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BUCH
„Den ständigen Erfolgsdruck möchte ich nicht noch einmal haben”
Isabella Müller-Reinhardt hat für ihr Buch „Mensch Trainer” zwölf spannende Begegnungen mit starken Trainerpersönlichkeiten aufgeschrieben. Von Giovanni Deriu

 

Buchcover: Mensch Trainer
Das Buchcover von „Mensch Trainer”

 
„Diese Zeit mit dem ständigen Erfolgsdruck möchte ich nicht noch einmal haben”, sagt Ottmar Hitzfeld. Und derjenige, der das in einem der zahlreichen Interviews für das sehr gelungene und interessante Buch, "Mensch Trainer", von Isabella Müller-Reinhardt sagte, ist Champions-League-Gewinner (mit Dortmund und den Bayern). Längst ist der Erfolgstrainer zufriedener Rentner und Privatier.
 
Dieser Satz von Hitzfeld sagt aber auch vieles über den Trainerberuf aus.
 
Die Journalistin und Autorin Isabella Müller-Reinhardt aus München, für deutsche und internationale Fernsehstationen tätig gewesen, hat elf weitere Trainer interviewt, eher, ungezwungen fernab vom Trubel gesprochen. Und bei den recht intensiven Gesprächen, öffneten sich die Fußballlehrer sehr – so, wie wohl selten zuvor.
 
So trifft dann der Buchtitel, „Mensch Trainer”, auch bestens all diese Miniporträts, fernab von der Taktik-Thematik und den Spielsystemen, stattdessen erfährt der interessierte Leser mehr über Psychologie und Philosophie, wie diese unterschiedlichen Trainer ihr Leben aber auch die Mannschaftsführung angehen.
 
Im Buch „Mensch Trainer” (was auch wie der Ausruf eines unzufriedenen Spielers klingt), im riva-Verlag erschienen, wird die menschliche Seite der Trainer beleuchtet.
 
Isabella Müller-Reinhardt traf sich unter anderem mit Ottmar Hitzfeld, Felix Magath, Imke Wübbenhorst, Friedhelm Funkel, Matthias Sammer und Marco Rose.ier Memerkenswert, dass von den im Buch vorgestellten zwölf immerhin vier ein Lehramtsstudium absolviert haben. Es gab natürlich noch viel mehr studierte Pädagogen und Oberstudienräte, so auch Volker Finke und der verstorbene Meistertrainer, Udo Lattek.
 
Außerdem sei auch anzumerken, dass im Buch mehrmals der Name, Ralf Rangnick, fällt, was auch beweist, welchen Eindruck der Sportdirektor von RB Leipzig (außerdem beim AC Milan im Gespräch), bei anderen Trainerkarrieren hinterlassen hat, und für wen er auch eine sehr entscheidende Person gewesen zu sein scheint.
 
Kein Sieger glaubt an Zufall - zitiert die Buchautorin gleich zu Beginn Friedrich Nietzsche.
 
Und bei Hitzfeld merkt man zumindest, dass hinter all seinen Erfolgen viel Arbeit, noch mehr Gedanken und Akribie steckten - fast bis zur Selbstaufgabe. Eine zeitlang, gibt die Autorin im Buch zu (und mir ging es damals genauso), fragte sie sich, ob Hitzfeld nicht erkrankt sei, damals beim FC Bayern, in Nahaufnahme sah der Lörracher vom Dreiländereck so ausgemergelt aus, ob er wohl einen Magen-Darm-Infekt, Schlafstörungen oder gar Schlimmeres hatte? Er wirkte angespannt und selten glücklich, schreibt Autorin Müller-Reinhardt.
 
Im Swissôtel in Basel, wo er zum Gespräch erscheint, wirkt er gelöst und entspannt, beim Cappuccino und Mineralwasser ist er zudem recht offen und zugänglich. Er lässt rückwirkend Einblicke in seine Trainerkarriere zu, die einen nachdenklich zurück lassen.
 
Wie seine Aussage zu Beginn, sagt Hitzfeld auch, „Ich habe mich selbst immer am meisten unter Druck gesetzt. Ich war stets mein größter Kritiker.” Er habe jedes Spiel gewinnen wollen. Hitzfeld gibt zu, fast nur für den Fußball gelebt, und seine Familie schon vernachlässigt zu haben.
 
Quasi 21 Jahre lang, 24 Stunden täglich nur Fußball im Kopf.
 
