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NACHRUF
Abschied vom Heiligen Löwen
Pape Diouf war der erste schwarze Präsident eines europäischen Topklubs. Bei Olympique Marseille war der ehemalige Journalist und Spielerberater ungemein populär. Am 31. März ist er mit 68 Jahren am Coronavirus gestorben

 

Pape DioufAls charismatischer Präsident von OM, war er in Marseille sehr populär: Pape Diouf (1951-2020). Foto: Pixathlon

 

2007 waren Joachim Barbier und Christoph Ruf für eine Reportage bei Olympique Marseille. Sie trafen auch Pape Diouf, der bis 2009 Präsident von OM war. Am 31. März 2020 starb Pape Diouf mit 68 Jahren an der Covid-19-Pandemie im Senegal. Die Trauer in Afrika aber auch in Frankreich war groß. „Er war ein Monument unseres Fußballs", schrieb Kylian Mbappé, Stürmer bei Paris St. Germain. Das Sportmagazin L'Équipe nannte ihn den „Heiligen Löwen".

Unter all den Klubs, die je die Champions League gewonnen haben, ist Olympique Marseille der einzige mit einem dunkelhäutigen Präsidenten. Pape Diouf steht der Vereinsführung seit Herbst 2004 vor. „Die Marseiller sind stolz darauf“, sagt Rachid Zeroual, eines der Aushängeschilder der Ultra-Gruppe „South Winners“, er passe „zum „kosmopolitischen Gesamtbild der Stadt“. Wenn man ihn fragt, ob sich diese Marseiller Geschichte auch woanders hätte abspielen können, zeigt sich Pape Diouf skeptisch „Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich nicht der einzige sein dürfte, wenn man den Anteil der afrikanischen Spieler am Weltfußball zum Maßstab nimmt.“

Der Senegalese lebt derzeit sein drittes Leben im französischen Fußball. Als sein Vater ihn 1971 per Schiff in Richtung Marseiller Hafen schickte, wollte er ihn dadurch zu einem Soldaten der französischen Armee machen. Doch der damals 18-Jährige setzte nie einen Fuß in eine französische Kaserne. Stattdessen entschloss er sich, eine Laufbahn als Beamter im gehobenen Dienst des staatlichen Fernemeldewesens einzuschlagen. Doch sein Posten langweilte ihn zusehends. Schließlich betrat er eines Tages kurzerhand die Redaktionsräume von „La Marseillaise“, dem Organ der örtlichen Kommunistischen Partei. Vom freien Mitarbeiter brachte er es schnell zum Redakteur, dann zum Leiter des Sportressorts, ehe er das Wagnis einging, sich der Tageszeitung „Sports“ anzuschließen, die Mitte der 80er-Jahre das ehrgeizige Ziel verfolgte, den Monopolisten „L’Equipe“ herauzufordern. „Er war ein sehr guter Journalist“, erinnert sich Michel Tonini, Gründer der „Yankees“, einer Fanorganisation mit mehr als 5000 Mitgliedern.

In dieser Zeit knüpfte Pape Diouf ein enges Beziehungsgeflecht mit den afrikanisch(stämmig)en Spielern von Olympique Marseille. Basile Boli, der französische Nationalspieler mit ivorischen Wurzeln und Joseph-Antoine Bell, der Kameruner Nationaltorwart beauftragten ihn, ihre Interessen zu vertreten. Kurz darauf wurde er endgültig vom Journalisten zum Berater. Binnen 15 Jahren wurde er zum einflussreichsten Strippenzieher des französischen Fußballs – dank seines seriösen Rufes und der Begabung, Talente aufzuspüren. Er sorgte dafür, dass ein 21-Jähriger Ivorer bei OM unterschrieb, der noch nicht einmal beim Zweitligisten Le Mans einen Stammplatz hatte: Didier Drogba. Als schließlich der Mehrheitseigner des Klubs, der Milliardär Robert-Louis Dreyfus, ihm anbot, als Manager einzusteigen, beriet Pape Diouf Stars wie Didier Drogba, Marcel Desailly und Grégory Coupet.

In den ersten Monaten an der Spitze von OM war „Diouf ein Präsident ohne echte Kompetenzen. Man musste der Presse halt jemanden präsentieren", berichten mehrere Lokaljournalisten. Doch mittlerweile ist Diouf dank seiner Intelligenz und seiner glänzenden Rhetorik vom Fantompräsidenten zur Integrationsfigur geworden, den selbst die kritischen OM-Fans verehren. Im März 2006, wollte Paris St.Germain den OM-Fans nur 1000 Tickets für ihr Auswärtsspiel im Prinzenpark zur Verfügung stellen. Da er der Ansicht war, dass so die Sicherheit der OM-Fans nicht gewährleistet sei, verkündete Diouf den Boykott dieses Duells, das normalerweise in Frankreich den Höhepunkt der Saison darstellt. Kein einziger Fan fuhr nach Paris, die erste Mannschaft blieb zu Hause und ließ in Paris der zweiten Mannschaft von OM den Vortritt.

Einige Monate später erklärte Franck Ribéry öffentlich, er wolle Marseille verlassen. Doch Diouf berief sich auf den gültigen Vertrag und vesicherte in mehreren Zeitungen „Er wird nicht gehen“. Den Machtkampf mit Ribérys Berater entschied Diouf am Ende für sich. Seither ist er endgültig der Held der 28.000 organisierten OM-Fans. Und die haben schon viele seiner Vorgänger zum Rücktritt gezwungen. Doch Diouf verwahrt sich gegen den Vorwurf, Ribéry aus populistischen Motiven zum Bleiben gezwungen zu haben: „Ich bin der einzige Präsident, der es nie werden wollte. Und ich habe vor nichts und niemandem Angst.“

Joachim Barbier, Übersetzung: Christoph Ruf



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