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ITALIEN
Juve verordnet sich den Sarrismus
Maurizio Sarri als Trainer von Juventus Turin vorgestellt. Italienische Sportpresse fragt, ob der kauzige Taktikexperte die Jogginghose gegen den Anzug tauschen wird. Von Giovanni Deriu

 

Maurizio SarriAn der Seitenlinie in Neapel: Maurizio Sarri trägt dann mit Vorliebe Trainingskleidung. Foto Pixathlon

 

Nun, Pep Guardiola ist es nicht geworden, woran es scheiterte, chissá? Wer weiß? War es der Preis, oder Peps Wort bei ManCity, oder ein Nein von Cristiano Ronaldo, denn anscheinend wird auch CR7 gefragt, welcher Spieler und Trainer gut zu Juve passen würde. Cristiano und Pep, wäre das gut gegangen?

Dass Ronaldo von Maurizio Sarri viel hält, steht fest, denn Real Madrid tat sich einst schwer gegen den SSC Napoli von Sarri. Ja, Maurizio Sarri ist es geworden – er war ja auch einer der drei Kandidaten von Beginn an, und mit dem Uefa-Pokal-Sieg (scusi, aber der Autor ist Nostalgiker) stieg die Aktie Maurizio Sarri nochmals deutlich an. Guardiola war mehr ein Wunschtraum, denn Realität. Aber immerhin, Sarri wurde noch vor seinem Antritt beim FC Chelsea, und als Trainer bei der SSC Napoli, von Pep Guardiola geadelt. Nach den knappen Champions-League-Matches, in denen der SSC Neapel zwar ausschied, den Citizens aber das Leben ziemlich schwer machte, ließ Pep Guardiola wissen, dass Sarri den wohl besten und schönsten Fußball spielen ließ. Pep muss es ja wissen.

Aber, Maurizio Sarri blieb sich selbst treu, es ehre ihn zwar, aber letztendlich, habe sein Team verloren und noch nichts gewonnen. Zwei Mal scheiterte Sarris Neapel knapp hinter Juventus Turin, einmal sogar mit den meisten Punkten als Vizemeister, in einer Saison, in der Gonzalo Higuain knapp 40 Tore in allen Wettbewerben schoss. Sarri hatte das „Pummelchen“ fit gemacht. Aber, allein das Erreichen der Champions-League glich einem Meistertitel in Neapel.

Napoli lag Maurizio Sarri, dem schrulligen Trainer mit der großen Brille, und stets mit der Fluppe im Mund, zu Füßen. Der ehemalige Banker und Ökonom, verordnete den Hellblauen vom Vesuv einen attraktiven Offensivfußball, bei dem der Ball zirkulierte, und dann ad hoc in die Tiefe gespielt wurde, gern auch über die Flügel. Die Abwehr begann zudem im Angriff. Ein laufintensives Pressing sorgte dafür, dass die gegnerische Abwehr kaum zur Ruhe kam, den Ball überhaupt anzunehmen und zu schauen. Außerdem, Sarri überlässt nichts dem Zufall, auch wenn alles noch so spontan wirkt. Schwache Teams baute er einst mit eingeübten Standardsituationen auf. Ecke, Freistoß, Tor.

Jetzt tobt der Calcio-Mercato, und am Vesuv brodelt es. Warum? Verrat wittern die Napolifans, ausgerechnet zur Vecchia Signora Juve? Und auch die Juventus-Tifosi sind nicht alle überzeugt – doch das waren sie einst bei Carlo Ancelotti und Fabio Capello auch nicht. Eben dieser Capello, Nachfolger des Arrigo Sacchi bei Milan (und Champions-League-Sieger), meinte zur Sarri-Personalie: „Ach, das war bei mir am Anfang auch so, aber ich habe die Tifosi mit Erfolge und Titel zurückgewonnen und überzeugt…“, Maurizio müsse einfach sein Ding durchziehen.

Sarris Ding? Fußballfans und Enthusiasten nennen die Fußballphilosophie des Trainers, einst in Napoli geboren, sich dann aber in die Toskana verdingt, „Sarrismo“, was so viel heißt wie: „Sarrismus – Freude und Revolution“ des Spiels. Aber nicht nur des Spiels, auch des Ambiente. Das hat Sarri bei der SSC Napoli wie kein anderer geprägt. Beim FC Chelsea fiel es ihm schwerer, aber immerhin gewann er eine wertvolle Trophäe. Sarri wollte wieder näher bei der Familie und bei den Eltern sein. Chelsea erteilte dem Europa-League-Sieger die Freigabe. Nun, gewackelt hatte er sowieso. Zu schrullig wirkte er. Zigarettenverbot in den englischen Arenen und Stadien, da nuckelte Sarri eben am Filter seiner Zigarette.

Anzug und Krawatte am Spielfeldrand? Nicht mit dem skurrilen Maurizio. Im Trainingsanzug feuerte und dirigierte er seine Teams bisher an. Bleibt er sich treu? Ohne Anzug im Juventus-Stadium? Die Gazzetta titelte schon „Avanti, Tuta“, Auf geht’s im Jogging, statt mit Doppel-T, tutta, Auf geht’s, um Alles!

Juve-Inhaber Andrea Agnelli, Pavel Nedved und Sportdirektor Paratici, dürfte es egal sein, welches Outfit Sarri wählt, Hauptsache, Juve wird um die Champions-League spielen.

Wie meinte doch ein Passant und Juvefan bei einer Umfrage auf dem Domplatz zu Turin? „Eine interessante Wahl, wir werden uns mit Sarri arrangieren. Vielleicht wird er nicht Meister, aber dafür holt er die Champions nach Turin…“, es brechen interessante Zeiten des „Sarrismus“ in Turin an.

Giovanni Deriu, RUND-Autor, und Kenner des italienischen Fußballs, beschreibt und analysiert Trainer-Biografien.

 



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