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INTERVIEW
„Wer sagt dir das sonst?“
Ein bisschen verrückt sei er, so beschreibt Raphael Honigstein den Trainer des FC Liverpool in seiner Jürgen-Klopp-Biografie „Ich mag, wenns kracht". Es ist ein gelungenes Buch, das auch die Fußballphilosophie des ehemaligen Mainzers und Dortmunders gut erklärt. Interview Matthias Greulich

 Jürgen KloppSeit 2015 ist Jürgen Klopp Trainer des FC Liverpool. Foto Pixathlon

 

Herr Honigstein, Ihr Buch Der vierte Stern: Wie sich der deutsche Fußball neu erfand war zunächst für den englischen Markt gedacht, bei Ihrer Jürgen-Klopp-Biographie „Ich mag, wenn’s kracht“ war es ähnlich. Ist das Interesse an Fußball-Literatur auf der Insel größer?
Raphael Honigstein: Der englische Sportbüchermarkt ist riesig. Das Interesse der Fans wird nicht so richtig gestillt, weil es keinen richtigen Zugang zu den bekannten Figuren gibt. Die Trainer lassen sich nicht auf längere Interviews ein. Man bekommt nur programmatische Erklärungen auf den Pressekonferenzen, von denen oberflächliche Sprachfetzen hängen bleiben. Es ist paradox: Der Fußball ist in England größer als in Deutschland, aber man weiß viel weniger.

Ihr englischer Originaltext wurde ins Deutsche zurück übersetzt.
Ich konnte alles mit den Gesprächspartnern im Original belassen, in der Übesetzung können aber manchmal Details verloren gehen. Wir haben die deutschen Zitate allerdings nicht zurückübersetzt, sondern die ursprünglichen Zitate verwendet. Christian Heidel klingt hoffentlich nach Christian Heidel.

Das tut er. Wie würden Sie Ihr Buch beschreiben?
Es ist ein Klopp-Buch, das den Fußball erklärt. Mich reizt es, die Fußballphilosophie von Jürgen und seinem Team kennenzulernen, wenn ich mit seinem Co-Trainer Peter Krawietz über ihre Idee vom Spiel sprechen kann. Es ist faszinierend in diese Denkmuster einzutauchen. Was diese Leute sehen, wie den Fußball sehen. Wer sagt dir das sonst?

Das Kapitel „Pump up the Volume“, das den Fußball in Lverpool zwischen 2015 und 2016 beschreibt, haben sie im Buch vor Klopps Zeit beim TuS Ergenzingen angeordnet. Dennoch wirkt der Aufbau nicht willkürlich.
Ich wollte kein normales chronologisches Buch machen. Es funktioniert in den verschiedenen Stationen.

Sie beschreiben ausführlich den Einfluss, den sein Mentor Wolfgang Frank auf Jürgen Klopp und andere ehemalige Mainzer Profis hat.
Seine Wirkung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ich wollte ihm eine Art Denkmal setzen. Am Standort Mainz kam er in Deutschland nicht so zur Geltung. Jürgen Klopp hat es geschafft, die Lehren Wolfgang Franks mit Leben zu füllen und stilprägend für die Bundesliga werden zu lassen. Aber ohne Franks Ideen wäre das alles so nicht passiert, das ist mir bei den Gesprächen mit seinen Söhnen und beim Schreiben noch einmal klar geworden.

Was kann Klopp, was Frank schwer fiel?
Jürgen hat die Fähigkeit, mit Menschen zu reden. Das hat er auch als Fernsehexperte gezeigt. Er war zwar nicht Weltmeister, aber es war wichtiger, welche Ideen der Mann hat. Es hat sehr lange gedauert, den deutschen Fußball für neue Ideen zu öffnen. Für diese Kulturveränderung hat unter anderem Jürgen Klopp gesorgt.

Dietrich Weise, ein weiterer wichtiger Förderer neuer Ideen im deutschen Fußball, hatte den jungen Klopp aus Ergenzingen nach Frankfurt geholt.
In „Der Vierte Stern“ ist Dietrich Weise bereits einer der wichtigsten Protagonisten und auch für die Karriere Jürgen Klopp war er von großer Bedeutung. Leider hatte Weise die Karteikarte, auf der er alles Wichtige über seinen Spieler aufgeschrieben hatte, nicht mehr. Dadurch konnte er sich nicht mehr im Detail erinnern. Aber es war wichtig, dass er Klopp aus seinem Schwarzwald-Habitat herausgeholt hat. Dass er den Move aus der Fußballprovinz nach Frankfurt gemacht hat, erschien anfangs missglückt, war letztlich aber doch erfolgreich.

 Raphael HonigsteinAutor Raphael Honigstein. Foto Peter Schiazza

 

Wie bewerten Sie den Move nach Liverpool?
Er ist der erste große deutsche Trainer in der Premier League. Jürgen steht dadurch extrem unter der Lupe. Huddersfield, wo David Wagner trainiert, und Norwich mit Daniel Farke, sind in England „Mainz-Klubs“. Liverpool ist der zweit- oder drittbeliebteste Klub weltweit. 20 Jahre war er der beste Verein der Welt. Das ist so ein Wahnsinn und es ist sicher nicht immer leicht damit umzugehen, dass sich auch in Kuala Lumpur die Leute extrem für den Klub interessieren.

Elvis Costello sagte im RUND-Interview, wie sehr er Klopp mag. Haben Sie das ähnlich erlebt?
Die Liverpool-Fans neigen zur Hysterie. Anfangs war der Hype um Jürgen riesengroß. Als er vor einem Jahr Tabellenführer war ebenfalls. Inzwischen hat sich das etwas normalisiert. Die Anhänger sind zufrieden mit ihm, sie glauben an Jürgen Klopp. Er kommt gut an mit seiner Art, wie er die Spieler umarmt. Es gibt eine Grundsympathie für ihn. Er gilt als interessant und ein bisschen verrückt, was er ja auch ist.

Im Mai erscheint Ihr nächstes Buch. Wie lautet der Titel?
Es ist die Autobiographie von Per Mertesacker. Der Titel „Weltmeister ohne Talent“ war seine Idee.

Ich mag, wenn's krachtRaphael Honigstein: "Ich mag, wenn's kracht.": Jürgen Klopp. Die Biographie, Ullstein extra, 334 Seiten, 20 Euro



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