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DIE BRASILIANER DER LIGA
Stimmung in der Samba-WG

Ailton spielt wieder in Deutschland, Alberto soll seinen Landsmann Diego in Bremen unterstützen und Zé Roberto ist zurück bei den Bayern. Die Bundesliga setzt auch in der neuen Saison wieder auf Spieler aus Brasilien. Von Steffen Dobbert.


Deutschbrasilianer: Dortmunds Dedé Foto Mareike Foecking


Kein Brasilianer spielte länger in der Bundesliga als der Dortmunder Dedé. Sein Haus steht im Ruhrgebiet, viele nennen es die „Samba-WG", weil der Hausherr, so oft Gäste empfängt. Als Dedés Freund Ewerthon ebenfalls bei Borussia Dortmund spielte, wohnte der kleine Stürmer das erste halbe Jahr, obwohl ihm der Verein ein Hotelzimmer bezahlte, lieber in der „Samba-WG".

Auch Landsmänner vom Rivalen Schalke 04 wie der Mittelfeldspieler Rafinha, der ehemalige Schalker Lincoln und der in Brasilien geborene Kevin Kuranyi gehen bei Dedé ein und aus. Dedé sagt, er möchte ihnen ein Stück Heimat geben, denn die ersten Wochen in Deutschland sind nicht leicht: „Ich habe am Anfang jeden Tag geweint, es war so schlimm, keiner half mir. Ich musste fünf Mal am Tag meine Mama anrufen“, sagte Dedé im RUND-Interview. Nun, nach neun Jahren Kohlenpott habe er beim BVB längst seinen Frieden gefunden. Inzwischen schlägt in seiner Brust „das Herz eines Deutschbrasilianers“.

Deutschbrasilianer wie JSlio César, Jorginho, Paulo Sérgio, Emerson und Giovane Elber haben Tradition in der Bundesliga. Sie spielten hier für Leverkusen, Dortmund, Stuttgart, Bayern und feierten in Brasilien mit der Nationalmannschaft Erfolge. Nicht anders ist es heute: Im Kader der „Selecao“, die vor kurzem die Copa Americá gewann, standen vier Deutschlandlegionäre: Gilberto und Mineiro von Hertha BSC Berlin sowie Diego und Naldo vom SC Werder Bremen. Selbst Brasiliens Nationaltrainer Carlos Dunga spielte in den Neunzigerjahren beim VfB Stuttgart. Auch Bayerns Neueinkauf Zé Roberto hatte eine Einladung zur Copa vorliegen, sagte aber auf Wunsch der Münchner ab.

Zé Roberto ist wie Ewerthon ein alter Bekannter in der Bundesliga. Während er von 1998 bis 2006 für Leverkusen und Bayern dribbelte, spielte Ewerthon bei Dortmund von 2001 bis 2005 und erzielte dabei 47 Tore. Für die kommende Saison ist Ewerthon von Real Saragossa an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Auch Deutschlands Torschützenkönig und Fußballer des Jahres 2004 Ailton ist wieder zurück. Der „Kugelblitz“ unterschrieb einen Ein-Jahres-Vertrag beim MSV Duisburg. „Wir haben einen großen Fisch an Land gezogen“, sagte MSV-Präsident Walter Hellmich bei der Vorstellung des Stürmers, und Trainer Rudi Bommer versprach, den zu Übergewicht neigenden Ailton bis zum Saisonstart fit zu trainieren.

Den teuersten Import aus Übersee leistete sich jedoch Werder Bremen. Der vierjährige Dienst des Mittelfeldspielers Carlos Alberto von Fluminense Rio de Janeiro kostete die Bremer etwa acht Millionen Euro. „Ich will mit Werder den einen oder anderen Titel holen“, sagte Alberto bei seiner Ankunft an der Weser. Bereits von 2004 bis 2006 spielte der 22-Jährige in Europa. Mit dem FC Porto gewann er die portugiesische Meisterschaft und die Champions League. Medienberichten zufolge galt Alberto im Nachtleben Portos als Partykönig. „Das ist vorbei. Ich war jung und habe Fehler gemacht“, versprach er den Verantwortlichen in Bremen.

Dabei könnte er die Kneipentouren während seiner Zeit in Portugal schon allein damit erklären, dass er dort noch wesentlich mehr Kollegen aus der Heimat kannte als in Deutschland. In der portugiesischen SuperLiga, wo durch die fehlende Sprachbarriere traditionell schon lang Profis aus Brasilien aktiv sind, spielten in der vergangenen Saison etwa 130 brasilianische Kicker.

In Deutschland galt Bayer 04 Leverkusen in den Neunzigerjahren als erster Anlaufpunkt für die Ballkünstler. Ausgerechnet der Werksklub trotzt jetzt dem Trend: Nach mehreren Nationalspielern verließ mit dem Verteidiger Juan der letzte Brasilianer zum Ende der vergangenen Saison die Leverkusener. „Der brasilianische Markt ist überhitzt. Selbst Spieler der zweiten Garde gehen aus steuerlichen Gründen lieber nach Spanien oder nach Russland und in die Ukraine", sagte Wolfgang Holzhäuser, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, zu der Entwicklung im eigenen Team. Angeblich habe Bayer bewusst darauf verzichtet, in Brasilien nach Neuzugängen zu suchen.


In der Samba-WG: Dedé zeigt seinen Fernseher samt Blumenschmuck Foto Mareike Foecking


Die Bundesligavereine insgesamt scheinen diese Meinung nicht zu teilen. Durch zahlreiche Neuverpflichtungen ist die Gruppe der Deutschbrasilianer noch stärker geworden. Gegen ein Auswahlteam hätte wohl selbst Bayern München wenige Sieg-Chancen. Nur ein Torwart fehlt den Südamerikanern. Aber auf den könnten sie wegen ihrer Offensivstärke ohnehin verzichten.

Die Elf der Deutschbrasilianer:
Abwehr: Lucio (Bayern München), Naldo (Werder Bremen), Mineiro (Hertha BSC Berlin), Ze Roberto (Bayern München) Mittelfeld: Dedé (Borussia Dortmund), Alberto (Werder Bremen), Gilberto (Hertha BSC Berlin), Diego (Werder Bremen)

Sturm: Ailton (MSV Duisburg), Ewerthon (VfB Stuttgart), Cacau (VfB Stuttgart)

Ersatzspieler: Gledson (VfB Stuttgart), Vragel da Silva (Energie Cottbus), Lucio (Hertha BSC Berlin), Diego Morais (Hansa Rostock), Rafinha (Schalke 04), Tinga (Borussia Dortmund), da Silva (VfB Stuttgart), Marcelinho (VfL Wolfsburg)

ZEIT online


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