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DEFENSIVES MITTELFELD
Let’s talk about sechs
Die Nummer sechs hat sich seit einem guten Jahrzehnt immer mehr zur zentralen Figur auf dem Platz entwickelt. Er ist für die Organisation der Defensive und nach Ballgewinn für den schnellen Aufbau des eigenen Angriffs zuständig. Von Malte Oberschelp

Bastian Schweinsteiger
Stratege: Bastian Schweinsteiger. Foto Pixathlon


Das WM-Aus 2006 besorgte kein Weltklassestürmer und auch kein klassischer Spielmacher. Als Arne Friedrich in der Verlängerung den letzten italienischen Eckball nicht weit genug aus der Gefahrenzone beförderte, fiel der Ball wieder einmal dorthin, wo Andrea Pirlo stand. Er hätte schießen können. Das dachten auch die vier deutschen Spieler, die sich auf ihn zu bewegten; unter anderem Bastian Schweinsteiger, zuvor noch an der Seite von Fabio Grosso. Doch Pirlo schoss nicht. Er lief parallel zum Strafraum, schirmte den Ball ab und schob ihn, ohne überhaupt hinzusehen, zu Grosso in die Tiefe. Keiner der vier Deutschen hatte ihn hindern können. Zwei Sekunden später war es still im Dortmunder WM-Stadion.

Andrea Pirlo trägt im Nationaltrikot und beim AC Milan die 21, aber auf dem Spielfeld ist er eine Nummer sechs: der defensive Mittelfeldspieler. Seit vielen Jahren nennen Trainer diese Position den Sechser. Im Ursystem 2-3-5 bekam der linke Läufer die Nummer, dann rückte er nach innen, weil der Mittelläufer und spätere Libero in die Abwehr zurückging und sich auch der rechte Läufer mit der Nummer vier nach hinten verabschiedete – als Vorstopper.

Lange Zeit war der Sechser fußballerisch limitiert. Er sollte Bälle ablaufen und Zweikämpfe gewinnen. Das Kreative besorgten die offensiven Mittelfeldspieler. Wenn man sich alte Fußballspiele bis in die 80er Jahre anschaut, lässt sich diese Arbeitsteilung noch beobachten. Ist der Ball im defensiven Mittelfeld erobert, holt ihn sich der Spielmacher ab. Die Nummer sechs hielt dem Spieler den Rücken frei, der darauf die Nummer zehn spazieren trug.

Inzwischen ist die Kreativität vor der Abwehr angekommen, weil das Spiel schneller geworden ist. Kein Sechser kann es sich mehr leisten, den Ball einfach nur irgendwo abzuliefern. Er muss das Spiel nach der Balleroberung selbst eröffnen können, weil die aufgerückte gegnerische Defensive sonst genügend Zeit hätte, alle Anspielstationen wieder zuzustellen. Die Schaltzentrale des modernen Fußballs liegt im defensiven Mittelfeld. Um einen außergewöhnlichen Spieler dort lässt sich eine ganze Mannschaft konstruieren – wie bei den jungen Wilden in Stuttgart, deren Zentralnervensystem Zvonimir Soldo war. Andrea Pirlo ist da nur der aktuellste Grund, warum Trainer die Nummer sechs als die wichtigste Position überhaupt bezeichnen.

„Pirlo agiert fast schon wie ein Spielmacher“, sagt Jupp Heynckes. Der Gladbacher Coach hat während seiner langen Karriere in Deutschland, Spanien und Portugal die unterschiedlichsten Spielertypen auf der Sechserposition trainiert. Am meisten beeindruckt hat ihn der Akteur, der den Wandel der Position wie kein zweiter verkörperte: Fernando Redondo. Bei der WM 1994 interpretierte der Argentinier seine Rolle mit klugem Passspiel so elegant und effektiv, dass die Fachwelt aufhorchte. Vier Jahre später war er der Schlüsselspieler in der Mannschaft von Real Madrid, die Heynckes zum Gewinn der Champions League führte.

„Redondo war laufstark, sehr ballsicher, sehr variabel in seinen Mitteln und besaß vor allem eine Spielvision, die einzigartig war“, sagt Heynckes über den Prototypen des defensiven Mittelfeldspielers. „Er hat das ganze Spielfeld vor sich gehabt und jeden Winkel des Platzes gesehen.“ Redondo machte das Spiel schnell oder nahm im richtigen Moment das Tempo heraus. Wenn es die Spielsituation ermöglichte, schaltete er sich mit in die Offensive ein. „Aber er ist immer wieder rechtzeitig zurückgegangen“, erzählt Heynckes. „Das Wichtigste an dieser Position ist, dass sie immer besetzt ist, wenn der Gegner in Ballbesitz ist.“

