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FUSSBALL
„Die Erfinder der Logen und des Champagnerfußballs“
Die Spielstätte des SV Werder heißt ab dieser Saison „WohnInvest-Weserstadion“. Michele Vulcano vom schwäbischen Investor erklärt, wie es dazu kam. Interview Giovanni Deriu

 

 Michele Vulcano
Michele Vulcano von Wohnivest

 

Aus der Fußball-Bundesliga ist der SV Werder Bremen nicht wegzudenken. Und, außerdem möchte das Werder-Management wieder dort anknüpfen, als mit Otto Rehhagel, oder Thomas Schaaf, Meisterschaften und DFB-Pokalsiege, ja sogar der Europacup der Pokalsieger, in die Clubgeschichte eingegangen sind, und man in Bremen noch vom „Champagnerfußball“ sprach. Mit dem Vorstand Klaus Fibry, und Frank Baumann, Geschäftsführer Fußball, hat der SV Werder Bremen die Weichen dafür gestellt, dass der Bundesligafußball in Bremen und im Norden allgemein weiter floriert, und dass der Nachwuchsfußball finanziell auch partizipiert. Mit der neuen Saison 2019/20, hat das Weser-Stadion, neben den „Bremer Stadtmusikanten“ das Bremer Wahrzeichen schlechthin, einen neuen Vornamen. Ab sofort firmiert es mit, „Wohninvest-Weserstadion“.

Auf zehn Jahre ist die Kooperation angelegt, und von der Investition und Finanzspritze, wollen der schwäbische Investor und Werder Bremen profitieren. Profifußball und europäische Wettbewerbe sind ein Business geworden – die Kunst dabei ist jedoch auch, traditionelle Strukturen und die Seele der Vereine mitzunehmen, wie auch Michele Vulcano, Abteilungsleiter für Public Relations bei der Wohninvest-Gruppe, weiß. Die Werder-Fans hatten Angst, dass die grünweiße Seele mitverkauft würde. Ein paar wenige gingen sogar auf die Barrikaden, doch für die Wohninvest-Geschäftsleitung war das sogar ein logisches Verhalten, „mich hätte es eher beunruhigt, wenn gar keine Kritik gekommen wäre“, meint der schwäbische Italiener, Michele Vulcano. RUND-Autor Giovanni Deriu im Interview mit Michele Vulcano.
 
Als Verantwortlicher für Marketing- und PR-Projekte bei der Wohninvest-Holding GmbH, waren Sie, Michele Vulcano, auch einer der entscheidenden Akteure, dass das Bremer Fußballstadion ab der kommenden Saison, „WohnInvest Weserstadion“ heißt. Wie kam es dazu, und warum ausgerechnet diese finanzkräftige Investition bei Werder Bremen?
Michele Vulcano: Also, ein bisschen muss ich schon ausholen, denn wie so oft, spielen persönliche und berufstechnische Gründe eine Rolle. Harald Panzer, Geschäftsführer der Wohninvest, hat Verwandtschaft und viele Bekannte in Bremen, dadurch entstand auch eine tiefe Freundschaft zu Werder Bremen. Ja, es entwickelte sich ein echtes Faible für den SV Werder Bremen, und als die Ansprechpartner beim SV Werder erfahren haben, dass wir auch große und leidenschaftliche Fußballfans sind, wurde uns auch irgendwann eine Business-Loge angeboten.

Dass wir nun auch als Namensgeber eingestiegen sind, hat auch damit zu tun, dass uns der SV Werder auf ganzer Linie überzeugt hat, und andersherum ist es sicher auch so, weil die ganzen Gespräche, die gesamte Projektsteuerung von tiefem Vertrauen, Wertschätzung und konstruktiver Kritik geprägt war. Von der Idee bis zum Angebot, sind keine drei Monate vergangen. Mit dem Werder-Präsidenten Klaus Filbry und Frank Baumann, und mit allen Beteiligten in den Delegationen, waren absolute Profis zugange. Die Anwälte auf beiden Seiten haben dann die Vertragsinhalte fixiert. Werder Bremen gilt bundesweit als einer der erwiesenen Sympathieträger, mit einer langen Erfolgsgeschichte und Tradition. Dies alles war für die Wohninvest letztendlich ausschlaggebend, dieses Großprojekt in diesem Volumen auch anzugehen.

