweiten Bälle agieren muss, dann wird das eben getan. Ganz entscheidend ist natürlich auch, welche Spieler stehen mir im Kader zur Verfügung. Die Kunst ist ja, das passende System zu den Stärken und Talenten der Spieler zu finden.

Immer mehr italienische Trainer setzen ihre Stempel und Handschrift im Ausland auf. Claudio Ranieri schaffte das Wunder von Leicester, was unterscheidet die Trainingsarbeit in Italien von Deutschland? Ihre Erklärung?
Sandro Stuppia: Etwas schwierig da Unterschiede der täglichen Arbeit zu nennen, vielleicht den Enthusiasmus? Oder diese Besonderheit an der Trainerarbeit, sich einfach glücklich schätzen zu können, etwas aufzubauen. Meiner Meinung nach könnte aber der leidenschaftliche Aspekt, Dinge anzugehen, eine wesentliche Rolle spielen, davon bin ich überzeugt. Dass Personen italienischer Herkunft eben dieses gewisse „Etwas“ in sich tragen und vermitteln, Herzblut, und sich auch schnell mit allem zu identifizieren. Sportlich gesehen ist Deutschland auf einem top, top, Niveau – das zeigt meine persönliche Erfahrung anhand der Lizenzen. Doch eines Tages möchte ich die Schule in Coverciano (Bei Florenz; Trainerlehrgangsschule, vergleichbar mit der Hennes-Weisweiler-Akademie Hennef bei Köln; Anm. d. Autors) besuchen, da einst Sir Alex Ferguson meinte, da sollte jeder Trainer mal durch…

Fühlen Sie sich mehr als Deutscher, Italiener oder schwäbischer/europäischer Italiener? Welche Elemente machen sich in der Spielweise Ihrer Teams bemerkbar?
Sandro Stuppia: Ich bin Deutschland sehr dankbar, hier bin ich geboren, durfte zur Schule gehen und mich ausbilden, sowie eben die Trainerlizenzen erfolgreich absolvieren. Dennoch bin ich manchmal sehr eigen und eben Italiener, mit Prinzipien. Doch privat wird hauptsächlich nur in Muttersprache gesprochen.

Wichtige Elemente sind Leidenschaft, Kampf, Siegeswillen und, vielleicht sogar eine meiner Schwächen, die „Inakzeptanz“ von Niederlagen. Daher mein Motto an alle Spieler, auch bis zum Abpfiff alles dafür tun, um an unsere Grenzen zu gehen, und das 90 Minuten lang. Zeit, um sich nur mit der IST-Situation zu beschäftigen, und ohne an das „was kommt nach dem Spiel“, zu denken…

 

Was geben Sie anderen (Junioren-)Trainern mit auf den Weg, die nicht die besten Talente um sich haben, aber oft schon in untersten Ligen am Erfolg gemessen werden?

Sandro Stuppia: Bei sich zu bleiben und nie an den eigenen Fähigkeiten zweifeln. Sondern zu versuchen, gewisse Dinge evtl. zu ändern, ohne aber groß vom Eigenen abzuweichen. Es ist wichtig, sich gedanklich nicht auf einen Punkt zu fixieren um dann alles andere aus den Augen zu verlieren. Bleib immer bei dir, transformiere Frustration in Faszination, und deine Spieler werden es spüren, und dir dankbar sein. Aber auch zu wissen, am Erfolg wirst DU trotzdem immer gemessen.

Was ist notwendig, um mit seinem Talent Profi werden zu
können, wann zeichnet sich der Weg im Juniorenbereich wirklich ab?
Sandro Stuppia: Für mich spielt eine entscheidende Rolle die Einstellung der Spieler. Heute wird nicht derjenige Profi, der zwei Gegenspieler stehen lässt und im Anschluss einen Treffer erzielt, sondern derjenige, der an sich hart arbeitet, sich verbessern will, und versucht, immer wieder zu bestätigen, was geleistet und auch erlernt und geübt wurde. Wer sich tagtäglich messen möchte, von Training zu Training beweisen will, auch z. B. in der Sommer-oder Winterpause: Heißt es dann, auf dem Sofa die Füße hochlegen oder doch eher separat zusätzlich mehr tun, und an seinen individuellen Stärken und Schwächen arbeiten?

 

Wie sieht die Mischung Ihrer täglichen Trainingsarbeit aus, Fitness und Konditionstraining wohl dosiert und getrennt, oder im Training mit dem Ball und Passspiel integriert? Und was zeichnet Ihre Saisonvorbereitung aus?

 Sandro Stuppia: Wir haben fünf Trainingseinheiten pro Woche, in denen zu Beginn der Woche die Nachbesprechung des vergangenen Spiels stattfindet anhand der Videoanalyse, aber auch durch regenerative Aspekte auf dem Platz. Dann geht es auch an die Vorbereitung auf das nächste Spiel, um sich einen Matchplan zu erarbeiten. Fitness und Kondition ist unsere Grundlage, auch hier wird im Athletiktraining separat intensiv gearbeitet, aber auf dem Platz immer wieder stabilisiert. Wir haben all das in unserem Training integriert, wo wir alles spielend einüben und dann abrufen wollen, speziell zielgerichtet auf das Wochenende.

Die Saisonvorbereitung zeichnet uns mit extrem vielen Einheiten und kaum freien Tagen aus. Im Schnitt über 7 Wochen, maximal dreimal am Tag, sowie die Doppelbelastung am Wochenende durch Testspiele. Die Grundsteine für die Vorrunde sollten hier gelegt werden.

Ihr Tipp für die Europameisterschaft? Wer ist der Favorit?
Sandro Stuppia:
Wir werden mit Sicherheit eine kleine Überraschung der so genannten Underdogs erleben. Aber am Ende wird sich Kontinuität, Qualität und Arbeit über Jahre hinweg auszahlen. Deutschland wird das Rennen machen, andere Länder wie Frankreich und Belgien kommen wahrscheinlich mit dem Druck nicht klar. Ich traue natürlich meinem Land Italien nach der Enttäuschung von 2014 zu, dass sie mit viel Stolz und Leidenschaft ihre Landsleute wieder auf ihre Seite ziehen, und auch für Gänsehaut durch eine getragene Welle sorgen werden.



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