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TRAININGSHOSE
Helmut Schulte: Danke für die Hose, Langer!
Jahrelang lag die blaue Trainingshose unbenutzt im Schrank, bis der Orkan Kyrill vor fünf Jahren einen Baum auf ein Auto stürzen ließ. Da erst erinnerte sich der RUND-Redakteur wieder daran, wem er die Hose einstmals geklaut hatte. Von Eberhard Spohd.


Trainingshose
"Aber gewaschen wiederbringen": Gewaschen
ist die Hose, wiedergebracht nicht Foto Benne Ochs


Es muss im Herbst 1994 gewesen sein. Ich verdiente mir das Studium, das ich niemals abschließen sollte, als „Runner“ beim Fernsehsender Sat.1. Die Arbeit eines Runners – man muss schon Anglizismen lieben, wenn man beim Fernsehen arbeitet – war eigentlich ganz einfach: Ich bekam vierstellige Nummern genannt, die mit Aufklebern auf dem Rücken von Videokassetten korrespondierten. Damit ging ich gemächlich in den Keller, suchte die entsprechenden Tapes heraus, und stieg wieder nach oben in den zweiten Stock, wo die Archivare arbeiteten und die Redakteure ihr Material für ihre Berichte abholten.

Gerannt wurde bis auf wenige Ausnahmen nie, auch wenn die Berufsbezeichnung auf anderes hindeutet. Stattdessen wussten alle, dass zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr gefälligst niemand Kassetten zu bestellen hatte, schließlich saß in dieser halben Stunde die Archiv-Belegschaft vor der Glotze und riet bei Frank Elstners „Jeopardy“ mit. Eine Störung hätte Missmut hervorgerufen und dafür gesorgt, dass der entsprechende Redakteur die Woche darauf benachteiligt behandelt worden wäre.

Gerannt wurde allerdings beim Betriebsport. Fußball natürlich, schließlich hieß die Sendung, die wir produzierten, „Ran“ und beschäftigte sich mit der Bundesliga. Und eines Tages tauchte Helmut Schulte auf. Er war vorher Trainer beim FC St. Pauli, Dynamo Dresden und Schalke 04 gewesen und wurde zum zweiten Mal Cokommentator und Experte für alles Mögliche bei „Ran“. Dass er wirklich ein Experte war, zeigte sich zum Beispiel, als er unseren Hausmeister Ingo, der im wahren Sportlerleben als Mittelfeldspieler des SV Rugenbergen die Freistöße in den Winkel zimmerte, wegen eines verschossenen Strafstoßes anpflaumte: „Elfer schießt man flach. Drüber kann er gehen, drunter nicht.“ Wahre, weise Worte eines Bundesligatrainers, die ich fortan beherzigte.

Eines Tages war es relativ kühl, und ich hatte wie üblich keinen Trainingsanzug mit. Um nicht frierend an der Seitenlinie stehen zu müssen, bat ich mir eine lange Hose aus. Schulte sagte sofort: „Kannst meine haben.“ Nun wird er nicht umsonst Langer genannt, mich jedenfalls überragt er deutlich. Die Hose war natürlich viel zu lang, ich musste sie mir knapp unterhalb der Brustwarzen festzurren. „Aber gewaschen wiederbringen“, ermahnte er mich noch freundlich. Das habe ich ihm natürlich fest versprochen.

Eine Reusch-Hose war das. Die waren damals Ausstatter von Dynamo Dresden. Das legt den Schluss nahe, dass Helmut Schulte die Hose auch nicht zurückgegeben hat, als er Dresden verließ. Ich jedenfalls habe sie einfach geklaut. Na ja, richtig geklaut natürlich nicht. Erst einmal habe ich sie vergessen. Dann wollte ich sie unbedingt wieder zurückbringen, musste sie aber noch waschen. Dann lag sie irgendwo herum. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt, dass das blaue Teil in meinem Kleiderschrank lag. Zuletzt wurde Schulte Manager beim VfB Lübeck, und ich habe ihn nicht wieder gesehen – und er seine Hose nicht.

Da lag sie also. Anziehen wollte ich sie nicht, denn gewachsen bin ich in den letzten zwölf Jahren keinen Millimeter mehr. Wegwerfen wollte ich sie auch nicht, dazu hatte ich mich zu sehr an sie gewöhnt. Doch nun habe ich sie wieder herausgeholt, am Tag nach dem Orkan Kyrill. Auf Helmut Schultes Mercedes war im Sturm ein Baum gestürzt und hatte den damaligen Chef der Nachwuchsabteilung von Schalke schwer verletzt. Grund genug, sich an Schulte zu erinnern und ihm gute Besserung zu wünschen. Und sich endlich für die Hose zu bedanken.

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