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RUND-TIPP
Vom linken und rechten Fußball
Zwei Kettenraucher saßen im WM-Finale 1978 auf den Trainerbänken. Einer von ihnen war Cesar Luis Menotti, der mit Argentinien Weltmeister wurde. Von Giovanni Deriu

 

Cesar Luis MenottiCesar Luis Menotti. Foto Pixathlon

 
82 Jahre alt, und kein bisschen leise, die südamerikanische Fußball-Legende, Cesar Luis Menotti, ist als Kommentator und Fußballphilosoph immer noch gefragt. Seine Art, den Fußball zu sehen (wie er ist), darüber zu philosophieren, und in Argentinien (woher er auch stammt) immer noch so geliebt zu werden (wie Diego Maradona), ist wohl einmalig.
 
Sein größter Erfolg, die Weltmeisterschaft 1978 in Buenos Aires gegen die von Interimscoach Ernst Happel betreuten Holländer mit 3:1 nach Verlängerung gewonnen zu haben, liegt zwar schon weit zurück - aber die bewegten Bilder von damals, lassen nur erahnen, was der Sieg im damals gebeutelten Argentinien bedeutete. In Argentinien reagierte eine grausame Militärdiktaktur. Die WM kam den Machthabern als Ablenkung wie gerufen. "El Flaco", der Dürre, wie Menotti gerufen wurde, hatte aber seinen eigenen Kopf, und war nicht mundtot zu bekommen. Menotti, der Querulant. Und genauso spielte seine Nationalelf um Kapitän und Spielmacher Mario Kempes.
 
Im Finale gegen Holland, saßen somit zwei Eigenbrötler und Kettenraucher auf der jeweiligen Trainerbank. El Flaco, Menotti, und der Österreicher Ernst Happel, der in Belgien und Holland bereits europäische Club-Erfolge feierte, hatte die Holländer für nur sechs Wochen übernommen - und selbst die Vize-Weltmeisterschaft, war ein Riesenerfolg, den der Österreicher Happel fast gleichgültig wie immer hinnahm. (Irgendwann später meinte Happel, er habe nie das Gefühl gehabt, das Spiel gegen die übermächtigen Argentinier gewinnen zu können. Entweder standen der Pfosten und circa zwei Zentimeter, oder der Schiedsrichter im Weg).
 

Aber schon für die damalige Zeit, boten beide Teams einen schnellen und offensiven, sowie ästhetischen Fußball.

 

Menotti wollte die künstlerische "Freiheit auf dem Platz" in einem rigiden Staat zelebrieren, dem Volk etwas Spektakel im tristen angespannten Alltag zurück geben.
 
Noch heute kritisiert er oft den italienischen, deutschen und spanischen Fußball, wenn die Trainer nur auf Ergebnis, und das teilweise brachial, spielen lassen.
 
Pep Guardiola, der ehemalige Barca- und spätere Bayern-Trainer, besuchte in Südamerika nicht nur Marcello Bielsa, sondern auch Menotti, mit dem er stundenlang plauderte - nicht nur über Fußball.
 
Der Fußball, so die Philosophie Menottis, müsse die Handschrift des Trainers erkennen lassen.
 
Menotti, so schreibt der Autor Harald Irnberger im Buch über Menotti, „Ball und Gegner laufen lassen“, kritisiert nicht nur die entstandene Profitgier des Spiels, sondern auch das Vordringen der "Machteliten" und rücksichtsloser Vertreter aus den Bereichen der Politik, Ökonomie und der Medien.
 
Im Buch wird doch tatsächlich die Frage gestellt, (die ich schon vor Jahren in einem anderen Bericht las), ob es den linken und rechten Fußball gebe? Aber sicher, lautet die Antwort. Wobei angemerkt sei, dass es unabdingbar für den Fußball ist, dass beide "Systeme" existieren, und sich mal das eine, und dann auch wieder das andere, durchsetzten. Woher sollte man sonst Unterschiede festmachen, worüber als Fan oder Experte überhaupt diskutieren?
 
Übrigens, ganz nebenbei, hat Menotti bereits vor einigen Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Er habe ein wenig mehr Jahre und Lebensqualität dazu gewonnen. Ernst Happel, Menottis "kongenialer" Gegner, starb früher, das Rauchen wollte er nimmer aufgeben.
 
"Im Café sei man nicht an der frischen Luft, aber auch nicht zu Hause, sagt man in Österreich", aber auch in Buenos Aires gibt es eine Kaffeehaus-Kultur, in der sich trefflich in Gesellschaft diskutieren und Andere beobachten lässt.
 
Qualität und Ästhetik im Fußball sei "Respekt vor dem Volk".
 
Es gehe immer auch darum im Fußball, so Menotti einst, die Herzen zu erreichen. Und im Buch steht das Beispiel, wie Menotti als Trainer bei Independiente, mit seinem jungen Team 0:4 hinten lag, und das Publikum feierte dennoch, weil man eine authentische Spielweise abgeliefert habe. (Wie lang das heutzutage gut gehen würde? Die Argentinier, stets zwischen Euphorie und Melancholie, ticken auch heute noch anders)
 
Man werde Sozialist, weil man in die Arbeiterklasse hineingeboren würde, und komischerweise stammten später dann die Anführer aus den wohlhabenderen Familien.
 
Wenn in Europa jemand arm sei, heiße dies, dass man sich keine zwei Autos oder den Urlaub nicht mehr leisten könne. In Argentinien bedeute Armut, täglicher Überlebenskampf. In Südamerika suche sich der Fußball die Jungen aus. Nicht umgekehrt.
 
"Acht Jahre Trainer in Argentinien", sprach Menotti einmal, sei wie 40 Jahre anderswo.
 
Fußballer seien wie Künstler zu betrachten, und sie müssten dem Publikum möglichst immer Spektakel und ehrliche Arbeit abliefern.
 
Menotti zu "studieren" macht Spaß, weil man merkt, dass hinter einer Mannschaft und einer Spielweise, viel mehr stecke.
 
Anders als in der Gesellschaft und Politik, stellt Menotti den rechten Fußball aber nicht in Abrede. Es gelte diesen einfach, sportlich fair zu besiegen. Oder Niederlagen auch mannhaft anzunehmen.
 
Was sei denn dann, der rechtslastige Fußball? Das sei derjenige, wo es nur ums Ergebnis mit allen Mitteln gehen würde, der Zweck heiligt die Mittel.
 
Das Publikum jauchzt und jubelt eher bei einem 5:3 oder 4:5, als bei einem 1:0 - doch am Ende zählt eben doch immer das nüchterne Ergebnis.
 
Wie meinte einmal Startrainer Jose Mourinho, als in der Premier-League ein Spitzenmatch 4:3 endete? Das sei ein pures Eishockey-Ergebnis, er würde seine Männer unter die Dusche schicken, würde es im Trainingsmatch nach 15 Minuten 2:2 stehen.
 
Nun, nach linkem Fußball hört sich das definitiv nicht an.
 
Und das gerade macht aber den Sport aus, fast ganz Spanien war über drei Jahre lang fasziniert vom Duell Real gegen Barca, genauer Pep gegen Mou ...
 
Giovanni Deriu, RUND-Autor, analysiert und beschreibt Biografien.


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