Nach der eigenen Fußballerkarriere wollte Hitzfeld eigentlich Mathelehrer werden. Als Fußballprofi hatte er 1973 das Lehrer-Staatsexamen in der Tasche. Doch irgendwann wollte das Schulamt 10 Jahre später eine Nachschulung, und das wollte Profi Hitzfeld wiederum nicht, er wurde Fußballtrainer.
 
Es folgten in der Schweiz, der SC Zug, FC Aarau, Grasshopper Zürich, und nach zwei gewonnenen Meisterschaften, wurde die Bundesliga hellhörig, und der Rest von Hitzfelds beispielloser Karriere mit den Bundesliga-Meisterschaften mit Dortmund und München, sowie die Champions-League-Trophäen, sind bekannt. Ein Vorbild vieler Trainer.
 
Schon nach den Erfolgen von Dortmund verspürte Hitzfeld einen enormen Erwartungsdruck, das war 1996. Eine kurze Auszeit nahm sich Hitzfeld dann als Sportdirektor beim BVB, doch das sei er auch nicht gewesen, so fern vom Sportplatz, am Schreibtisch.
 
Hitzfeld, das liest man im Buch, habe sich als Trainer total verausgabt, er wollte es allen Spielern recht machen. Quasi von der Nummer Eins bis zur 23. Und in einem Kader mit vielen Topspielern, wollen die Unzufriedenen immer wissen, weshalb sie nicht spielen.
 
Ottmar Hitzfeld, brauchte immer Verbündete unter den Spielern.
 
Obwohl Hitzfeld und die Bayern die Champions-League 2001 gegen Valencia gewannen, oder auch das Bundesliga-Double 2004 feierten, ein echtes Schockerlebnis war das Finale 1999 gegen ManU in Barcelona - 1:2 binnen 180 Sekunden. Ottmar Hitzfeld investierte danach alle Kraft (wie später Heynckes, nach der Pleite "Dahoam"), um noch stärker zurück zu kommen.
 
Das alles, trotz der zahlreichen Erfolge, hat wohl sehr an der Gesundheit gezehrt. Und im Buch gibt Hitzfeld auch offen zu, er sei ausgelaugt gewesen, ja, er hätte einen Burnout gehabt, und musste diesen damals auch noch geheimhalten. Er holte sich Hilfe. Das ist nun über 15 Jahre her.
 
Und was lernen wir vom Coach, Hitzfeld? Am Ende jedes Porträts, kommt ein graues Kästchen mit dem Kern der Philosophie.
 
Hitzfeld sei nah am Menschen dran, sie liegen ihm am Herzen. Ein respektvoller ehrlicher Umgang war Hitzfeld immer wichtig. Kritik nur in Kombination mit Verbesserungsvorschlägen.
 
Das Original Peter Neururer wiederum, so liest es sich im Buch, ist ein interessanter und amüsanter Gesprächspartner, der irgendwie immer unter Strom steht, sein Handy klingelt oder vibriert ständig. Neururer hat sich einen Namen als "Feuerwehrmann" für Clubs in Not gemacht. Und er hat schon einige gerettet.
 
Die Autorin ist schon verwundert, als Neururer von der Nutzung der so genannten "Soziometrie" berichtet. Und das seit Jahren.
 
Diese Soziometrie dient zur Erfassung von Gruppenstrukturen.
 
Als da wären zwei Fragen für die Spieler, zum Beispiel, mit welchen Spielern würdest du sofort ein Zimmer im Hotel teilen?
 
Oder, mit welchen Spielern würdest Du niemals in ein Zimmer gehen?
 
Skurrilerweise antworteten damals beim 1. FC Köln fast alle Spieler bei der zweiten Frage, mit Toni Polster - ausgerechnet der, der so viel Charme und Schmäh hatte?
 
Polster war immerhin Publikumsliebling und Goalgetter, Neururer entspannte die Situation.
 
Die Zeiten haben sich insgesamt gewandelt, 2001 noch, beim VfL Bochum, hatte Neururer nur einen Co-Trainer und den Mannschaftsarzt im Team. Als Neururer einen Torwarttrainer haben wollte, hielten sie ihn für verrückt. Heutzutage ist ein Team hinter dem Team, oft 15 bis 20 Mann groß.
 
Was gibt Neururer weiter?
 