Im argentinischen Fußball ist es seit langem üblich, die Sechs defensiv diszipliniert, aber mit Blick nach vorne zu spielen. In Deutschland lautet die Stellenbeschreibung der Position meist „Staubsauger“ oder „Abfangjäger vor der Abwehr“ – rein defensive Bilder. Während Redondo unter Heynckes brillierte, spielten in der deutschen Nationalelf Spielertypen wie Dietmar Hamann und Jens Jeremies. „Die Nummer sechs hat im deutschen Fußball keine Tradition, sie ist nicht so markant“, sagt Heynckes. „Wir haben da keine kreativen Spieler – das ist ein Manko.“

Nicht umsonst hatte Jürgen Klinsmann Probleme, für die Nationalelf einen Sechser auf höchstem Niveau zu finden. Er stellte Torsten Frings vor die Abwehr und später Michael Ballack an seine Seite, weil Frings im Verein meist die rechte Halbposition in der Raute spielt und eher ein dynamischer als strategischer Typ ist. „Frings hat seine Rolle auf Grund seiner Charakteristika gut interpretiert“, meint Heynckes. Er wünscht sich aber auch, „dass der Sechser noch etwas kreativer ist und mehr fußballerische Potenz hat – das wäre der Idealfall“.

Einen solchen Topspezialisten gibt es in Deutschland nicht. Branchenführer Bayern besetzte die Position vergangene Saison mit einem Akteur, der eigentlich als Innenverteidiger gekauft worden war: Martin Demichelis. Deshalb ist er „einen Tick mehr Defensivspieler“, wie Heynckes sagt. Die Alternative heißt Owen Hargreaves, der laufstark und giftig im Zweikampf agiert, aber seine Stärken ebenso im Spiel gegen den Ball hat. In Bremen gab meist Frank Baumann den Sechser in der Raute: „Ein solider Ballverteiler und guter Kopfballspieler“, urteilt Heynckes, „aber kein Spiellenker wie Redondo.“ Beim HSV rochierten im Laufe der Saison Raphael Wicky, Nigel de Jong und Guy Demel. Fabian Ernst wiederum hat sein Bremer Niveau noch nicht nach Schalke überführen können.

Die defensive Ausrichtung der Sechs in den deutschen Klubteams allein dem Kapitel Reformbedarf zuzuschlagen, greift jedoch zu kurz. Es kommt auf die Mischung an. „Wenn wie bei Werder so viele Spieler offensiv ausgerichtet sind, dann muss ich auf der Sechs einen defensiv orientierten Spieler haben“, so Heynckes. Gleiches gilt für den FC Bayern. Bei der italienischen Weltmeistermannschaft war es gerade andersherum. Weil Marcello Lippi auf die Außenbahnen Spieler stellte, die viel nach hinten arbeiteten, konnte er sich zentral defensiv einen Mann wie Pirlo leisten. Der begann seine Laufbahn übrigens als offensiver Mittelfeldspieler, bevor Milan-Trainer Ancelotti ihn zurückzog.

Dazu kommt, dass Pirlo ist im defensiven Mittelfeld nicht allein ist. „Ohne einen Gennaro Gattuso kann man auf der Position nicht mit Pirlo spielen“, sagt Heynckes. Das italienische Team bestätigte den Trend zur so genannten Doppelsechs mit zwei Spielern im defensiven Mittelfeld, wie er sich im internationalen Fußball immer stärker durchsetzt. Mit zwei destruktiv veranlagten Typen gibt es die taktische Konstruktion schon lange. Neu ist, dass manche Trainer die Doppelsechs mit einem Zerstörer und einem verkappten Spielmacher variieren – Gattuso und Pirlo bei den Italienern oder Makelele und Vieira bei den Franzosen waren bei der WM das beste Beispiel.

Jupp Heynckes empfiehlt seinen Sechsern seit jeher, sich an den Topspielern zu orientieren. „Wenn Redondo attackiert wurde, hat er den Ball prallen lassen oder angenommen und zur anderen Seite mitgenommen“, sagt er. „Auf dieser Position muss man sehr oft direkt spielen, das machen alle großen Spieler.“ Dazu aber bedarf es einer Technik, wie sie in der Bundesliga selten ist. Ein Ballverlust im defensiven Mittelfeld führt schnell zum Gegentor.

„Man kann auf dieser Position so viel lernen, wenn die Veranlagung da ist“, meint Heynckes. Einen der viel versprechenden jungen Spieler hat er in seiner Mannschaft: Eugen Polanski, 20, könnte langfristig die Probleme der Borussia im defensiven Mittelfeld beheben. Der 24-jährige Simon Rolfes hat – häufig als offensiver Part in der Doppelsechs mit Carsten Ramelow – in Leverkusen den Durchbruch geschafft und war dabei äußerst torgefährlich.

Es sollte den deutschen Nachwuchs trösten, dass selbst ein Weltklasse-Sechser wie Didier Deschamps nicht vom Himmel gefallen ist. „Als ich zu Juventus Turin kam, war ich nur ein Zerstörer. Als ich den Klub verließ, war ich ein versierter Schneider, der nähte und webte“, hat der Weltmeister und neue Juve-Trainer über seine Zeit in Italien gesagt. Jupp Heynckes kann das nur bestätigen. Für ihn ist der späte Deschamps „ein Künstler des Direktspiels“.



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