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KOLUMNE
"Besorgniserrendes Ausmaß"
Der Missbrauchsskandal im englischen Fußball weitet sich weiter aus. Die Fälle müssen rasch und schonungslos aufgeklärt werden. Von Samira Samii.

 

Samira Samii

Sportmanagerin & Rund Kolumnistin Samira Samii

 

Die Medien berichteten von sexuellen Belästigungen bei den Regensburger Domspatzen und im Kloster Ettal. Nun sind einige Fußballklubs und deren Leistungszentren vor allem in England in Verdacht geraten. Nachdem viele Ex-Profis von sexuellen Übergriffen als Jugendliche berichtet hatten, weitet sich der Skandal in England aus. Über 350 Betroffene meldeten sich bei der Polizei und bei einer eigens für diesen Fall eingerichteten Hotline.
 
Viele dieser Übergriffe sollen sich in der Sportschule des englischen Fußballteams Crewe Alexandra in Nordengland ereignet haben. Der frühere Profi Andy Woodward und andere ehemalige Kollegen hatten in der Presse vom jahrelangen Missbrauch durch einen Jugendtrainer berichtet.
 
Bei der Hotline meldeten sich nicht nur Betroffene: Innerhalb einer Woche wurden 860 Anrufer gezählt, dabei handelte es sich in den meisten Fällen um Hinweise auf Missbrauch in früheren Jahren, sagte ein Sprecher der Kinderschutzorganisation NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children). "Aber es gibt auch einige aktuelle Fälle darunter." Auf Details wollte der Sprecher nicht eingehen. Die Organisation stellt jedoch klar, der Ansturm auf die Hotline zeige das "besorgniserregende Ausmaß von Missbrauch" im Sport.
 
Die Polizei ermittelt mittlerweile in mehreren Fällen. Der englische Fußballverband FA kündigte eine interne Untersuchung an. Zahlreiche Fußballclubs in England betreiben eigene Nachforschungen, darunter auch der FC Chelsea mit Blick auf möglichen Missbrauch von Nachwuchsspielern in den 1970er-Jahren.
 
Der britische Generalstaatsanwaltschaft hatte erst vor einigen Tagen offiziell mitgeteilt, dass ein früherer Jugendtrainer wegen Übergriffen auf ein Kind angeklagt wird. Der heute 62-Jährige galt in den 1980er- und 1990er-Jahren als äußerst erfolgreicher und gut vernetzter Talentscout und arbeitete unter anderem für den englischen Viertligisten Crewe Alexandra. In diese Zeit sollen die Vergehen fallen, die die jetzige Anklage betreffen. Er saß mehrfach wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige im Gefängnis. Medienberichten zufolge bezeichnete sich der Mann vor Gericht selbst einmal als "Monster".
Ähnliche Fälle gibt es auch in anderen Ländern.
 
Ein anderer Fall ging ebenfalls durch die Medien: Mariano ist auf dem Weg zum Fußballprofi, er ist hoch talentiert und spielt bei einem Zweitligisten. Plötzlich will er nicht mehr und beendet seine junge Karriere. Später findet seine Mutter unzählige SMS seines Trainers und ihr wird klar. Ihr Sohn wurde offenbar über Jahre sexuell belästigt. Der Verein reagiert, trennt sich vom Coach. Aber zu Ende ist die Geschichte nicht. Jetzt ist Marianos Traum im Alter von 17 Jahren vorbei. Endgültig zerstört von dem Mann, der den Jungen am meisten gefördert und am wildesten träumen ließ: seinem Trainer. Über Jahre hat der Trainer Marianos Hoffnungen auf die große Fußballkarriere ausgenutzt, er hat seine Macht über den Jungen und dessen Abhängigkeit missbraucht.
 
Dem Trainer ging es nicht nur um Marianos Zukunft, wenn er ihm versprach, ihn zum Profi zu machen. Er wollte den Jungen auch dazu bringen, mit ihm zu schlafen. Eine von knapp hundert SMS lautete, "Tut mir leid dass ich dir das zugemutet habe. Aber auf einer alten Jacht lernt man segeln." Später stellte sich heraus, dass Mariano nicht das einzige Opfer des Trainers war.
 
Als Sportmanagerin betreue ich immer wieder hochtalente Nachwuchsspieler und berate und unterstütze sie auf ihrem Weg zum Fußballprofi. Einige von ihnen schaffen den großen Sprung vom Nachwuchstalent in den Profibereich. Andere spielen später nebenberuflich in einer unterklassigen Mannschaft und wieder viele andere Talente hören aus unterschiedlichen Gründen einfach auf. Es muss natürlich nicht immer der Grund vorliegen wie bei Mariano.
 
Als einzige weibliche Spielerberaterin konnte ich sehr gut mit der Spielermutter mitfühlen und kann es heute noch nicht fassen, wie weit es mit unserer Welt gekommen ist. Man kann sein Kind, in diesem Fall Sohn, anscheinend nicht einmal mehr in einen Fußballklub schicken ohne an die Gefahren einer sexuellen Belästigung zu denken. Ähnliches gilt für einen Knabenchor und sogar für eine Klosterschule. Ich denke insbesondere diese drei Institutionen vermittelten in den letzten 100 Jahren die konservativen Werte unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund ist eine rasche und schonungslose Klärung und Aufdeckung der Fälle zwingend notwendig. Die Schuldigen sind nicht der Fußball, die Musik oder die Bildung an sich. Sondern es sind Lehrer oder Trainer. Es sind Individuen, die bestraft werden müssen, um das Leben unserer Kinder zu schützen.
 
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern friedvolle Weihnachten und einen guten Rutsch in ein glückliches neues Jahr 2017.
 


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