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ITALIEN
Ralf Rangnick und eine verpasste Chance
Der Bewunderer von Arrigo Sacchi wechselt nicht zum AC Mailand. Das hat viel mit falschem Stolz in Italien zu tun, von einem deutschen Fußballlehrer zu profitieren. Von Giovanni Deriu

 

Ralf Rangnick
Lange beim AC Mailand im Gespräch: Ralf Rangnick. Foto Gianni Occhipinti

 
Im Schatten der Pandemie, werden in Italien eher so beiläufig, wie auf einer ziellosen passeggiata, einem "Flaniergang", zwei überaus interessante deutsche Personalien diskutiert. Ja, richtig gehört, es geht um zwei deutsche Staatsbürger, die in Italien durchaus sehr wichtige und gut dotierte Posten bald hätten inne haben können.
 
In den meisten Diskussionen einigt man sich jedoch schnell darauf, dass man es als Italiener doch selbst besser hinbekommen würde. Um wen es dabei geht?
 
Nun, beide beginnen in ihrem Familiennamen mit dem Buchstaben, "R".
 
Der eine ist ein europaweit anerkannter Fußballfachmann des modernen und offensiven Spiels, das für viele Trainer auch als Schablone gilt, doch wie man diese Spielweise tatsächlich trainiert, und vor allem, welche Spieler und auch (unbekannte) Talente dafür notwendig sind, das weiß nur er, der „Professor“, wie er sich selbst zwar nie bezeichnen würde, Ralf Rangnick. Bis vor kurzem wurde er ganz heiß für den italienischen Traditionsverein, den AC Milan, gehandelt. Die glorreichen Zeiten Ende der 80er und zu Beginn der 90er, mit vielen Trophäen und einem atemberaubenden Angriffsfußball, gehören längst der Rubrik "tempi passati" an. Doch ausgerechnet ein Deutscher, eben Rangnick, kennt die DNA Milans, der Rossoneri?
 
Wechseln wir kurz zur anderen Personalie, die zwar leise aber nicht minder heiß diskutiert wird, und ebenfalls wie erwähnt, mit dem "Errr" im Namen beginnt, und sie ist weiblich, sehr erfahren als Journalistin, Autorin, sowie Beobachterin und ja, Feldforscherin vor Ort, in Italien, dazu noch in der Touristenhochburg und wohl der romantischten, sowie sagenumwobendsten Stadt, nämlich Venezia, Venedig. Und es ist, Petra Reski, 62 Jahre alt, wie Ralf Rangnick.
 
Die gebürtige Westfälin Reski, Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule, schickt sich an, im September, also in wenigen Monaten, Venedigs erster weibliche Bürgermeister zu werden. Dazu müsste sie den parteilosen Luigi Brugnaro ablösen, und quasi alte Männerseilschaften wie alte Zöpfe abschneiden. Nur so könnte sie Bürgermeisterin von Venedig werden, eine, nein, die erste Sindaca.
 
Was Petra Reski dafür qualifiziert? Nun, Liebe und Hingabe zum Land, den Leuten, und der morbiden Karnevalshochburg Venedig, in der sie bereits seit 1991 lebt. Verheiratet mit einem echten Venezianer, dem Modeunternehmer, Lino Lando. Außerdem ist "La Reski" journalistisch mit allen Wassern gewaschen - die mehrmals prämierte Autorin glänzt mit Reisereportagen zu Venezia, aber hat sich auch einen Namen als Mafia-Expertin in Italien und Deutschland gemacht.
 
Ihr Programm für Venedig, mit dem sie ihren Wahlkampf gestaltet, zeigt neue Wege auf, und das nicht erst seit der Covid19-Pandemie, wie Venedig tatsächlich nachhaltig überleben, den regelmäßigen Hochwasseraufkommen und Schäden trotzen und dennoch den Tourismus zwar etwas eingeschränkter, aber besser steuern könne.
 
Vom Tourismus lebt nämlich die Stadt, und die gesamte Region. Das weiß Reporterin Reski, und meint dennoch, um Venedig zu retten und lebenswert zu erhalten, müsse auch über Tabus gesprochen werden. Ein Thema sind zum Beispiel die zahlreichen Kreuzfahrtschiffe, die viel zu nah an die Lagunenstadt herandürften und viel zu viele Passagiere im Monat und oft pro Tag, ans Land entließen. Damit einhergehend die Umweltverschmutzung und Wasserbelastung. Durch den Tourismusstopp während Corona, blieben leider die Gäste weg, die Hotellerie und Gastroszene stöhnt laut auf, dafür hat sich die Natur und das Wasser etwas regeneriert.
 
Petra Reski ist sicher keine Umweltschutz-Dogmatin, aber, es müsse ein Mittelweg zum Wohle aller Bürger her. Auch Angst vor Einschüchterungen, ein weiterer Vorteil, hat Petra Reski nicht, ist sie als Journalistin bereits Gerichtsprozess erprobt, denn wer sich mit der Mafia und ihren Komplizen anlegt, muss mit Gegenreaktionen rechnen.
 
