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SPANIEN
Ein Weltpokalsieger sieht Rot
Dreimal gewann Victor Valdes mit dem FC Barcelona die Champions League. Nun ist er Trainer des Vorstadtklubs Union Atletica Horta in der Tercera Division. Davon wird mit Ezequiel Muth auch der zweite Keeper mit deutschem Pass im Großraum Barcelona profitieren. Von Dirk Segbers, Barcelona.

 

Der Kader der Union Atletica Horta Der Kader der Union Atletica Horta mit Trainer Victor Valdes, der mit schwarzer Maske zwischen seinen beiden Torleuten Diego García (links) und Ezequiel Muth steht.

 

Dem Coach der Union Atletica Horta wird es langsam zu bunt. Im ersten Testspiel seiner Mannschaft Ende September langt der Gegner aus Vilafranca deutlich zu hart hin. So zumindest die Meinung des Trainers, die er auch dem Unparteiischen gegenüber lauthals kundtut. „Das ist Foul, das weißt du genau. Ihr lasst viel zu viel durchgehen!“ Sein Team aus der Tercera Division, das ist die vierthöchste Spielklasse in Spanien, ist gerade erst in die Vorbereitung gestartet nach der Coronapause.

Erst wurden im März die Saison bis hinauf in die dritte Liga abgebrochen, danach sorgten die von der Zentralregierung verhängte Ausgangssperre und die allgemeine Pandemie-Lage dafür, dass an Fußball nicht zu denken war. Sicherlich will der Trainer, der erst im Mai sein Amt beim Vorstadtklub in Barcelona angetreten hat, seine Spieler behutsam an die Belastung gewöhnen und Verletzungen vermeiden. Das kümmert den jungen Schiedsrichter jedoch nicht, schließlich hat er den glatzköpfigen Enddreißiger mit der beeindruckenden Statur bereits vor einigen Minuten ermahnt. Er zückt den roten Karton und beschert sich damit eine Anekdote, die er noch seinen Enkeln erzählen kann. Einen Welt- und Europameister verbannt man schließlich nicht alle Tage auf die Tribüne. Victor Valdes, ehemaliger Tormann und Vereinsikone des FC Barcelona, nimmt es einigermaßen gelassen auf. Der Schiri muss ihn nach einer Minute noch mal daran erinnern, den Platz doch endlich zu verlassen. Vielleicht ist es gerade diese raue und authentische, aber dennoch entspannte Atmosphäre, die Valdés in die Viertklassigkeit gelockt hat. Nach dem Abpfiff wendet er sich versöhnlich an die Unparteiischen, sie gehen gemeinsam in Richtung Kabinen.


 

Momentan noch die vierthöchste Spielklasse, wird die Tercera Division ab der Saison 2021/2022 dasselbe Schicksal ereilen wie zum Beispiel die Regional- und Oberligen in Deutschland im Jahr 2008. Durch die Einführung einer neuen vollprofessionellen dritten Liga verschiebt sich das Liga-Gefüge um eins nach unten: Aus der vierten wird die fünfte Liga, der Name Tercera Division (Dritte Division) bleibt jedoch bestehen, und er erhält somit seine Logik zurück, die er durch die Einführung der Segunda Division B als dritthöchste Spielklasse im Jahr 1977 eingebüßt hatte: Die beiden höchsten Spielklassen sind die Primera und Segunda Division unter dem Dach von La Liga, darunter folgen die Primera, Segunda und Tercera Division RFEF – hier ist der spanische Fußballverband federführend.

Zunächst dürfen sich die Anhänger des unterklassigen Fußballs aber auf den Saisonstart an diesem Wochenende freuen. Je nach lokaler Pandemie-Situation möglicherweise sogar als Zuschauer direkt vor Ort. Falls es dadurch zu Ticketeinnahmen kommt, dürften diese die Corona-bedingten Finanzsorgen der Klubs jedoch kaum lindern. Schon eher die langsam, aber stetig professioneller werdende TV-Vermarktung. Der Streamingdienst Footters, eigens für die Übertragung unterklassiger Partien gegründet, zeigt ausgewählte Spiele der Tercera Division live. In Ermangelung einer zentralen Vermarktung schuf das andalusische Startup, das von einer Investorengruppe um einen niederländischen Angel-Investor und mehrere Ex-Profis unterstützt wird, ein eigenes Verteilungssystem nach dem Revenue-Share-Prinzip. Die Klubs können sich für Übertragungen bei Footters registrieren und im Gegenzug erhalten sie einen garantierten Fixbetrag pro Saison. Wie viel Geld über diesen Betrag hinaus an die Klubs fließt, das entscheiden die Fans: Jedes Abonnement wird auf einen Klub abgeschlossen, je mehr Abonnements pro Klub, desto mehr Geld fließt an den Lieblingsverein.