Um Menschen voran zu bringen, sind klare und persönliche Ansagen wichtig. Jeder einzelne braucht individuelle Anweisungen und Hilfe. Eine Gruppe darf nie pauschal beurteilt oder kritisiert werden.
 
Robin Dutt dagegen, wir streifen ihn und seine Karriere nur kurz, meint, wer zwischen Gruppen nicht moderieren kann, verliert auch mit der besten Taktik und Fachwissen.
 
Anders als Hitzfeld mit einem Burnout, wirkt ein Robin Dutt von so einem, weit davon entfernt, er lässt den Profifußball nicht allzusehr an sich heran, denn er wird so zitiert, „Ich brauche das Rampenlicht nicht, um glücklich zu sein, daher war mir auch ein zweites Standbein immer wichtig...”, Dutt ist auch gelernter Industriekaufmann.
 
Beim SC Freiburg feierte Dutt Aufstiegserfolge, danach, obwohl bekannt für einen attraktiven Fußball, war Dutt weniger erfolgreich. Auch Dutt kennt andere Perspektiven, als Sportdirektor zum Beispiel, oder DFB-Funktionär. Auch nach einer 0:4- Pleite könne Dutt unter Freunden gut abschalten. Das ist auch eine Kunst.
 
Einer, der zwar nicht emotionslos, aber seine Emotionen zu den Spielern immer zu reduzieren versuchte, ist Felix Magath.
 
Sei man zu nah an den Spielern dran, würde man wohl zu viele Fehlentscheidungen treffen, also weniger anhand von Leistung und Fakten aufstellen.
 
Medizinbälle, Quälix, oder den "Hügel der Leiden", aufgeschüttet in Wolfsburg, für die bessere Fitness und Kondition. Irgendwo in der Mitte liegt wohl die Wahrheit - oder auf dem Hügel, der heute noch genutzt wird.
 
Meister mit Wolfsburg, nachdem er von den Bayern trotz zwei Doublesiegen in Folge, gehen musste.
 
Magath ein Profi durch und durch, meint, dass nur die Siege am schönsten seien, bei denen man sich selbst besiegt. Dabei wachse man als Persönlichkeit am meisten. Und diese Aussage sagt viel über Magath, ehemaliger Nationalspieler, aus, der allein, bei seiner Mutter, ohne Vater, aufgewachsen ist.
 
Verrückt auch, und die Story stimmt sogar, dass Magath auf die Meisterschaftsprämie beim VfL Wolfsburg, einem Bentley im Wert von 250 000 Euro verzichtete, er wollte stattdessen lieber sechs VW-Busse, die er wohltätigen Stiftungen und sozialen Institutionen zukommen ließ.
 
Magaths Tipp? Nur wer bereit ist, gegen sich selbst zu gewinnen, gewinnt auch gegen andere. Magath will bei Menschen den Ehrgeiz wecken. Sie sollen über sich hinauswachsen. Das wiederum stärkt die Persönlichkeit.
 
Diese Persönlichkeit hat sicher auch die einzige Fußballlehrerin im Buch, Imke Wübbenhorst, denn, sich allein unter Männern, auch bei der Fußballlehrer-Ausbildung zu behaupten und den sicheren Lehrerberuf zu unterbrechen, sagt schon viel über sie und ihren Willen aus. Es gehe nur über Leistung. Geschafft habe man es, wenn man nicht mehr als Frau, sondern als Mensch wahrgenommen werde.
 
Mirko Slomka wird im Buch als Psychologe tituliert, und wahrscheinlich wird man aber auch deshalb aus dem Pädagogen und ambitionierten Skilehrer nicht so recht schlau. Slomka gilt als Quereinsteiger im Fußball. Auch Slomka setzt, ähnlich wie Neururer, auf eine Art Soziogramm, aber eher einen Psychotest bei den Spielern.
 
Um die 128 Fragen sind es, die danach viel über die Spieler und deren Motive aussagen sollen.
 
Trainer Slomka, derzeit vereinslos, legt gern Dinge für die Spieler fest, nach eingehender Analyse. Die Elfmeterschützen im Champions-League-Achtelfinale gegen Porto, mit dem der FC Schalke das Viertelfinale gegen Barcelona erreichte; legte er fest. Das war 2008. Lang ist's her.
 
Über die Juniorenschiene bei Hannover 96 rutschte Slomka nach oben.
 
