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TAKTIK
Warum Trainer heute Spiele häufiger drehen
Wie sich die Spielphasen im modernen Fußball verändern, sieht Manuel Baum als eine der wichtigsten taktischen Veränderungen. Der DFB-Trainer der U20 Nationalelf und ehemalige Coach des FC Augsburg über die neue Unberechenbarkeit des Spiels. Ein Auszug aus dem Buch „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“ von Matthias Greulich und Elmar Neveling.

 

Manuel BaumManuel Baum an der Seitenlinie beim FC Augsburg im März 2019. Inzwischen ist er DFB-Trainer der U20 Nationalmannschaft. Foto Pixathlon

 

Greulich, Matthias; Neveling, Elmar Fußball-Taktik
Matthias Greulich und Elmar Neveling: „Fußball-Taktik: Die Anatomie des modernen Spiels“,
2. aktualisierte Neuauflage 2020, 224 Seiten, Copress Sport, ISBN: 978-3-7679-1262-5, 19,90 Euro

 

Wenn Manuel Baum über die momentan die wichtigsten Trends im Fußball spricht, stehen für ihn die extreme Flexibilität in Grundordnungen, in Systemen und Pressingarten und die Veränderung der unterschiedlichen Spielphasen ganz oben auf der Liste. Dass Trainer mittlerweile häufig umstellen, ihre Teams variabel agieren und sich die Grundordnungen in 90 Minuten mehrmals ändern können, gehört zur DNA des modernen Fußballs. Aber was hat es mit den Spielphasen auf sich? Der Bundestrainer der U20 und ehemalige Bundesligatrainer des FC Augsburg geht ins Detail: „Im Grunde geht es darum, dass ein Spiel über 90 Minuten nicht mehr diese Einheitlichkeit hat, die es vor Jahren gab.“

Angenommen man geht ins Spiel rein und der Gegner spielt mit Viererkette, ist als Team sehr dominant und geht in Führung. „Dann kann man ziemlich sicher sein, dass der Gegner in der Halbzeit etwas umstellen wird. Vielleicht inhaltlich, vielleicht personell. Egal, ob Grundordnung oder Art des Pressing. Die in der ersten Halbzeit dominante Mannschaft geht davon aus, dass diese Dominanz auch in der zweiten Hälfte so bleibt. Auch durch die Veränderungen, die der Gegner vornimmt, passiert es häufiger, dass Spiele kippen oder in der zweiten Halbzeit komplett anders laufen. Oder ich liege vorne, spiele Angriffspressing und habe den Gegner komplett unter Kontrolle. Ich will 90 Minuten Angriffspressing spielen, aber vorne wird der Gegner irgendwann mal etwas mutiger im Spielaufbau. Mit größerer Wahrscheinlichkeit hebelt er dann irgendwann mein Angriffspressing aus, weil er nichts mehr zu verlieren hat.“

Diese Dinge müsse ein Trainer natürlich auch in seine Überlegungen einbeziehen. Im Vorfeld und während des Spiels. Wie man reagiert. „Dafür liegt ein großer Schlüssel in der Kaderzusammenstellung. Ich nehme wieder die Psychologie her: Welche Spieler sind in der Lage, auf diese Veränderungen zu reagieren, ohne dass der Trainer es von außen vorgeben muss. „Jetzt machst du das und jetzt das!“ Wer reagiert aus seinem Naturell heraus instinktiv richtig. Wer kann die Führung auf dem Platz übernehmen? Das ist ein Thema, das im Fußball sicherlich noch dominanter werden wird. Es geht darum, die Themen ganzheitlich zu denken und nicht isoliert zu betrachten.“

„Gar keine so blöde Idee vom Alfred“

Baum gibt ein Beispiel aus seiner Zeit als Bundesligatrainer für einen Spieler, der auf Veränderungen auf dem Platz selbstständig reagieren kann. Es war im Mai 2017 als es für Augsburg gegen Borussia Dortmund von Trainer Thomas Tuchel ging. Zunächst spielte Baums Mannschaft im Angriffspressing gegen den mit zwei Sechsern und einem Zehner startenden BVB. „Wir wollten die zwei Sechser mit zwei Zehnern und den gegnerischen Zehner mit einem Sechser zumachen.“ Der Plan der Augsburger ging zunächst auf, sie waren so gut im Spiel, dass die Dortmunder kurzerhand von zwei Sechsern auf zwei Zehner umstellten. „Thomas Tuchel hat eine seiner vielen Varianten rausgesucht, die wir vorher nicht auf dem Zettel hatten. Wir hatten mit einer anderen gerechnet. Deswegen mussten wir sehr flexibel im Spiel sein. Das haben die Spieler dann aber selber initiiert im ersten Moment und wir haben es dann laufen lassen“, erinnert sich Baum an das letztlich leistungsgerechte 1:1.

Auf der Zehnerposition der Augsburger war Alfred Finnbogason der Impulsgeber. Der Isländer sorgte dafür, dass der FCA die Dreierkette nicht mit mehr mit drei Spitzen anlief, sondern den zentralen Spieler in der Dortmunder Dreierkette freiließ. Finnbogason stellte stattdessen den Dortmunder Sechser Julian Weigl zu, und dadurch auch den Dreierkettenspieler. Die Augsburger waren in der Pressingzone immer einer mehr und haben die Dortmunder so relativ gut in den Griff bekommen. Baum erinnert sich: „Ich habe mir das Verhalten vom Alfred fünf Minuten angeschaut, es mit meinen Zetteln verglichen und gedacht: ,Mensch, das ist gar keine so blöde Idee.’ Und habe anschließend versucht, es in Struktur zu bringen.“

Für einen Spieler sei das in der Tat im Spiel total schwer wahrzunehmen. Weil die meisten so im Stress, so fokussiert auf ihre Aufgaben sind. So eine kleine Umstellung heißt ja: Spieler in anderen Räumen ziehen. Kann dazu führen, dass ein Spiel kippt, weil die Verhältnisse auf dem Platz nicht mehr so richtig passen. Früher hätte die Umstellung nie stattgefunden. Das Spiel wäre in der mehr oder weniger gleichen Formation zu Ende gespielt worden. Die Wahrscheinlichkeit, Spiele zu drehen, sei dadurch früher geringer gewesen, als es mittlerweile der Fall ist.

 

Zur Person

Der gebürtige Landshuter Manuel Baum, Jahrgang 1979,  begann seine Trainerkarriere im Profifußball 2011 bei der Spielvereinigung Unterhaching. Der ehemalige Torwart wurde Co-Trainer von Heiko Herrlich. Nach drei Jahren verließ er die Hachinger in Richtung FC Augsburg, wo er das Nachwuchsleistungszentrum leitete. Das Bundesligateam der Augsburger übernahm er 2016 als Nachfolger von Dirk Schuster. Baum erreichte mit den bayerischen Schwaben Platz 13, in der Saison 2016/17 Rang zwölf. Die langjährige Verbindung mit dem FCA endete im April 2019 als Baum mit seinem Team auf Tabellenplatz 15 liegend entlassen wurde. Seit Juli 2019 ist er Cheftrainer der U20-Nationalmannschaft des DFB.

 



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