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WM-QUALIFIKATION
Jens Lehmann: Lernen beim Rugby
Als TV-Experte sitzt er nach den WM-Qualifikationsspielen vor einem Millionenpublikum neben Joachim Löw. Wie Jens Lehmann den Bundestrainer mit einer Präsentation verblüffte, ist dagegen wenig bekannt. Ein Auszug aus dem Buch „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“ von Matthias Greulich und Elmar Neveling.
 
 
 
 
 
Jens Lehmann als Experte beim WM-Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft in OsloJens Lehmann als Fernsehexperte beim WM-Qualifikationsspiel Norwegen gegen Deutschland in Oslo. Foto Pixathlon
 
 
Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels
Matthias Greulich und Elmar Neveling: „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“,
191 Seiten, Copress Sport, ISBN-13: 978-3767910973, 19,90 Euro

 

 
Er kommt mit Schwung durch die Drehtür des Hotels Vier Jahreszeiten. Nicht zu übersehen mit 1,90 Metern Körpergröße. Schlank, lachsrotes Hemd, keine Krawatte. Ein Geschäftsmann erkennt ihn und schüttelt ihm lange die Hand. Wer war das noch mal, sagt Lehmanns Blick, als der Mann längst um die Ecke in einen Tagungsraum weitergezogen ist. Fast überflüssig zu erwähnen, dass auch der Hoteldirektor diskret zur Begrüßung an unseren Tisch kommt. Der Konkurrenzkampf mit Oliver Kahn, die zwei gehaltenen Elfmeter gegen Argentinien, der Spickzettel: Es dürfte noch Jahrzehnte dauern, bis sich die Nummer eins der DFB-Auswahl im Märchensommer 2006 unerkannt an einen Cafétisch setzen kann.

Nach langer Karriere hat Jens Lehmann die Handschuhe im Sommer 2011 endgültig in die Ecke gelegt. Zuvor hielt er Bälle als Profi beim FC Schalke 04, AC Mailand, Borussia Dortmund, Arsenal London und VfB Stuttgart. Seine Länderspielkarriere erstreckte sich über ein Jahrzehnt, von 1998 bis zum verlorenen Finale der Europameisterschaft 2008 gegen Spanien. Jetzt ist er Fernsehexperte beim Privatsender RTL, der die deutschen Qualifikationsspiele für die EM 2016 und WM 2018 überträgt. Lehmann sitzt nun nach den Länderspielen im Fernsehstudio neben Bundestrainer Joachim Löw.

Als Experte im Fernsehen aufzutreten, ist eine zweischneidige Angelegenheit. Mehmet Scholl, für die ARD im Einsatz, hat seinen Trainerjob bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern 2013 aufgegeben. Ist schwer, wenn die Zuschauer bei Spielen in der Provinz auf den Platz rufen, dass der da unten auf der Bank doch besser erst mal bei seiner eigenen Mannschaft anfangen solle, ehe er andere kritisiert. Ähnlich erging es Jürgen Klopp. Für seine Taktikanalysen im ZDF bei der WM 2006 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, war er mit dem FSV Mainz 05 im Frühjahr 2007 abgeschlagener Tabellenletzter. »Als Achtzehnter darf man nicht ins Fernsehen, als Siebzehnter vielleicht, als Vierzehnter ist man herzlich willkommen? «, fragte Klopp seine Kritiker selbstironisch. 2008 beendete der Mainzer mit seinem Wechsel nach Dortmund schließlich sein Expertendasein beim ZDF.

Jens Lehmann möchte trotzdem als Trainer arbeiten. »Ich würde das gerne machen und ich glaube, dass ich durch all meine Stationen viel gelernt habe. Vor allem die zehn Jahre, in denen ich mit Ausnahme der zwei Jahre in Stuttgart in London war, waren sehr lehrreich«, sagt er.

 

Der Lehrgang in Wales

Jens Lehmann sitzt während des gesamten Gespräches kerzengerade auf seinem Stuhl, die Hände sind vor dem Körper verschränkt. Er redet nicht besonders laut. Obwohl er mit seiner Familie seit 2008 in der Nähe von München lebt, klingt seine Stimme immer noch leicht nach Ruhrgebiet. Dass er sich selbst als »komplett normal und zurückhaltend« bezeichnet, mag die Fans des auf dem Platz extrovertierten Ex-Torwarts verwundern. Ein joviales Gesicht für die Medien hat er sich selbst als Fernsehexperte immer noch nicht antrainiert. Inzwischen eine wohltuende Ausnahme im überhitzten Fußball-Business, in dem so vieles Kalkül ist. Wir haben ihn abseits des Platzes in einem Interview nur einmal außer sich erlebt. Es war im Frühjahr 2008 in London, als der damals 38-Jährige in seiner letzten vollen Saison bei Arsenal seinen Stammplatz an den Spanier Manuel Almunia zu verlieren drohte. Für den in Deutschland wegen seiner mangelnden Spielpraxis kritisierten Nationaltorwart eine unangenehme Situation, in der er vorübergehend alle Zurückhaltung im Gespräch ablegte.