Ein System, das bei vielen Anhängern Zuspruch findet, besonders bei Vereinen mit breiter Fanbasis, die sich nicht im Einzugsgebiet höherklassiger Klubs befinden. Unter den fast 400 Mannschaften in 18 Gruppen, die diese Saison in der Tercera an den Start gehen, befinden sich jedoch nicht wenige, die sich zwar über den Fixbetrag vonseiten Footters freuen, aber aufgrund einer kleinen Fanbasis nur wenige Zusatzeinnahmen durch Abonnements generieren. Victor Valdes‘ neuer Verein dürfte als Randerscheinung im Fußballpanorama der Metropole Barcelona dazugehören. Es steht zu befürchten, dass die Schere zwischen Großen und Kleinen weiter auseinandergeht. Die schöne neue Fußball-Welt bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg bis in den Amateurfußball.

 

Gianluca Simeone will beim CD Ibiza auf sich aufmerksam machen

 

Kritik hin oder her, einen prominenten Abonnenten dürfte Footters diese Saison sicher haben. Der Beitrag von Diego Simeone, Trainer von Atletico Madrid in seiner mittlerweile zehnten Saison, fließt dabei aller Wahrscheinlichkeit nach an den CD Ibiza. Dort steht seit Saisonbeginn sein Filius Gianluca unter Vertrag. Es ist bereits dessen zweiter Verein in der vierten spanischen Liga, nachdem sein argentinischer Heimatverein Gimnasia y Esgrima La Plata, der von Diego Maradona trainiert wird, ihn vergangene Saison an den CF San Rafael verliehen hatte. Dort erzielte der flinke Stürmer, der laut eigener Aussage genauso viel Biss hat wie sein berühmter Vater, beachtliche 13 Treffer. Sollte er diese Leistung auf Ibiza bestätigen, ist es mit seinen mittlerweile 22 Jahren vielleicht noch nicht zu spät, jenseits der Viertklassigkeit die große Karriere zu starten.

Dass das schnelle Geld im Profi-Fußball nicht für jedermann das Wichtigste ist, davon profitiert in dieser Saison Real Avila. Zugang Manuel Sanchez stand bis vergangene Saison noch beim FC Elche in der zweiten Liga unter Vertrag und musste am Saisonende dort sehr lange bangen, bis feststand, dass sein Team an den Playoffs zur Primera División teilnehmen durfte. Grund für die Verzögerung waren mehrere Coronafälle, die vor dem letzten Saisonspiel beim bis dahin Tabellensechsten CF Fuenlabrada diagnostiziert wurden. Das daraufhin abgesagte Spiel gegen den bereits als Absteiger feststehenden Deportivo La Coruna fand erst 18 Tage später statt und endete mit einer überraschenden Niederlage für Fuenlabrada, das den sechsten Tabellenrang an Elche abtreten musste. In den anschließenden Playoffs setzte sich Elche etwas überraschend durch und tritt diese Saison in der Primera Division an. Sehr gern hätte man dabei auf die Dienste von Manuel Sanchez gezählt – ein entsprechendes Vertragsangebot für die erste Liga lag ihm vor. Dieser hatte jedoch einen Platz an einer Polizeischule ergattert und dient in Zukunft lieber dem Staat als La Liga. Da sein Ausbildungsort Avila heißt und der Aufwand beim örtlichen Vierligisten mit dem der Schule zu vereinbaren ist, freut man sich bei Real Avila über einen echten Hochkaräter als Neuzugang.

Einen nicht so hochkarätigen, aber nicht weniger interessanten neuen Spieler in seinen Reihen hat auch Victor Valdes. Ezequiel Muth ist nach Marc-André Ter Stegen der zweite deutsche Torhüter im Großraum Barcelona. Der Argentinier mit deutschem Pass verließ nach der Jugend seinen Stammverein River Plate und versuchte sein Glück in Spanien. Als er dort seine Anstellung bei einem Klub in der fünften Liga verlor, erlangte er kurzzeitig Berühmtheit in der Sportpresse, weil er per Twitter einen neuen Verein suchte. Nach einer Zwischenstation in Gibraltar ist er bei Torsteher-Legende Valdes gelandet und begibt sich somit in erfahrene Hände. Bleibt zu hoffen, dass der neue Coach von Union Atletica Horta seine ganze Aufmerksamkeit künftig der Talententwicklung widmet – und nicht den Schiedsrichtern. Dann klappt’s für den erst 21-jährigen Ezequiel Muth vielleicht auch ganz ohne die Hilfe sozialer Netzwerke mit einem höherklassigen Verein.

 



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