Slomkas wunder Punkt ist die Geschichte und etwas abgeflaute Freundschaft zu Ralf Rangnick. Der Schwabe Rangnick machte Slomka zum Co-Trainer. Eine sehr intensive Zeit und Freundschaft verband beide in Hannover, und dann erst Recht als "Fremde" in Gelsenkirchen auf Schalke.
 
Viel gelernt habe Slomka von Rangnick, nicht nur sportlich, nein, auch menschlich.
 
Dass es leider nimmer so ist, wie Slomka der Autorin gegenüber fast wehmütig erzählt, hat seinen Grund, und wir möchten nicht vorweg greifen. Schon deshalb lohnt sich der Kauf des Buches.
 
Mirko Slomka konnte nach Schalke irgendwie nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Ist er vielleicht gar ein zu smarter Trainer, der es allen Recht machen will, allen gefallen möchte?
 
Slomka ist überzeugt, Erfolg ist auch eine Frage der Psychologie. Um Menschen zu motivieren, ist es für Slomka wichtig zu wissen, wofür Menschen brennen. Jeder Mensch hat ein Motiv, das ihn beruflich antreibt - und das gilt es herauszufinden.
 
Man darf sich aber auch fragen, wie viel aus dem Rangnick-Fundus steckt noch in Slomka?
 
Dass Matthias Sammer im Buch als Stratege beschrieben wird, passt total, und gibt auch seine sportliche Vita her. Sammer wusste sich immer richtig einzuschätzen. Als Trainer-Novize bat er offen um Hilfe in Dortmund, um den BVB vorm Abstieg zu bewahren und schaffte es gemeinsam mit Udo Lattek. Später gewann Sammer die Meisterschaft als jüngster Trainer allein.
 
Sammers größte Meisterleistung vollbrachte der ostdeutsche Sportler beim DFB, wo er für neue Strukturen der Talentförderung sorgte. Oder genauso seine Tätigkeit als Sportvorstand beim FC Bayern, zwischen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge.
 
Sammer war wohl der professionelle Katalysator, erst arbeitete er mit Heynckes und danach mit Pep Guardiola zusammen, entlastete die Trainer und die Spieler, damit die sich aufs Wesentliche, den Erfolg, konzentrieren konnten.
 
Auch Sammer ging bis an seine Grenzen, und ähnlich wie bei Hitzfeld, der auch Sammers Trainer gewesen ist, schlug die Gesundheit Alarm. Ein kleiner Schlaganfall bremste Sammer etwas aus. Doch er hat sich vollständig erholt, setzte danach andere Prioritäten und auf Erholung, und arbeitet jetzt als Berater des Borussen-Vorstands im Hintergrund.
 
Was die wichtigsten Eigenschaften sind, die ein Trainer besitzen müsse?
„Natürliche Autorität, fachliche Qualität, und Führungsqualitäten - und es ist gut, wenn er weiß, wie Erfolg riecht”, antwortet Sammer.
 
Zum Schluss, wie ein Trainer müssen Vorgesetzte die Fähigkeiten jedes Einzelnen erkennen, und ihn auf seiner Position stärken und fördern. Das ist Sammers Überzeugung.
 
Mönchengladbachs neuer Trainer, Marco Rose, wurde bei RB Salzburg quasi sozialisiert, was das Erfolgsdenken und Spielsystem betrifft. Rose gewann mit den RB-Junioren viel, u. a. die UEFA Youth-League mit der U18, später Meisterschaften mit den Herren in Österreich. Rose schaffte es mit RB ins Europa-League-Halbfinale, und schaltete davor Clubs wie Dortmund und Lazio Rom aus, und sein Team spielte mutig offensiv.
 
Rose, der ein relaxter und ruhiger Zeitgenosse ist, war selbst ein mittelmäßiger aber willensstarker Profi - und, er durfte unter Klopp in Mainz und auch unter Ralf Rangnick in Hannover spielen.
 
Wieder der Name, Ralf Rangnick. Wie ein (Polter-)Geist schwirrt er durchs Buch, den Raum und die Zeit, positiv natürlich.
 
Marco Rose ist zwar er selbst, doch bei solch guten Trainern, kann er sicher das eine oder andere abgeschaut haben.
 
Marco Rose meint, Respekt untereinander, ein gemeinsames Ziel und Ehrgeiz sind der Schlüssel zum Erfolg.
 
Und dieses Buch auf jeden Fall ein Muss für jede Sportler- und Fanbibliothek.
 
 
RUND-Autor Giovanni Deriu beschreibt und analysiert Biografien. 


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