Lehmann ist seit 2013 Inhaber der UEFA Pro-Licence, mit der er weltweit Klubs in allen Spielklassen trainieren darf. Er hat dafür einen Lehrgang beim walisischen Fußballverband besucht, der insgesamt 13 Monate dauerte. Noch in Deutschland hatte Lehmann den A- und B-Schein als Trainer gemacht und die Ausbildung als etwas zu theorielastig empfunden. Dass er zur Fortsetzung der Ausbildung auf die Insel wollte, kam beim DFB nicht gut an, der sich über den vermeintlichen Sonderweg seines 61-fachen Nationalspielers ärgerte. Der damalige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, Lehmanns ehemaliger Mitspieler bei der Nationalelf und in Dortmund sein Trainer, verweigerte ihm die erforderliche Sondergenehmigung daher mit Hinweis auf einen befürchteten »Lizenz-Tourismus«. Erst als Lehmann die UEFA einschaltete, durfte er schließlich am Lehrgang in Wales teilnehmen. Im Rahmen der Ausbildung kehrte der Exprofi, der nach wie vor einen guten Draht nach London hat, zu Arsenal zurück. An der Nachwuchsakademie trainierte er die U21 und U19. Für ihn »sehr wichtig, weil ich Praxisbezug hatte und vor allen Dingen auch Sachen ausprobieren konnte, die mal geklappt haben und dann mal wieder nicht.«

Zu Lehmanns 20-köpfigem Ausbildungsjahrgang, der sich in Cardiff für die Theoriestunden traf, gehörten weitere Exprofis ohne britischen Pass, die in der Premier League gespielt hatten: Der Franzose Marcel Desailly vom FC Chelsea und Didi Hamann, unter anderem Profi bei Newcastle United, FC Liverpool und Manchester City. Der Jahrgang 2014 kann mit den ehemaligen Arsenal-Akteuren Sol Campbell und Patrick Viera aufwarten. Lehmanns ehemaliger Trainer Arsène Wenger war Referent, ebenso die Spanier Rafael Benitez, 2005 Sieger in der Champions League mit dem FC Liverpool, und Roberto Martínez, FA-Cup-Sieger 2013 mit Wigan Athletic. »Für mich als Ausländer, der Englisch gut, aber nicht perfekt spricht, war das ein bisschen schwierig. Andererseits war es eine Herausforderung. Aber ich habe bestanden«, so Lehmann.

Die Teilnehmer wurden sowohl von den Spielern, die sie trainiert hatten, als auch von den anderen Trainern bewertet. Beim Coaching wurden sie gefilmt; außerdem gehörte es zu ihren Aufgaben, Videos von Trainingseinheiten einzureichen, die dann besprochen wurden – zu Themen wie Positionierung oder Ansprache. Dass das Anforderungsprofil in der Premier League weit gefasst ist, spiegelte sich auch in den Ausbildungsinhalten wider: »In Wales wird man ein bisschen zum Manager ausgebildet. Man lernt nicht nur zu trainieren, sondern auch das Board, den Vorstand, zu managen. Die Verträge zu verhandeln und Ähnliches.«

Zwei Studienaufenthalte bei unterschiedlichen Vereinen schlossen sich an, ebenso eine größere theoretische Arbeit über diese „study visits: Lehmanns erster Studienaufenthalt fand beim AS Rom statt, der andere in der Nähe von Dublin. Dort hospitierte er beim Leinster Rugby Club, dessen damaliger Trainer Joe Schmidt für Experten als bester Rugby-Coach der Welt gilt. Mit Leinster gewann der Neuseeländer innerhalb von fünf Jahren dreimal den Heineken Cup, das Äquivalent zur Champions League im Fußball. Ein umso größerer Erfolg, wenn man bedenkt, dass Schmidt ein sehr viel kleineres Budget zur Verfügung stand als anderen europäischen Topklubs. Lehmann fand die Arbeit von Schmidt so interessant, dass er sie dem Bundestrainer vorstellte. »Ich bin mit der Präsentation mal zu Jogi Löw gegangen und habe ihm einige Sachen erzählt. Ich glaube, es hat ihn beeindruckt.«

 

Arsène Wenger beobachtet Jens Lehmann beim TrainingArsène Wenger beobachtet Jens Lehmann beim Training von Arsenal London im Herbst 2006. Foto Pixathlon


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