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WM-QUALIFIKATION
Schäm dich, du Team Alter Herren
Das 0:0 gegen Schweden reicht nicht: Das Weltturnier findet ohne Italien statt. Giovanni Deriu beschreibt, wie die Tifosi das Aus erlebten

 

 Gigi Buffons letztes LänderspielTrauriges Ende: Gigi Buffon zeigt sich nach seinem letzten Länderspiel als fairer Verlierer. Foto Pixathlon

 

Alles war gerüstet, es konnte und durfte nicht sein, dass Schweden im Bell'Paese den Einzug zur Weltmeisterschaft 2018 schafft. Alles war gerüstet, die Bars (nicht nur in Italien) zum Bersten voll, das ehrwürdige San Siro-Stadion (eigentlich Giuseppe Meazza) war endlich mal wieder mit 74.000 Zuschauern ausverkauft, was sollte da schon schief gehen? Eine WM ohne Italien, da sei doch wie eine Pizzeria ohne Pizza, wie Rom ohne das Colosseum. Das Colosseum steht zwar noch, aber die Squadra Azzurra wurde nach dem 0:0 den Medien und Fans zum Fraß vor die Füße geworfen. Italien ist raus, und selbst hier zu Lande mit den etlichen Italienern kann man sich eine Weltmeisterschaft ohne Italien kaum vorstellen. Der heißgeliebte Erzfeind bleibt daheim, die WM womöglich um einen Klassiker ärmer.

Aber: die Italiener sind bekannt für ihre schonungslose Kritik und Schnellschuss-Analyse. Die tifosi im Quadrat des San Siro hatten ihr Bestes gegeben, 90+3 Minuten angefeuert, selbst als die Gewissheit bereits bis in die Haarwurzeln kitzelte. Aus, finito! Acht hochkarätige Chancen reichten nicht aus (andererseits kam der Referee ganz ohne Elfer aus, Italien hätte einen, Schweden gleich zwei bekommen müssen, wegen Handspiels), die Squadra Azzurra hatte alles ausgepackt, und auch "Mister" Giampiero Ventura hatte alles versucht, taktisch gesehen, doch gerade das, dieses "Sich-nicht-Festlegen-Können",

3:5:2, dann doch ein 4:4:2 oder vielleicht ein 4:1:3:2, ruft jetzt alle Fans mit ihrem Sarkasmus aufs Tapet.

"Schande Italien, schäm dich, du Team alter Herren", sprachen die Fans immer wieder in die hingehaltenen Mikrophone. Teils kam auch eine Kakophonie dabei heraus, aber eine ehrliche. Mehrmals wurde gesagt, dass der radikale Schnitt jetzt kommen müsse, und die Herren Ventura (Der Trainer), Tavecchio (Verbandspräsident) sowie Buffon, Barzagli, Chiellini und De Rossi endlich "Platz machen sollten". Zwanzig Minuten nach Spielende, der Tragödie von Mailand, war bereits klar, dass der Keeper "Gigi Nazionale" Buffon und seine Abwehrriege ihren Rücktritt erklärten. Nur Ventura wollte die "Lage morgen" noch analysieren mit dem Verbandspräsidenten. Ganz offen fragten Gazzetta und Sky Sport, ob man als Trainer nach so einem Desaster, dem Verpassen einer WM, nicht die "Konsequenzen ziehen müsse"? Er träge die Verantwortung, das sei klar, aber Ventura sei auch stolz, über die Art und Weise, wie sein Italien, sein Team den Kampf angenommen habe. Das Glück fehlte einfach.

Glück, Glück – etliche Fans wollten und konnten es nicht mehr hören, es sei ganz einfach, so ein Hörer bei Radio Padova in der "Morning Show": "Wer es nicht schafft, den Ball ins Tor zu setzen, hat auch nicht verdient zu gewinnen! Außerdem haben wir in Italien ganz andere Probleme...", und schaffte den Bogen zur Wirtschaft und Arbeitslosigkeit.
Eine WM-Teilnahme, und die Hoffnung, die WM zu gewinnen, ist auch immer "Kitt der Gesellschaft" in Italien. Jetzt aber, ein Sommer ohne Public-Viewing? Ohne Grill-Abende? Statt für die Azzurri gegebenfalls für Argentinien (viele Immigranten) oder Brasilien schreien und mitfiebern? Nicht als Italiener, die WM wird in Melancholie genossen.

Mit der Aufstellung Venturas, er wird sicher noch zurücktreten (vertragliches wird geregelt, denn erst vor wenigen Tagen wurde dessen Laufzeit verlängert!), waren die meisten unzufrieden. Warum kam Stephane El Shaarawy so spät? Wo blieb Insigne, warum spielte der kleine Wirbler des SSC Neapel nicht mit? Immerhin Tabellenführer? Keine Antworten des Trainers. Die fanden die tifosi selbst, ein Umberto bei Radio Sportiva: "Also entweder hat Insigne das Auto des Trainers zerkratzt, oder seine Frau verführt...". Pragmatismus à la italiana.

Verführt hatten die Schweden die Italiener mit einer rücksichtslosen und rustikalen Spielweise. Ein 0:1, ach, das schaffen wir daheim im San Siro. Pustekuchen. Kein Tiramisu. Andrea Pirlo aus der Ferne: "Scusi, wer die Schuld beim Schiedsrichter sucht, oder auf die Fans hofft. Das ist zu wenig...", noch nie hätten Fans Tore geschossen, so die Legende Pirlo etwas lakonisch.

Der Umbruch muss her! Eine neue Generation soll sich dafür für die EM qualifizieren. Derweilen bringt es der Chefkellner Martino Masciullo, in einem schwäbischen Restaurant mit mediterraner Küche auf den Punkt: "Ein bisschen Selbstüberschätzung, und viel zu alte Spieler...", und in der "Bar dei sogni", wo die Träume platzten vor dem Flatscreen, war der Tenor: "Wir haben es nicht anders verdient! Insgesamt schwach, aber das Leben geht weiter, wir kommen wieder...". Die Hoffnung stirbt zuletzt, bei den stolzen wie improvisierenden Italienern.

Giovanni Deriu, 46, Journalist und Sozialpädagoge, beobachtet den italienischen Fußball seit Jahren. Und auch er wollte es eigentlich nicht wahrhaben, dieses Worst Case Szenario.


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