Es dürfte daher schwer werden für die Deutsche, die nun mehr Venezianerin ist, den Chefsessel in der Stadtverwaltung von Venedig zu besetzen. Aber, nichts ist derzeit unmöglich, und auch Petra Reski hat eine Gefolgschaft und Fangemeinde unter den Bürgern Venedigs.
 
Als der AC Milan beim deutschen Fußballlehrer Ralf Rangnick anklopfte, war der Schwabe aus Backnang natürlich sofort Feuer und Flamme. Der sachliche wie umtriebige Fußballtrainer, momentan wieder in der Rolle als Sportdirektor, hatte als junger angehender Spitzentrainer den AC Milan des revolutionären Trainers, Arrigo Sacchi (Erfinder oder Perfektionist der Viererkette) quasi studiert.
 
Auch dem AC Mailand also, der Vorstandsriege, war Rangnicks Weg, einst bei Hoffenheim und Schalke, und danach beim RB Leipzig natürlich nicht entgangen. Vor allem mit welcher Spielweise die Clubs von Rangnick glänzten. Man kann sagen, mit Hoffenheim, Schalke und Leipzig, hat der 62-jährige Coach gezeigt, wie man Erfolge strukturiert und gut bis in die Tiefe analysierend, planen kann.
 
Ralf Rangnick perfektionierte das Pressing und Spiel gegen den Ball, weil er es verstand, die Eindrücke und Erlebnisse seiner Beoachtungen (teilweise auch stundenlang am Fernseher) des AC Milan von Arrigo Sacchi in den späten 80ern zuerst auf den Amateurfußball (SSV Ulm) herunterzubrechen, um ihn dann später noch besser in der Bundesliga zu praktizieren.
 
Mehrmals gab Rangnick zu, dass das Milan-Team als Schablone galt, ebenso Zdenek Zemans US Foggia. Die schaute sich Rangnick während seines Urlaubs in Südtirol im Trainingslager an. Rangnick kopierte vieles von Arrigo Sacchi, und schon war das Märchen der TSG 1899 Hoffenheim damals geboren. Ganze Heerscharen angehender Trainer aus Japan und China wollten Rangnicks Wunder-System in Sinsheim hautnah miterleben.
 
Nun also steht auch das Milan-Lab, einer Art sportwissenschaftliches Labor seit Jahren, nur der Erfolg blien aus. Das "Lab" hatte doch nur auf Rangnick gewartet.
Stattdessen, der Deutsche setzte alles auf eine Karte, für den Start einer neuen Ära wollte Rangnick die Zusage, Trainer und Sportmanager in Personalunion sein zu dürfen - also wie bisher auch, für die Kaderplanung absolut verantwortlich zu sein, um sein neues Milan, ganz unabhängig von Spielerberatern, die in Italien oft zu mächtig sind und viel hinein reden möchten.
 
Der AC Milan dümpelt stets im Mittelfeld umher, wie die Gondolieri im Kanal von Venedig, und die Teilnahme an der Europa-League, wäre schon ein Erfolg, Sechster sind die Rotschwarzen aus Mailand derzeit, hinter dem Stadtkonkurrenten Inter. Das nagt natürlich. Silvio Berlusconi kümmert sich mehr um die Politik, und fungiert nur noch als Ehrenpräsident und Edelfan im Hintergrund.
 
Dennoch spielt beim AC Mailand die "famiglia", ein Netzwerk alt verdienter Spieler, die nun allesamt im Trainer- oder Funktionärsstab sind, eine große Rolle.
 
Als Trainer Stefano Pioli nach der Pandemiepause eine kleine Siegesserie gegen ein paar Clubs startete, darunter auch einen Rückstand gegen Juventus in einen Sieg umwandelte, ohne jedoch über 90 Minuten zu überzeugen, zeigten sich die ersten Heckenschützen gegen Ralf Rangnick, sie stänkerten, darunter auch Paolo Maldini, einst der weltbeste Verteidiger, jetzt Sportdirektor, immerhin etwas dezenter als der alternde Spieler, Zlatan Ibrahimovic, der großkotzig meinte: „Chi è Rangnick“, wer ist Rangnick?
 
Gegen solche Stimmen haben auch Rangnick-Befürworter kaum eine Chance im Club.
 
Ich, als Juventus-Sympathisant, aber auch als RUND-Autor generell, der das schöne Spiel liebt, freue mich zwar für Juventus, dass Rangnick die alte Dame Juve nicht attackieren kann, für Milan und den italienischen Fußball bedauere ich es aber. Von Ralf Rangnick wären ganz neue Impulse längst vergangener Tage ausgegangen.
 
Da steht einmal mehr der falsche italienische Stolz für Erneuerungen im Weg.
 
Coach Ralf Rangnick hat nun selbst den Dampf vom Kessel genommen, und erklärt, unter diesen Umständen wolle auch er nicht.
 
Die Kandidatin um den Bürgermeisterposten in Venedig, Petra Reski dagegen, bleibt noch am Ball, und versucht ihre Gegner ins Abseits laufen zu lassen.
 
Im September weiß man mehr.

 




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