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THEMENWOCHE
„Ich muss mich nicht verstecken“
Dass es in der Frauenbundesliga und in der Nationalmannschaft homosexuelle Spielerinnen gibt, ist seit Jahren bekannt. Obwohl die Sexualität in den Vereinen nicht thematisiert oder gar problematisiert wird, ist die Angst vor einem öffentlichen Outing noch immer riesig. RUND-Autorin Kathrin Steinbichler sprach mit einer lesbischen Bundesligaspielerin über den Druck der Öffentlichkeit, private Sponsorenverträge und Klischees im Frauenfußball.





RUND: Unter Fußballern kommt es nicht vor, dass sich einer als homosexuell outet, aus Angst vor den Reaktionen. Ist das für eine homosexuelle Spielerin im Frauenfußball anders?
Spielerin: Ja, absolut. Im Frauenfußball ist das ganz normal. Es interessiert keine, was die andere zu Hause macht. Und wenn, dann ist das ein offenes Geheimnis. Jeder weiß, wer da wen zum Beispiel bei der Weihnachtsfeier des Vereins begleitet und dass das eben die Freundin ist. Oder der Freund, je nachdem. Und diese Begleitung sitzt dann am gleichen Tisch wie auch andere Partner oder Partnerinnen.

RUND: Wenn der Umgang mit Homosexualität unter den Spielerinnen so entspannt ist, warum sind lesbische Fußballerinnen dann immer noch ein verschwiegenes Tabuthema vor der Öffentlichkeit?
Spielerin: Gute Frage. Der Frauenfußball ist ein sehr familiärer und sozialer Kreis, man darf sich darin bewegen, wie man will. Man braucht sich weder zu erklären noch sich dafür zu rechtfertigen, wen man liebt oder von wem man geliebt wird. Der Punkt ist nur: Sobald man in der Öffentlichkeit ist, muss man sich automatisch erklären. In der Öffentlichkeit muss man erzählen oder sich beobachten lassen, ob und in wen man verliebt ist. Ob Politiker oder Politikerin, Fußballer oder Fußballerin. Das Nächste, was geschrieben wird, ist: „Verheiratet mit“ oder „Lebt mit“. Diese Neugierde der Öffentlichkeit, die wissen will, wie dein Familienstand ist, ist noch das Problem.

RUND: In den unteren Ligen geht es vor allem um soziale Ängste, dass eine Spielerin Angst vor einem Outing hat, weil sie die Reaktion am Arbeitsplatz oder in der Familie fürchtet. Wie ängstlich geht das Umfeld der Bundesliga mit dem Thema um?
Spielerin: Da gibt es noch immer die Angst vor einem Imageverlust. Vor allem, weil der Frauenfußball oft noch mit dem Vorurteil belastet ist, dass alle lesbisch wären. Dabei gibt es in jeder Mannschaft welche, die einen Freund haben, und eben auch welche, die eine Freundin haben. Lesbische Spielerinnen treten im Frauenfußball vielleicht gehäufter auf, weil du dich im Mannschaftsgefüge im Frauenfußball akzeptiert und aufgenommen fühlst. Doch mittlerweile hat sich der deutsche Frauenfußball, auch weil die deutsche Nationalmannschaft so erfolgreich ist, so weit in Richtung einer akzeptierten Sportart entwickelt, dass es nicht weiter interessiert, ob es da homosexuelle Spielerinnen gibt oder nicht. Es gibt sie. Punkt, aus, weiterspielen. Frauenfußball definiert sich heute über sportliche Klasse, das Privatleben der Fußballerinnen rückt immer mehr in den Hintergrund.

RUND: Steht ein Fußballer vor der Öffentlichkeit mehr unter Druck als eine Fußballerin?
Spielerin: Jein. Natürlich steht ein Fußballer mehr unter Beobachtung. Aber dass jeder dritte Fußballer untreu ist, ob mit Frauen oder Männern, das wird in der Öffentlichkeit nie thematisiert. Warum eigentlich müssen wir Fußballerinnen uns weiter öffentliche Spekulationen über unser Liebesleben gefallen lassen? Ich denke aber wie gesagt, dass sich das Vorurteil, dass man eine Sportlerin als eventuell homosexuelle Frau ansieht, sehr, sehr abgeschwächt.



