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PORTRÄT
Hauptsache direkt
Er ist Frühstarter und Spätzünder zugleich: Lukas Podolski beendet mit seinem 130. Länderspiel seine Karriere bei der Nationalelf. Von Daniel Theweleit. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg".



 

Lukas PodolskiAbschied beim Länderspiel gegen England: Publikumsliebling Lukas Podolski. Foto Pixathlon

 

Die Zuschauer in Köln waren sich einig, dass da ein Wunderkind auf dem Platz stehen musste. Wie der sich bewegt, was für eine Ausstrahlung. Und dieser linke Fuß! Für das rheinische Publikum war es Liebe auf den ersten Blick, die sie für Lukas Podolski empfand. In seiner ersten Bundesligasaison erzielte der 18-Jährige 10 Treffer in 19 Spielen, wurde Nationalspieler, nahm 2004 an der EM in Portugal teil und wurde bei der WM zum besten Nachwuchsspieler gewählt. Seine gradlinige Spielweise, die knallharten Linkschüsse, die präzisen Torvorlagen und die einsilbig ins Schwarze treffenden Interviewantworten machten ihn in zwei Jahren zu einem der populärsten Nationalspieler. Die Popgruppe Sportfreunde Stiller dichtete: „Poldis Grundgesetz: Egal ob indirekt oder direkt, Hauptsache direkt.“

Doch während die gleichaltrigen Frühentwickler Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger mit den Jahren zu seriösen Fußballern wurden, zu Autoritäten auf dem Platz, blieb Podolski der trotzige Kindskopf mit dem umwerfenden Torabschluss. Der Poldi eben. Genial veranlagt aber nicht in der Lage zu reifen. Der WM 2006 folgten drei sehr bescheidene Jahre beim mondänen FC Bayern. Podolski er war nie einer, der sich für das glamouröse Leben in der bayerischen Metropole interessierte, der gebürtige Pole geht in der Familie auf. Sohn Louis und die Freundin Monika, die er schon kennt, seit er 17 ist, sind seine Fixpunkte. Ebenso wie die Eltern im Kölner Vorort Bergheim und die Großeltern in Polen, die er besucht, sooft es geht. Irgendwann stellte Podolski in seinem idyllisch in Starnberg gelegenen Luxushaus mit Alpenblick fest: „Für mein Herz ist Köln einfach das beste.“

Füße von Lukas Podolski

Kunstwerk in Ascona: Dieser Fußabdruck von Lukas Podolski wurde während des Trainingslagers zur EM 2008 zu Kunst. Foto: Matthias Greulich

 

Also ist der Nationalspieler zum notorischen Abstiegskandidaten vom Rhein zurückgekehrt. Dorthin, wo er immer noch angehimmelt wurde. Der Express, die Örtliche Boulevardzeitung empfing den „Prinzen“ mit einer 22-seitigen Sonderbeilage und der frohen Botschaft: „Hä es widder do!“ Und der „Stern“ schrieb über die selbstverliebten Kölner und ihren Erlöser: „Es ist eine mächtige Sekte, die sich da unbehelligt vom Verfassungsschutz wieder mit ihrem spirituellen Führer vereint hat.“ Um Podolski heimzuholen, hatte sich in Köln eine gesellschaftliche Bewegung gebildet, ein Förderverein sammelte Geld, ein Kirchenchor stimmte Bittgesänge an, und Fans aus dem Rheinland demonstrierten an der Säbener Straße beim FC Bayern.

Wer damals in Köln die Frage stellte, ob die zehn Millionen Euro Ablöse nicht sinnvoller in die schwach besetzte Mannschaft investiert werden könnten, wurde für verrückt erklärt. In Köln lieben sie die griffigen Lösungen. Weil es viel zu anstrengend ist, ein Konzept für den Verein zu entwickeln wurde erst Wolfgang Overath, der Weltmeister, zum Präsidenten gemacht, und als das nichts half, kam Christoph Daum, der Messias. Die Erfolge blieben immer noch aus, also musste der Prinz her. Aber diese Bürde war nicht zu schultern, nicht einmal für Podolski.

Er wollte. Grätschte sogar. Verkrampfte dann allerdings. Die Leichtigkeit war verflogen, und als Zvonimir Soldo, der farblose Trainer dieser Tage, unermüdlich die Forderung nach mehr Defensivarbeit wiederholte, da verging Podolski die Lust. Der Lukas, das sei „ein Instinktfußballer, den kannst du in kein System pressen“, resignierte Soldo. Wie schon Konzeptfußballerfinder Uwe Rapolder, der Podolski einige Jahre zuvor mit taktischen Verpflichtungen belästigte. Der Stürmer sollte lernen, Pressing zu spielen und weigerte sich trotzig. „Es geht hier nicht um Konzeptfußball oder irgendeinen Dreckscheiß“, fauchte Podolski. Damit war Rapolders Schicksal besiegelt.

In München verzweifelten dann Felix Magath und Jürgen Klinsmann am emotionalen Umgang des Stürmers mit dem Thema Taktik. Mit Autoritäten hat Podolski ein Problem, wenn ihnen das erforderliche Einfühlungsvermögen fehlt. In einem Länderspiel gegen Wales im Frühjahr 2009 verlangte Michael Ballack mit barschen Worten eine etwas gewissenhaftere Mitarbeit vom Kollegen, Podolskis Antwort: Er ohrfeigte den Nationalmannschaftskapitän vor einem Millionenpublikum, musste sich später demütig entschuldigen und wurde vom Deutschen Fußball-Bund zu einigen Stunden Sozialarbeit verdonnert.

Allerdings ist Podolski nicht grundsätzlich resistent gegen Kritik. Vielmehr scheint es darauf anzukommen, wer ihn tadelt. In Köln hatte Podolski geschmollt, wenn Trainer Soldo ihn als Außenstürmer oder linken Mittelfeldspieler mit Defensivverantwortung aufbot, doch schon wenige Wochen später spielte er unter Löw eine grandiose WM auf der ungeliebten Position im linken Mittelfeld. Vorbildlich unterstützte er Jérome Boateng in der Abwehr, und offensiv gelangen ihm einige beachtliche Spiele. Diese Weltmeisterschaft war eine Art Erweckungserlebnis für den Spätstarter Podolski.

 

Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg.

 „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" von Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



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