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FC BAYERN
Grundrechtschutz für die Bayern 
Über Respektlosigkeiten und die hohe Kunst einer Presskonferenz. Von Giovanni Deriu

 

Karl-Heinz Rummenigge und Uli HoeneßErbauer der klubeigenen Wagenburg in der Krise des FC Bayern: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Foto Pixathlon

 

Da saßen sie nun und konnten nicht anders: die drei erfolgreichen Spieler einer längst vergangenen Zeit, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic, flankiert vom Bayern-Pressesprecher, Dieter Nickles, der, man glaubt es kaum, vom Anlass der anberaumten Pressekonferenz, landläufig auch PK genannt, nichts gewusst zu haben schien.

Jedenfalls sorgte die FC-Bayern-Viererkette mit ihren Bossen aus dem Vorstand, sowie mit dem sympathischen Hasan Salihamidzic, für eine Medienschelte und Generalabrechnung ohnesgleichen.

Ganz dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, leitete Rummenigge den Konter ein. Sachlich, aber aufgewühlt, so oft hörte man sein tiefes Durchatmen.

In den knapp fünf Minuten seiner Einleitung, verteidigte Ex-Nationalstürmer Rummenigge auf dem Podium alle Bayern-Nationalspieler, zitierte gar das Grundgesetz, "die Würde des Menschen" ist unantastbar, und fragte rhetorisch, ob es im Fußball andere Regeln und Gesetze gäbe? Man war fast versucht, mit Ja, zu antworten, denn auch die Bayern teilten und teilen seit Jahrzehnten, oft anschuldigend mit Brachialgewalt aus, gegen die Gegner - ob auf dem Feld, oder gegen Funktionäre. Uli Hoeneß' "Abteilung Attacke" ist wieder im Dienst - der Präsident scheint rehabilitiert zu sein seit seiner verbüßten Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung. Hoeneß darf wieder über Moral und Ethik im Fußball sowie im Journalismus Stellung beziehen. Der Bayern-Boss (66) mit seiner "mia-san-mia"-Philosophie verteidigte zu aller erst, man staune, Jogi Löw, dem alle, auch die drei Herren von "N-TV" , jahrelang die Füße geküsst hätten. Man dachte beinahe, er meinte, den A. . .

Manuel Neuer, Hummels und Boateng wurden ebenso stark geredet, sowie Juan Bernat, der Abwehrspieler, der nach Paris wechselte, schlecht gemacht - von Hoeneß auf rustikale Art ("auf Deutsch, er hat einen Scheiß gespielt"). Der Teammanager "Brazzo" hat Trainer Niko Kovac in Schutz genommen und bekräftigt, dieser habe nie gewackelt. Warum sich also öffentlich "Küsschen zuwerfen", wenn alles passe? Alles ?

Nun, der Rundumschlag, und das Presseecho, seit gestern, ist vernichtend. Es traf fast die ganze Medienzunft im Pressesaal der Bayern, einem fast sakralen Ort.

Das Niveau der Medienschelte von Hoeneß und Rummenigge, die eigentlich Medienprofis sind, war grenzwertig! Die Journalistenkollegen wurden namentlich genannt und aufgezählt, und ja, verächtlich gemacht. Der "Springer-Verlag" wurde generell kritisiert und gewarnt, man werde sich nimmer alles gefallen lassen. In Zukunft, würde der FCB auch Gegendarstellungen einfordern.

Sind wir denn schon soweit wie in der Politik, fragen wir? Hörten wir etwa unterschwellig, "Lügenpresse"?

Starker Tobak. Rummenigge und Hoeneß hatten gegebenenfalls den Sponsorenauftrag, Negativpresse zu vermeiden. Einschüchterungsversuche? Na, dieser Schuss ging nach hinten los, fast unmöglich, die Wirkung dieser PK wieder einzufangen.

Zum Abschluss angemerkt, ob in der Politik oder wie im Fußball, fast schon dasselbe, eine Pressekonferenz zu gestalten und zu "orchestrieren", wird immer mehr zur Kunst in unserer schnelllebigen (Fake-)News-Zeit. In der Kürze liegt die Würze, und der Stil sowie Fakten müssen immer passen. Ob bei Steffen Seibert, dem Regierungssprecher, seit der Chemnitz-Demo, oder eben dieser Bayern-PK von gestern: das "Wie" ist entscheidend und die Worte und Sätze müssen angemessen und wahr sein, ohne Bedrohungs-Potenzial. Umso mehr, wenn fast spontan terminiert.

Was loben wir uns da die legendären PKs eines Trapattoni ("Gespielt wie Flasche leer ... Habe fertig"), beim FC Bayern, emotional authentisch, oder die von Trainer Klaus Augenthaler, vor Jahren, abgehalten in 42 Sekunden ("Die Fragen stelle ich, die Antworten gebe ich auch").

Ernst Happel, der letzte große erfolgreiche Fußballlehrer des HSV (Deutscher Meister und Cup der Landesmeister 1983, heute Champions League genannt), blieb manchmal am Mikrophon einfach still. Sein Motto: "Sag' ich nix, ist es nicht recht. Spreche ich viel, bekomme ich es zehnfach zurück."

Das hat der FC Bayern an diesem legendären Freitagmittag im Herbst 2018 wohl nicht in Betracht gezogen ...

Giovanni Deriu, RUND-Autor, und interessiert sich immer für Geschichten hinter den Ergebnissen.



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