Ihre Unternehmensgruppe kommt aus Fellbach, vor den Toren Stuttgarts, wie oft wurden Sie bereits gefragt, Mensch, Herr Vulcano, müssten Sie nicht dem gestrauchelten VfB unter die Arme greifen, schließlich sind Sie selbst, als waschechter Italo-Schwabe, und stets im gehobenen Sport verwurzelt, sowie Ihr Geschäftsführer Harald Panzer, auch sehr oft in der Mercedes-Benz-Arena zu Besuch?
MV: Ja, in der Tat, aber die Frage kam eher von anderen, außerhalb des VfB Stuttgart, wir haben natürlich immer die Lage beim VfB beobachtet, und, ja, wir sind oft in der Mercedes-Benz-Arena zu Besuch, weil wir auch dort eine Business-Loge unterhalten. Aber, wir denken auch, wer Bedarf hat, und diesen auch offen äußert, wird den Weg zu uns schon finden. Der SV Werder hat sich eben auch aktiv bemüht. Wie schon erwähnt, dadurch dass der Wohninvest-Chef, Harald Panzer, viele Leute in Bremen kennt, sind die Wege recht kurz.

Ich höre aber auch heraus, Sie, Michele Vulcano und Harald Panzer, sind auch VfB-Fans, nun Werder Bremen…
MV: (lacht) … Ich weiß schon, auf was Sie hinauswollen. Keine Sorge, es bestehen keine Interessenkonflikte. Ja, man kann sagen, dass wir VfB-Sympathisanten sind, vielleicht ein Stück weit auch Fans. Klar, wir sind in dieser Region aufgewachsen. Aber, sehen Sie – der VfB spielt derzeit in der 2. Bundesliga, und Werder in der Ersten.

Wie schwer war es letztendlich, dieses Geschäft einzufädeln? Ich kann mir denken, und man konnte es ja medial verfolgen, weniger der Club, als vielmehr die Stadt sowie die Werder-Fans galt es mitzunehmen und zu überzeugen.
MV: Es war gar nicht so schwer, wie ich schon erläutert habe, der Club und die Geschäftsführung des SV Werder Bremen wollte ja die Kooperation auch mit uns. Interessant war in der Tat die Zusammensetzung der Fans in Bremen. Sehr, sehr viele Traditionalisten, was ja auch gut ist, dann etwa fünf Prozent von den „Ultras“, die zwar auch auf die Tradition hinweisen, aber Ultras haben, wie anderswo auch andere Beweggründe rund um einen Club. Ich sage mal, zerstörender und gewalttätiger Fanatismus ist jedoch fehl am Platz und meist kontraproduktiv. Letztendlich wird auch der Farbe und der D N A des Vereins nichts verändert, und auch das „Weserstadion“ bleibt im Namen erhalten.

Was genau befürchteten denn die grünweißen Fans? Den Ausverkauf der Werder-Seele durch die Namensänderung, oder gar die DNA des Vereins? Haben Sie dafür Verständnis?
MV: Ja, absolut, verstehe ich das! Dann auch das Misstrauen gegen die Branche der Investoren aus dem Immobilien-Business. Gegen die, die die Preise hochtreiben, und so weiter. Nur, wir sind im Bereich der Gewerbe-Immobilien aktiv, und nicht bei den Privathaushalten und Wohnungsmaklern. Uns interessieren Gewerbegebäude oder Industrie-Immobilien. Jeder geht seinem Beruf nach, so gut er kann. Blinder Aktionismus ohne Sinn und Verstand lehnen wir ab, aber auf Bitten und Bedürfnisse der Fans gehen auch wir ein. Für uns als Wohninvest, sind die Fan-Seele und die Werder-DNA sehr wichtig. Nur so lässt sich eine Identifizierung mit einem Verein wie Werder, und mit dessen Umgebung zu. Ein Fan, wie ich schon sagte, bin auch ich, der Fußball bietet Emotionen pur. Nur ein Beispiel, nach dem Pokalspiel von Werder Bremen gegen die Bayern, damals in Bremen, kamen mir im Parkhaus die Schiris entgegen. Die hatten unweit von uns geparkt. Die mussten sich dann auch meine Meinung, freundlich aber hart in der Sache, anhören. (Anm. d. Autors: just als im Pokalhalbfinale ein eher unberechtigter Elfmeter gegeben wurde, wie die Videoaufzeichnungen zeigten). Kurz, wir sind sehr auf die Werder-Fans eingegangen, und Harald Panzer und ich fiebern mit Werder Bremen auch mit.
Sie selbst, Vulcano, sind ein Mann des Sports, waren stets selbst sehr aktiv im gehobenen Amateurfußball, auch nach Italien hätten Sie einst wechseln können - heutzutage fördern und promoten Sie für das Unternehmen Wohninvest auch andere Sportler und Events. Was erwarten Sie aus der Kooperation mit dem SV Werder Bremen, schließlich hat das alte Weserstadion schon historische Spiele erlebt.
MV: Das ist richtig, der Sport hat mein Leben bisher sehr aktiv begleitet. Wir versuchen und erwarten auch, dass unser Engagement und Netzwerk im Norden, auch unsere Kontakte und Geschäftszweige, wie z. B. im Bereich der Spezial-Kliniken, für den Körper und den Geist, also dem Mentalen, Früchte tragen wird. Wir implementieren gerade ein paar Dr. Wolf-Kliniken, sind quasi Mitbetreiber bundesweit, und erhoffen uns schon früher oder später einen Return of Invest. Wahrscheinlich kann auch Werder Bremen von unseren Kontakten und Experten profitieren, es sollen bewusst Synergien entstehen. Heutzutage, wo das Wort „Burn-Out“ fast inflationär genannt wird, werden in den Dr. Wolf-Kliniken Personen, auch viele Sportler, bereits präventiv auf kognitiver Ebene geschult und darauf vorbereitet, im Einklang mit sich selbst und dem Beruf, zu leben. Dann spielt auch unsere hauseigene Ausbildungs-Academy eine große Rolle, unsere angehenden Kaufleute und Trainees lernen, schon früh für Projekte Verantwortung zu übernehmen. Wir möchten auch von der bodenständigen Art der Bremer Kaufleute und Werder-Freunde selbst profitieren, weil wir auch bodenständige und ehrliche Kaufleute sind.