RUND: Hatten Sie als Fußballerin jemals das Gefühl, Sie müssten sich wegen Ihrer Sexualität verbiegen?
Spielerin: Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich und meine Persönlichkeit verstecken müsste. Ich habe mich nie verbogen. Ich habe auch nie gelogen. Auf Fragen, wie denn mein Privatleben aussieht, habe ich immer geantwortet: „Privat.“ Und wenn jemand fragt: „Möchten Sie denn mal Kinder?“, dann antworte ich wie andere auch: „Klar möchte ich mal Kinder.“

RUND: Der Wunsch ist ja auch unabhängig von der Sexualität.
Spielerin: Genau. Und so kann man Interviews, wenn es denn sein muss, auf eine Seite lenken, die für einen okay ist. Anfangs, muss ich sagen, hatte ich schon Angst, dass das Thema aufkommen könnte. Wenn man aber einfach normal damit umgeht, und eben auf eine private Frage sagt: „Mein Privatleben geht niemanden etwas an“, dann kommen auch keine weiteren Fragen.

RUND: Hatten Sie jemals Angst vor einem Outing? Dass Journalisten darüber schreiben könnten?
Spielerin: Ich bin so weit, dass wenn einer das in die Medien bringen würde, ich sagen würde: „Ja, und jetzt!““ Dann ändert sich auch nichts.

RUND: Sie hätten keine Bedenken, dass Ihre Sponsoren mit einem Rückzug reagieren könnten?
Spielerin: Nein. Ich habe mich auch früher nicht mit meinem Freund ablichten lassen, als ich einen hatte. Es geht schließlich niemanden etwas an, wen ich liebe. Aber egal, ob ich mich outen würde oder nicht: Es tut immer weh, wenn man in der Öffentlichkeit einen seelischen Striptease hinlegen muss. Das muss ich nicht haben.

RUND: Ihre Sponsoren würden Ihnen die Treue halten und die Verträge beibehalten?
Spielerin: Ja. Also, der eine Sponsor weiß, dass ich eine Freundin habe. Und bei meinem Ausrüster arbeiten so viele Schwule, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das da ein Problem geben könnte.

RUND: War Ihre Homosexualität denn je ein Problem in einem Ihrer Vereine?
Spielerin: Nein, überhaupt nicht. Das wurde nicht mal angesprochen. Wir sind da alle hingegangen, haben trainiert und Fußball gespielt. Es interessiert bei den Frauen im Fußball wirklich niemanden, ob du hetero oder homo bist.

RUND: Das heißt: Sie selbst gehen in Ihrem Umfeld offen damit um, nur die Öffentlichkeit hat noch ein Problem?
Spielerin: Naja, Homosexualität wird ja inzwischen nicht nur negativ behandelt. Das Outing von Politikern wie von SPD-Politiker Wowereit oder immer mehr Schauspieler inzwischen – das ist ja fast schon normal. Und ich wäre bestimmt auch jemand, der sagen könnte: Okay, ich gehe jetzt an die Öffentlichkeit und oute mich. Aber ehrlich gesagt: Ich fühle mich wohl in der Welt, in der ich mich bewege. Ich muss mich nicht verbiegen, meine Freunde und Eltern wissen es, Punkt. Mehr Leute geht das auch nichts an. Ich verstehe nach wie vor nicht, warum die Leute neugierig darauf sind, ob ich nun lesbisch bin oder nicht. Vielleicht ist das wie bei Oliver Kahn: Dem schmeißen sie auch immer noch Bananen hinterher, obwohl es längst kein Gag mehr ist. Und so ist es beim Frauenfußball auch: Es ist kein Aufreger mehr, wenn einer sagt: „Guck mal, die Fußballerin, die ist doch lesbisch, oder?“

Das Interview führte Kathrin Steinbichler

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