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KOLUMNE
Der Boom ist weiblich
Immer mehr Frauen kommen in die Fußballstadien, da ist es nur folgerichtig, dass mit Claudia Neumann nun eine Kommentatorin bei Männerspielen vom ZDF eingesetzt wird. Von Samira Samii.

 

 

Samira SamiiSportmanagerin & Rund-Kolumnistin Samira Samii

 

ZDF-Reporterin Claudia Neumann hat als erste Frau bei einer Männer-Europameisterschaft live kommentiert. Neben dem altbekannten Paar, das im Studio aus Oliver Welke und Oliver Kahn gebildet wurde, gab es dabei auch eine bemerkenswerte Neuerung. Das ZDF überraschte Fußballdeutschland mit der ersten weiblichen Kommentatorin einer Männer-EM. Sportjournalistinnen dürfen zwar schon seit einigen Jahren nach dem Spiel Interviews führen und moderieren. Doch als Kommentatoren während der Live-Übertragungen kamen in der Vergangenheit ausschließlich Männer zum Einsatz. Mit dieser Tradition hat das ZDF nun gebrochen und damit auf eine immer stärker werdende Entwicklung reagiert. Immer mehr Frauen interessieren sich für Fußball, sehen die Spiele im TV und gehen in die Stadien.
 
Im Fußball geht es ständig um überholte Männlichkeitsrituale und um die Abgrenzung zum weiblichen Geschlecht. Aus diesem Grund bekommen weibliche Fans oft Sätze zu hören wie: "Echt? Ins Stadion gehst du? Wie kommt denn das? Ich meine, so als Frau?" So selbstverständlich männliche Fußballbegeisterung ist, so erklärungsbedürftig scheint die weibliche Begeisterung für diesen Sport.
 
Dabei sind Frauen als Zuschauer schon seit vielen Jahren heiß begehrt. Um während der Weltmeisterschaft 1966 mehr weibliche Zuschauer vor den Fernseher zu locken, heuerte die BBC den Ex-Nationalspieler Jimmy Hill an, um die Regeln und andere Feinheiten zu erläutern. In den Siebzigerjahren wollte HSV-Präsident Peter Krohn weibliche Zuschauerkreise durch eine extravagante Farbgebung erschließen. Frauen sollten durch neue Trikots in Rosa und Himmelblau in ihren ästhetischen Interessen angesprochen werden - "diese Farben gefallen Frauen", glaubte Krohn.
 
In einer Studie von 2005 wurde ein durchschnittlicher Zuschaueranteil von 27 Prozent Frauen für die Bundesliga-Saison 2004/2005 ermittelt. Erst mit der WM 2006 drangen Frauen im Stadion nachhaltig ins Bewusstsein der Fußballfans. In keiner TV-Übertragung durften Bilder weiblicher Fans fehlen. Sie machten die WM nicht nur bunter, sondern das Turnier auch friedlicher. Das erkannte vor zehn Jahren auch die Deutsche Fußball-Liga: "Neu hinzugekommen ist seit 2006 die starke Faszination für Fußball durch Frauen", heißt es in einem Bundesligareport. Frauen, so schreibt Medienforscher Jo Groebel, seien jedoch keineswegs "eine Zielgruppe für komplett übertragene, normale Fußballspiele, sondern vor allem für Zusammenschnitte in Magazinform mit viel Balldramatik und vielen Menschen - und Prominenten-Geschichten." Aus Marketingsicht war das die perfekte Lösung. Fußball ließ sich so leicht an die Frau bringen – ganz ohne Fußball.
 
In keiner europäischen Spielklasse sind die Stadien so voll wie in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass sich die Klubs immer neue Zielgruppen erschließen. Und in der Bundesliga macht sich noch ein Trend bemerkbar: Die Zahl der weiblichen Fans ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Lust an der Bundesliga ist groß und sie stellt einen Zuschauerrekord nach dem anderen auf. Dabei ist sie mit über 42.000 Zuschauern pro Spiel die mit Abstand zuschauerreichste Topliga der Welt.
 
Doch warum trotzt der deutsche Fußball allen Widrigkeiten, warum boomte die Liga auch zu Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise? Und warum kommen in Deutschland immer mehr Menschen in die Stadien, obwohl die Superstars der Branche ihr Geld doch weiterhin lieber in den Klubs in England, Spanien oder Italien verdienen? Laut Christian Seifert, dem Vorsitzendenden der DFL-Geschäftsführung ist das kein Zufall, sondern hat stabile und belastbare Gründe. Die Liga ist die ausgeglichenste in Europa, die Preise sind akzeptabel und der Stadionkomfort ist erheblich. Und genau mit diesem Komfort und den spannenden Spielen ziehen die Vereine neue Zuschauer an – Frauen! In einigen italienischen Stadien gibt es hingegen heute noch keine Damentoiletten.
 
Heute ist Fußball ein Event, ebenso komfortabel wie ein Theaterbesuch. Die modernen deutschen Arenen bieten Service vom bequemen Sitz, einem kulinarischen Breitbandspektrum bis hin zur Kinderbetreuung. Die Spiele sind eingebettet in ein Unterhaltungskonzept. Das missfällt zwar den Tribünentraditionalisten, erschließt aber zunehmend neue Fanschichten - Frauen.
Mit dem Großereignis der Fußball-WM 2006 änderte sich vieles. Allerdings nicht nur für Männer. Erstmals in der Fußball-Geschichte wurden "Frauen und Fußball" als eigenständiges Thema entdeckt. Schon damals begann die Werbung weibliche Fans als lukrative Zielgruppe anzupeilen. Schon 2006 interessierten sich viele Frauen für die WM in Deutschland und sogar 86 Prozent der Frauen hatten sich die Länderspiele selbst angesehen. Das kann die Werbewirtschaft natürlich nicht kalt lassen.
 
Heute haben wir überall im Fußball Frauen und diese Entwicklung wird weiter voranschreiten. Frauen kommen heute nicht nur in größerer Anzahl in die Stadien sondern bekleiden immer häufiger auch offizielle Positionen in den Vereinen und TV-Kanälen. Wir haben Kommentatorinnen und Moderatorinnen bei Sky, im Stadion und jetzt sogar eine live Kommentatorin eines öffentlich rechtlichen Senders für ein Spiel einer Männer-EM. Es sind viele Frauen als Mental- und Health-Coaches in der höchsten deutschen Liga tätig und leisten hervorragende Arbeit. Und es gibt mich als einzige Sportmanagerin und Spielerberaterin in der Bundesliga!
 
Die Bundesliga unternimmt alles um die Zielgruppe Frau zu erreichen und zu gewinnen und die Frauen nehmen dieses Angebot dankend an! Es ist eine Win-Win-Situation und erschließt auf allen Seiten viele Möglichkeiten!
 
 
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