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KOLUMNE
Der schwierige Weg zurück in die Normalität
Die Pläne des Profifußballs, sich mit Geisterspielen ins Saisonende zu retten, sind zurecht äußerst umstritten. Eine gesellschaftliche Sonderrolle der Bundesliga passt nicht in diese schwierigen Zeiten. Von Samira Samii

 

Sportmanagerin & Rund-Kolumnistin Dr. Samira SamiiSportmanagerin & Rund-Kolumnistin Dr. Samira Samii

 

Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, hat die Pläne zur
Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga heftig kritisiert.
Obwohl sie ein großer Fußballfan sei hat sie in der ARD-Sendung bei „Anne
Will“ hart dagegen gekämpft und gesagt, dass wir damit in unserer
Gesellschaft den sozialen Zusammenhalt verspielen würden. Es wäre
ungerecht, fuhr sie fort, wenn ein Kind nicht alleine auf eine einsame
Schaukel darf, aber die Deutsche Fußball Liga im Mai wieder spielen möchte
und dafür ein Hygienekonzept vorgelegt hat. Mit Geisterspielen, ohne
Publikum sollen die verbleibenden neun Spieltage in der Bundesliga und der
2. Liga jetzt doch stattfinden. Dann könnten die finanziell teilweise sehr
angeschlagenen Clubs auch über den Rest der vereinbarten TV-Gelder verfügen.
Dabei steht eine Summe um 300 Millionen Euro auf dem Spiel. Momentan gibt es
von vielen Seiten Kritik an der schnellen und zuschauerlosen Fortsetzung der
Bundesliga. Insbesondere viele Politiker und Virologen warnen vor
falschen Signalen oder Ungerechtigkeit, aber auch die Gewerkschaft der
Polizei warnt vor möglichen Fan-Ansammlungen vor den Stadien.
 
Einer der Befürworter ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin
Laschet, der mit einer Zustimmung der zuständigen Behörde für einen Neustart
der Fußball-Bundesliga rechnet. Im Bundesarbeitsministerium werde das
Konzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) für einen Spielbetrieb ohne
Zuschauer bewertet, sagte er bei "Anne Will". "Die werden uns einen
Vorschlag machen. Ich gehe davon aus, was ich so bisher höre, dass die
Kriterien erfüllt sind", fügte Laschet hinzu. Er habe gemeinsam mit Bayerns
Ministerpräsident Markus Söder eine zuschauerlose Wiederaufnahme der
Bundesliga vorgeschlagen, "weil uns das Konzept überzeugt hat". Laschet und
Söder hatten in der Vorwoche von einem möglichen Spielbeginn am 9. Mai
gesprochen. Söder hatte zuletzt mehrfach darauf verwiesen, dass das
Hygienekonzept auch vom Robert Koch-Institut geprüft werden müsste. Das RKI
hatte sich zuletzt kritisch gegenüber einem Bundesliga-Spielbetrieb gezeigt.
 
Selbst Uli Hoeneß hat Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler und
Finanzminister Olaf Scholz, dem bayerischen Ministerpräsident Markus Söder
sowie Gesundheitsminister Jens Spahn "einen sensationellen Job" bescheinigt
und war voll des Lobes für die restriktive Politik in diesen schweren
Zeiten. Er teile die "Meinung dieser Gruppe komplett, mit ihrer
zurückhaltenden Politik kann ich mich total identifizieren". Das sagte der
Ehrenpräsident des FC Bayern und übte auch Kritik hinsichtlich anderer
politischer Kurse: "Ich würde mich sehr freuen, wenn sich manche Öffnungs-
und Lockerungsfanatiker, die zurzeit in den Meinungsumfragen nicht so gut
abschneiden, etwas mehr zurücknehmen würden. Es kann nicht sein, dass für
eine oder zwei Wochen mehr Spaß auch nur ein einziger Mensch mehr stirbt.
Das kann keiner von uns verantworten." Auch Geisterspiele in der Bundesliga
hält Uli Hoeneß "grundsätzlich für fragwürdig". Für viele finanziell
angeschlagene Klubs sind sie aber „lebensnotwendig und bedingungslos“.
 
Als Fußball-Managerin fiebere ich natürlich den ersten Spielen entgegen, wie
auch viele Spieler, Trainer, Funktionäre und Fans. Ich kann es kaum
erwarten, dass wieder Fußball gespielt wird. Es ist eine schwere Zeit in
dieser Corona-Pandemie mit Ausgangsbeschränkungen und vielen Einschnitten in
unsere Grundrechte und in unsere Freiheit. Wir alle halten uns bestmöglich
an „stay home“ um die Verbreitung von Covid-19 einzudämmen. Und wir haben
nicht einmal den Fußball als Unterhaltung, Ablenkung und Gesprächsstoff.
Finanziell geht es der ganzen Branche ebenso so schlecht, wie fast allen
anderen Branchen in diesen Tagen. Vereine stehen vor dem finanziellen Ruin,
viele Mitarbeiter wurden auf Kurzarbeit gesetzt und andere gekündigt. Wir
sprechen hier von unzähligen Betreuern, Platzwarte, Zeugwarte, Büro- und
Marketingmitarbeitern mit normalen Bezügen. Aber alle haben nur die Spieler,
die Fußballmillionäre im Kopf, denen es auch in der Krise rosig geht.
 
Als Tochter einer weltbekannten Ärztedynastie, mit vielen Doktoren,
Professoren und Nobel Preisträgern habe ich aber nur die Gesundheit und das
Wohl der Menschen im Kopf. Wie Uli Hoeneß schon sagte, kann man kein Leben
für zwei Wochen Spaß oder eben auch Fußball auf das Spiel setzen. Es muss
weiterhin alles notwendige getan werden, dass sich möglichst wenige Menschen
infizieren und noch weniger Menschen sterben müssen. Alles andere ist in
diesen Tagen Nebensache.
 
Die Eindämmung der Verbreitung von Covid-19 und der bestmögliche Schutz der
Risikogruppen sollte an erster Stelle stehen. Natürlich müssen wir alle aber
auch an Lösungen für die Wirtschaft und ein schrittweises Wiederhochfahren
denken. Jedoch ist dabei eine Fairness, eine Gleichberechtigung und das
richtige Maß enorm wichtig. Es ist weder fair, noch der richtige Weg wenn
die Bundesliga wieder spielt, aber ein kleines Kind nicht alleine und mit
Abstand und Maske auf den Spielplatz darf. Die französische Ligue 1 hat die
Saison bereits beendet und Paris Saint Germain zum vorzeitigen Meister
gekürt.
 
 




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