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BUCHTIPPS
Das Spiel lesen
Zur WM in Russland sind die Regale voll mit Fußballliteratur – einige Empfehlungen von Volker Stahl

 Russkij Futbol. Ein LesebuchZur WM in Russland erscheint Russkij Futbol

 

Frauen im „Erregungstaumel“

Elf Frauen und ein Mann – der, wenn es um das Thema „Fußball und Literatur“ geht, schier unvermeidliche Rainer Moritz – erzählen in unterschiedlicher Qualität von ihrer Leidenschaft für den Fußball. Monika Maron nutzt die Einladung, um auch auf grünem Grund mit der DDR abzurechnen. Sie verehrte einst Eusebio, der sich einst seine Tränen am Hemdzipfel abwischte und erzählt, dass sie sich „vom allgemeinen Erregungstaumel“ rund um den Ball erst erfasst wurde, als „Männer“ in ihr Leben drängten. Tja, auch in einem Buch von Frauen über Fußball spielen Männer die Hauptrolle – die Beiträge heißen „Der Mann mit der Mütze“ oder „Kick it like Beckham“.  Als Starter fungiert übrigens ein semi-debiles Zitat von Lothar Matthäus, dem Hohepriester des gedankenlosen Plapperns.

Cover Ballgefühl Brigitte Ebersbach, Sascha Simon (Hg.): Ballgefühl. Frauen und Fußball, ebersbach&simon, Berlin 2018, 144 Seiten, 18 Euro

 

Zeit der Strategen
Um den Fußball selbst geht es in dem lehrreichen Buch über die Strategen des Spiels. Der Taktik-Experte Tobias Escher porträtiert kenntnisreich von Pep Guardiola bis Thomas Tuchel elf Trainer, die den modernen Fußball prägen. Das Beispiel Julian Nagelsmann zeige, so der Autor, dass der Trainerjob zu einem Ausbildungsberuf geworden sei und hochqualifizierte Theoretiker bisweilen mehr Erfolg hätten als alte Haudegen, die es vom Platz auf die Trainerbank verschlagen hat.


Die Zeit der Strategen
Tobias Escher: Die Zeit der Strategen, Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 288 Seiten, 12,99 Euro  

 

Korruptes Leder

Wer sich trotz alledem erst 2022 als Konsument von der Fußball-WM verabschieden will, findet in der vorliegenden Studie viele gute Argumente dafür: Korruption bei der Vergabe der WM, moderne Sklaverei in der aufstrebenden Golfmonarchie Katar, Verschiebung des Turniers in den Winter sowie die gnadenlose Vermarktung, bei der die brasilianische Nationalmannschaft, der FC Barcelona und Bayern München eine unrühmliche Rolle spielen und das negative Image von der „gekauften WM“ abrunden. So kann es nicht weitergehen, meint der Autor und schlägt deshalb vor, die Fifa „an die Leine zu nehmen“ und sie der UNO zu unterstellen. Interessante These!

In den Sand gesetztGlenn Jäger: In den Sand gesetzt. Katar und die Fußball-WM 2022, Papyrossa, Köln 2018, 312 Seiten, 16,90 Euro

 

Der Ball rollt durch Russland

Weniger zeitlos denn aktuell ist das von Deutschlands führendem Sportbuch-Verlag herausgegebene Werk zur WM in Russland. Das „Lesebuch“ zeichnet die Geschichte des russisch-sowjetischen Fußballs von den Anfängen in St. Petersburg bis zum „skandalträchtigen Weg“ zur WM nach – von der 0:16-Länderspielniederlage gegen Deutschland bis zum Frauenfußball, der nach einer „frühen Blüte“ nach der Oktober-Revolution während der Stalin-Zeit fast zum Erliegen gekommen war.