Aus dem Stuttgarter Umfeld heraus, heißt es, Michele Vulcano ist ein echter Schaffer, und Trader, und er bewegt Dinge, wie zum Beispiel Events und Veranstaltungen gern im Hintergrund. Michele Vulcano stellt sich nicht so gern in den Vordergrund, aber er kann mitunter auch schon mal richtig brodeln wie ein, nomen est omen, Vulkan. Trifft diese Beschreibung in etwa zu. Sie lächeln.
MV: Im Großen und Ganzen trifft es tatsächlich zu. So bin ich, so bin ich über Jahrzehnte auch gut durchs Leben gekommen. Manche Personen, sind vielleicht nicht immer gut auf mich zu sprechen, darum geht es mir aber auch nicht. Im Geschäft, wie überall eigentlich, wird oft mit harten Bandagen verhandelt. Meine Philosophie war aber immer, die andere Seite, den Verhandlungspartner zu respektieren, und hart in der Sache zu streiten und zu diskutieren. Das können manche Leute nicht ab. Ich sage, man darf, ja, man sollte seine konträre Meinung auch offen sagen können, aber immer fair bleiben. Meine Stärke ist jedenfalls, dass ich wirklich nie nachtragend bin – solange es nicht auf die persönliche Ebene abgleitet. Fakt ist auch, man kann nicht jedem gefallen. Anecken, das sage ich auch unseren Trainees im Unternehmen, muss erlaubt sein.

Sie waren viele Jahre Fußballer auf hohem Niveau, haben aber auch beruflich, für einen bekannten Motorrad-Equipment-Handel, viele interessante Menschen und Sportler kennengelernt und begleitet. Sie haben Reisen zu Motorradrennen organisiert, sind selbst auf bekannten Strecken Europas gefahren. Sie selbst hätten auch Karriere im Motorradsport machen können. Manchmal klingt es wie das Motto, „Ich geb Gas, ich will Spaß...“.
Einen schweren Unfall hatten Sie allerdings auch, bei dem man nicht wusste, wie es ausgehen würde - verändert das etwas im Leben, und was können Sie jungen Sportlern mitgeben?
MV: … Der Sport hat mir immer viel gegeben, und nur so viel, zu meinem schweren Unfall im Jahr 1995, wäre ich zu diesem Zeitpunkt nicht selbst sportlich so fit gewesen, würde ich heute nicht hier sitzen. Auch wäre ich wohl beruflich nicht da, wo ich jetzt bin. Meine Muskulatur war ausschlaggebend dafür, dass ich trotz schwerer Verletzungen gut aus der Sache herausgekommen bin. Dann auch meine Einstellung, dass aufzugeben, keine Option sein kann, niemals. Dem Sport verdanke ich viel, mein privates und persönliches Netzwerk, das mir keine Social Media, kein Facebook je hätte geben können, über Jahrzehnte. Allein, meine langjährige Freundschaft zum Wohninvest-Chef, Harald (Panzer), wir kennen uns von Kindesbeinen an, ich bin ja in Italien geboren, und kam als kleiner Junge mit den Eltern nach Deutschland. Meine Eltern sind für ihn „Tante und Onkel“, und umgekehrt seine Mutter für mich, sein Vater ist leider schon gestorben. Was ich damit sagen möchte, Freundschaften und Beziehungen zu pflegen, ist für viele keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber auf Ausdauer kommt es eben nicht nur im Sport an…

…Und der Kampfsport oder Fußball generell?

