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EURO
Ein letztes »Huh Revoir« – Islands grandioser Auftritt bei der EM 2016
Als die meisten französischen Fans bereits das Stadion in Saint-Denis verlassen hatten, hoben die Isländer auf den Rängen noch einmal die Hände und klatschen in immer schnelleren Rhythmus zu den brachialen Lauten aus Tausenden Kehlen: »Huh!«. Ja, der große EM-Traum war nun endgültig vorbei – doch der Abschied sollte nicht still, sondern fröhlich sein. Statt der großen Trophäe hatten die wilden Männer aus dem hohen Norden die Herzen der Europäer erobert.


 

 

Noch in der Halbzeitpause lastete eine erdrückende Hilflosigkeit auf den Schultern des isländischen Teams, der geschickten französischen Kurzpass-Strategie waren die Nordmänner einfach nicht mehr gewachsen. Vier Mal hatten die Franzosen die isländische Abwehr bereits ausgespielt und den Ball ins Netz gehauen. Die Isländer hingegen verbuchten noch keine Tore auf ihrem Konto, ein Defensivfehler reihte sich an den nächsten und die isländischen Spieler wirkten erschöpft. Wollten die zur Heldentruppe mutierten Außenseiter wirklich so aus dem Rennen gehen? Nein, entschieden sie sich: Wenn, dann wird diese EM erhobenen Hauptes verlassen! So riss die Mannschaft sich noch einmal kräftig zusammen und glänzte in der zweiten Halbzeit mit 2:1 Toren. Nicht genug, um den Vorsprung der Franzosen aufzuholen, aber absolut ausreichend, um die Demütigung abzuwenden und einen letzten Schlusspunkt zu setzen.
 
Gylfi Sigurdsson sprach zum Anlass des letzten der fünf isländischen EM-Spiele diesen einen denkwürdigen Satz: »Vielleicht war es auch zu viel erwartet, gleich beim ersten Mal das Turnier gewinnen zu wollen.« In der Tat hätte es bei der EM 2016 keinen größeren Überraschungssieger als Island geben können, doch je mehr Spiele die sympathischen Underdogs erfolgreich hinter sich brachten, desto zahlreicher wurden ihre Fans aus sämtlichen Nationen, die ihnen den Sieg von Herzen gönnten. Wie oft waren die Worte zu hören: »Wenn nicht wir gewinnen, dann doch wenigstens die Isländer – die haben es wirklich verdient!«

 

 

Fans IslandSie sangen am lautesten: Isländische Fans in Frankreich. Foto Pixathlon

 

Zum allerersten Mal durch die Qualifikation – und das gegen Oranje

Begonnen hat das isländische Wunder bereits in der Qualifikation, als dem Team aus dem hohen Norden der Sieg gegen die Niederlande gelang. Nach dem UEFA-Koeffizienten war Oranje zu diesem Zeitpunkt die drittstärkste Mannschaft der diesjährigen EM, die Positionierung der Isländer hingegen scheint kaum der Rede wert zu sein. Wie sollte auch ein Land, das kaum mehr Einwohner als die Stadt Bielefeld besitzt, eine Weltklassemannschaft im Fußball aufbieten können? Doch die Isländer zeigten es allen Zweiflern, und nach dem 0:0 gegen Kasachstan im September 2015 standen sie uneinholbar an der vordersten Position der Gruppe A, obwohl noch zwei Spieltage verblieben. Damit war die EM-Qualifikation für die sympathischen Nordmänner gesichert – zum allerersten Mal überhaupt.
 
In Saint-Étienne und Marseille warteten Ungarn und Portugal als die ersten zwei Gegner, beide Spiele endeten ganz unspektakulär 1:1. Dann traten die Österreicher auf den Plan, die es zuletzt 1964 aus eigener Kraft bis in die EM-Endrunde geschafft hatten und nun sicher selbst einige Hoffnungen hegten. Die erste Spielhälfte misslang den Österreichern nach allen Regeln der Kunst, doch nach der Halbzeit trumpften sie spielerisch so richtig auf und zeigten ihre Spielstärke. So fiel recht früh das erste Tor für Island, bis dem Österreicher Alessandro Schöpf der wohl verdiente Ausgleich gelang. Kurz vor dem Abpfiff schossen die Nordeuropäer dann den unerwarteten Siegestreffer, der die Österreicher auf direkten Weg sensationell nach Hause schickte.

