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INTERVIEW
„Mein Leben riskiere ich nicht“
Raphael Wicky, ehemaliger Nationalspieler der Schweiz, plante als erster Fußballprofi die Besteigung des 4478 Meter hohen Matterhorns. Der heutige Trainer des FC Basel über die Macht des Matterhorns, seinen uneinsichtigen Vater Kurt und den Augenblick der Gipfelankunft. Interview Rainer Schäfer

 

Raphael WickyRaphael Wicky als Trainer des FC Basel bei einem Spiel der Champions-League im St. Kakob Park. Foto Pixathlon

 

Raphael Wicky, was wollen Sie auf dem Matterhorn?
Das Matterhorn ist ein Berg, der mich ungemein anzieht. Diese unheimliche Energie, Kraft und Macht fasziniert mich, die ds’Hore ausstrahlt, wie wir Walliser den Gipfel nennen.

Viele halten ihn für den schönsten Berg der Welt.
Von der italienischen Seite aus betrachtet ist es grauenhaft. Von der Schweizer Seite aus ist es so, wie man sich einen perfekten Berg vorstellt. Sogar die Toblerone-Schokolade wurde nach dem Matterhorn geformt.

 Sind Sie Bergsteiger?
Nein, ich bin total ungeübt. Die Idee ist entstanden im vergangenen Jahr, als ich mit meinem Vater Kurt zusammen saß. Er sagte: Im Februar 2007 werde ich 60, dann steige ich aufs Matterhorn. Ich habe erwidert: Ich werde im April 30, dann komme ich mit. Aus Spaß wurde schnell Ernst.

Das Matterhorn gilt unter Bergsteigern als echte Herausforderung: Wer hoch will, braucht Bergerfahrung, Kondition für acht, neun Stunden und muss schwindelfrei sein.
Das ist es ja. Ich traue mir die Besteigung des Matterhorns nicht ohne gründliche Vorbereitung zu, obwohl ich als Profifußballer fit bin. Die Luft wird immer dünner, man muss anspruchsvolle Kletterpassagen meistern, es ist eine Riesenanstrengung. Deshalb möchte ich schon vorher auf ein, zwei andere Berge hoch, bevor ich mir diesen Gipfel zutraue. Aber vieles hängt an meinem Vater.

Ihrem Vater?
Ich habe von Anfang an gesagt: Das schaffst du eh nicht, da musst du dich vorbereiten. Immer wenn ich zuhause bin, frage ich: Hast du schon angefangen zu trainieren? Er macht immer seine Späße: Ne, ne, aber mach ich jetzt dann gleich. Ich möchte nicht, dass er untrainiert versucht, da hoch zu spazieren. Dann verschieben wir die Tour.

Sie sind vernünftiger als Ihr Vater?
Ich bin ein vorsichtiger Typ. Wenn ich mich schon auf so eine Grenzerfahrung einlasse, dann ist es für mich wichtig, dass man alles, was in seiner Macht steht, für die Vorbereitung tut. Mein Vater klopft halt gerne seine Sprüche. Aber er kann sehr ehrgeizig sein, wenn er seine Ziele erreichen will.

Das Matterhorn ist ein Mode- und Prestigeberg geworden. 3000 Menschen versuchen ihn jährlich zu besteigen.
Mein Schwager war schon oben. Wer spät losgeht, hat schnell 20 Japaner vor sich, hinter denen er sich anstellen muss. Das stelle ich mir schlimm vor. Deshalb werde ich lieber morgens um drei losgehen, wenn die anderen noch schlafen.

Es gibt viele, die ohne Bergführer hochgehen.
Wir doch nicht! Wir nehmen uns einen erfahrenen Bergführer. Und wenn mein Vater sich nicht gut vorbereitet hat, sage ich zum Bergführer: Den nimmst du nicht mit. Es gibt jedes Jahr Unfälle. Ich kann nicht verstehen, dass man diesen Berg in Turnschuhen besteigen will. Wir werden gut ausgerüstet sein, mit allem, was man braucht. Ein Sixpack Bier werde ich nicht zum Gipfel hoch tragen.

Am Matterhorn sind schon 400 Bergsteiger tödlich verunglückt.
Mein Leben riskiere ich nicht. Wenn ich während des Aufstiegs merke, ich schaffe das nicht, werde ich das nicht auf Teufel-komm-raus versuchen. Ich bin nicht so stolz und schäme mich nicht, wenn ich aufgeben muss.

Was machen Sie, wenn Sie auf dem Gipfel ankommen?
Die Besteigung ist eine extreme Leistung, die extreme Freude auslösen kann. Du blickst in diese Freiheit hinaus, es kann sein, dass man sich da umarmt und das zusammen genießt. Vielleicht stößt man auch miteinander an, vielleicht überwältigen mich da oben die gigantischen Eindrücke. Ich bin aber der Typ der verzögerten Emotionen, wahrscheinlich werde ich das erst alles realisieren, wenn ich wieder gesund unten angekommen bin.



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