 Russkij Futbol. Ein Lesebuch,Russkij Futbol. Ein Lesebuch, Verlag Die Werkstatt, 224 Seiten, Göttingen 2018, 16,90 Euro


Fußball im Zeichen des Todes

Der 2013 verstorbene Prager Sportjournalist Frantisek Steiner hat ein ebenso unbekanntes wie bedrückendes Kapitel der Sportgeschichte akribisch recherchiert: Die Spiele im Ghetto Theresienstadt, laut der zynischen NS-Propaganda „jüdisches Siedlungsgebiet“. Dort kickten Insassen auf einem Exerzierplatz unter dem Augen der SS in Siebener-Mannschaften um Tore und Punkte. Mit dabei waren zahlreiche ehemalige Spitzenspieler aus der Tschechoslowakei und Österreich, Juden, die in der Mehrzahl später nach Auschwitz deportiert wurden. Steiners Vater überlebte das KZ Theresienstadt als sogenannter „Halbjude“ zwar, starb aber wenige Jahre später an den Folgen der dort erlittenen Qualen.

 

Fußball unterm gelben SternFrantisek Steiner: Fußball unterm gelben Stern. Die Liga im Ghetto Theresienstadt 1943-44, Schöningh Verlag, Paderborn 2017, 195 Seiten, 26,90 Euro

 


Wo Fans der Verein sind

Oligarchen, die sich einen Verein als Spielzeug kaufen. Selbstherrliche Vereinsbosse. Börsengänge. Rendite-Kult. Immer mehr Fans wenden sich vom zusehends absurder werdenden Profifußball ab und gründen eigene Klubs. An neun Beispielen, darunter der von frustrierten HSV-Anhängern aus der Taufe gehobene HFC Falke, skizziert die Autorin eine weltweit aufblühende Bewegung gegen den totalen Kommerz und zeigt Alternativen zur Entfremdung von Fans und Vereinen.  


Alina Schwermer: Wir sind der Verein. Wie fangeführte Klubs den Fußball verändern wollen. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2018, 224 Seiten, 16,90 Euro

 

Lob des Fußballs

Früher rümpften konservative Intellektuelle die Nase, wenn ihnen ein Fußball vor die selbige rollte.    Tempi passati! Heute beteiligt sich sogar der FAZ-Herausgeber Wolfgang Kaube am weltweiten Tanz um den goldenen Ball. Der Bildungsbürger bekennt sich nicht nur zu seiner Mitgliedschaft bei Werder Bremen, sondern lobpreist auch den Sport seit der Antike. In dieser Epoche handelten die ersten Gedichte nicht von der Liebe, dem Tod oder der Natur, sondern huldigten den Olympiasiegern. Das größte Faszinosum ist für den Autor der Ball, der „Flug und Fall“ symbolisiere – mithin auch eine Eigenschaft der Emotionen, die das Spiel mit ihm auslöst“. Großer Sport!   

Lob des FußballsJürgen Kaube: Lob des Fußballs, Verlag C.H.Beck, 126 Seiten mit 12 Zeichnungen von Philipp Waechter, München 2018, 14,95 Euro

 

Trapattoni-Wutrede auf Latein

Und da ist er schon wieder! Der Chef des Hamburger Literaturhauses hat in seinen Erinnerungen gekramt, seine gut bestückte Fußballbuch-Bibliothek auf Anekdoten hin durchforstet und beides in bewährter Manier zu einem Potpourri vermengt. Viele der im Plauderton verfassten Geschichten können Kenner nicht überraschen. Das gelingt Moritz nur einmal, bei der Dokumentation der lateinischen Version der berühmten Wutrede von Giovanni Trapattoni, die ein pfiffiger Latein-Lehrer an einem bayerischem Gymnasium zum Gegenstand einer Klassenarbeit gemacht hatte.


 Rainer Moritz: Als der Ball noch rund war. Schreckliche, unangenehme und grandiose Fußball-Erinnerungen Rainer Moritz: Als der Ball noch rund war. Schreckliche, unangenehme und grandiose Fußball-Erinnerungen, Atlantik, 272 Seiten, 16 Euro



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