 

England vom Platz gekickt: »Es tut mir leid, dass es so enden muss«

Doch nichts reicht an den überraschenden isländischen Sieg gegen England im folgenden Achtelfinale heran, genau vier Tage nach der Entscheidung zum Brexit. Von Anfang an gingen die Spieler hier in die Vollen, Spannung und rasante Ballwechsel waren angesagt. Rooney schoss den ersten Treffer für England vom Elfmeterpunkt, nachdem der isländischen Keeper den Engländer Raheem Sterling im Strafraum zu Fall gebracht hatte. Doch das ließ der Gegner aus dem Norden nicht lange auf sich sitzen, nach gerade einmal 80 Sekunden fiel der Gegentreffer durch Sigurdsson nach einem dramatischen Kopfballduell zwischen Rooney und Kari Arnason, das der Isländer für sich entschied. Sightorsson nutzte später eine Abwehrschwäche der Engländer konsequent aus und schoss das zweite Tor für Island.

 

Joe Hart als englischer Torhüter bekleckerte sich in diesem Moment nicht gerade mit Ruhm. Mit starker Defensive verteidigten die Isländer ihren Vorsprung von jetzt an hartnäckig, zum Teil sammelten sich neun Spieler um den eigenen Strafraum – da gab es kein Durchkommen mehr für die bereits in Schockstarre verfallenen Engländer, die als Titelfavorit gehandelt worden sind. Beinahe gelang Sigurdsson sogar noch ein dritter Treffer, doch Hart passte in diesem Moment besser auf und vereitelte eine totale Blamage seines Teams. Der englische Trainer Hodgson nahm nach der 2:1-Niederlage augenblicklich seinen Hut mit den Worten: »Es tut mir leid, dass es so enden muss.«

 Ein Underdog auf dem Weg nach oben – Emotionen pur

Spätestens jetzt richteten sich alle Augen auf die kleine Vulkaninsel im fernen Polarmeer, deren sympathische Mannschaft sich sowohl gegen Außenseiter als auch gegen starke Favoriten bewährte. Millionenschwere Fußballprofis mussten den bis dato unbekannten Underdogs weichen, Wayne Rooney und Daniel Sturridge hatten ihnen nichts entgegenzusetzen; zumindest nicht genug. In die berühmte Wikinger-Klatschbiographie stimmten bald schon sämtliche Zuschauer mit ein, auch wenn sie nicht zu den etwa 15.000 angereisten Isländern gehörten. Wie David gegen Goliath ließen die Isländer sich nicht durch schiere Macht und Größe der Gegner entmutigen, sie zeichneten sich durch Tapferkeit und einen ganz besonderen, trockenen Humor aus, der die Herzen erreichte. Dieser emotionalen Kraft konnte sich kaum jemand entziehen!

 

Disziplin und Beharrlichkeit zeichnen dieses Völkchen wahrlich aus, wahrscheinlich bedingt durch die teils unwirtliche Landschaft, die die Isländer für sich erobert haben. So scheint es auch nicht verwunderlich, dass die Isländer sich ganz eigene Freizeitbeschäftigungen ausgesucht haben. Aufgrund der wenigen Sonnenstunden, verbringen die Bürger des Inselstaates viel Zeit beim Hallensport wie Eis-Hockey, Handball, Badminton, Tennis, Tischtennis, Bowling, Volleyball oder Schach. Auch die alpinen Wintersportarten wie Curling erfreuen sich großer Beliebtheit. In den eigenen vier Wänden zocken die Isländer gerne online – angeblich sogar bis zu 76 Prozent der Bevölkerung. Ein großer Anteil davon liebt das Pokerspiel.  Immer bei der Sache bleiben, den Gegner nicht in die Karten blicken lassen und es auch mal ganz locker mit den Größen des Geschäfts aufnehmen – das passt ganz zur Mentalität der Inselbewohner. Wer in der Erde vergrabene Haie als Delikatesse ansieht und sämtlichem Fast Food die rote Karte erteilt, ist wahrlich einer genaueren Betrachtung wert.


 

Die Nordmänner verließen die große Tribüne erhobenen Hauptes

Doch wie wir zur Genüge wissen, fand auch der isländische Traum im nachfolgenden Viertelfinale ein jähes Ende, im Gegensatz zu England verließen die Nordmänner die große Tribüne jedoch erhobenen Hauptes. In Reykjavik wartete der große Empfang eines jubelnden Volkes, die Mannschaft präsentierte sich dort in einem offenen Bus, geschmückt mit den isländischen Nationalfarben. Hier wurden Sieger gefeiert, keine Verlierer! Die seltsame Klatschchoreographie und das wilde »Huh« der Fans hallte durch die Straßen der weltweit nördlichsten Hauptstadt, so als habe das Team tatsächlich den EM-Pokal mit nach Hause gebracht. Ein letztes Huh Revoir zurück nach Frankreich – und ein starkes Hoffnungszeichen für die nächste große Meisterschaft!

 



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