MV: Oh, je, ich würde jetzt ins Philosophieren kommen. Wichtig ist mir immer, im täglichen Kontakt, lieber von Angesicht zu Angesicht, ehrliche Kommunikation. Im Sport ist es zweierlei, im Kampfsport besonders, ob man nur trainiert, sich vorbereitet, oder tatsächlich in den Ring steigt. Da im Viereck, fokussiert sich dann alles auf den Moment. Da versagen dann viele, und auch ich musste einstecken, aber ich stand eben auch immer wieder auf. Der Fußball? Keine andere Sportart vermag es, so viele unterschiedliche Menschen und Kulturen zu vereinen. Ein einfacher Ball als Spielgerät. Ein Beispiel, neulich auf einer Hochzeit, die war wirklich, wie sagt man, interkulturell von den Gästen. Die Kinder saßen erst scheu nebeneinander, als ich dann den Ball aus dem Kofferraum holte und diesen auf die Wiese geworfen habe, da spielten alle gemeinsam, die Sprachbarrieren spielten keine Rolle mehr… Das schafft oft keine Schule, und schon gar keine Religion, so zu vereinen.

Ihrem Unternehmen liegt also auch die Nachwuchsarbeit bei Werder am Herzen?
MV: Aber natürlich, nur das war von Beginn auch die Idee der Werder-Manager mit Frank Baumann und Marco Bode, dass Teile der Investitionen in die Jugendarbeit, aber auch in soziale Projekte, Bolzplätze, etc. fließen, das wurde auch zugesichert. Außerdem wird demnächst auch die Werder-Bremen-Fußballschule Halt in Baden-Württemberg machen.

Sie bereisen viel und oft die Bundesrepublik, wann werden Sie wieder in Bremen sein?
MV: Also, Harald Panzer wird sicherlich öfter im Norden sein als ich selbst, aber klar ist, dass ich meine Geschäftsreisen mit einem Besuch in Bremen und im Wohninvest Weserstadion verbinde. Ich habe vor bei acht bis zehn Heimspielen selbst vor Ort zu sein.

Können Sie auch etwas zu weiteren Vorhaben oder Planungen verraten? An welchen Projekten sind Sie momentan dran?
MV: Also, langweilig wird es in meinem Job nicht. Der Bereich des Gesundheitswesen, wofür wir mögliche Gebäude kaufen müssen, ist momentan sehr wichtig, wie zum Beispiel das Schloss Gracht, eine ehemalige Universität und Elitehochschule, wird zu einer Klinik für Psychiatrie. Und damit auch die Verknüpfung, zwischen dem Sport und der Gesundheitsklinik, mit dem ehemaligen Weltklassehandballer, dem Weltmeister und Handballer des Jahres, Markus Baur, der auch den Kontakt zu den Sportverbänden und Institutionen halten und pflegen wird, und im Übrigen auch mein Kollege ist. Wie gesagt, der Sport verbindet allgemein.

Außerdem planen unsere Trainees im Unternehmen eine kleine Beteiligung beim FSV Mainz 05, quasi als „Tool“ eines neuen Generationsnetzwerks, bei dem auch der E-Sport eine Rolle spielen wird. Wie sagt man so schön? Alles fließt …

Michele Vulcano, 55, verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Der Public-Relations-Leiter der Wohninvest-Gruppe, bezeichnet sich selbst als schwäbischer Italiener, und liebt es, beruflich Dinge zu bewegen, und Menschen zusammen zu bringen – was man ihm auch stets als absolutes Talent bescheinigt. Michele Vulcano war jahrelang ein gefährlicher Stürmer im gehobenen Amateur-Fußball, aber genauso gefragt, als Fachmann im Motorsport. Vulcano hat Mitte der Achtziger bis in die 1990er-Jahre hinein, Rennen und Testfahrten auf den bekanntesten Rennstrecken Europas geplant. Aus dieser Zeit stammen auch sehr viele Freundschaften und berufliche Kontakte bis heute. Fußball war für Michele Vulcano eben nur die schönste Nebensache der Welt – bis heute. Skifahren und sein Motorrad gehören zu seinen Freizeitaktivitäten, wie es die Zeit zulässt.

Seine Lebensphilosophie beschreibt er mit „Kein Urteil, ohne es probiert zu haben…“


Giovanni Deriu, RUND-Autor, beschreibt und analysiert Biografien.
 
 
 
 
 


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