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PORTRÄT
Königsblaue Augen
Die Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen, heiliger Grund des Ruhrgebietsfußballs. Der Platzwart war Heinz Römer, der Mann, der 33 Jahren in der alten Haupttribüne wohnte. Von Frank Goosen


Heinz Römer
Glückaufkampfbahn im Sommer 2006: Heinz Römer auf seiner TRibüne
Foto Philipp Wente

 
 

Steigt man die Stufen zur noch erhaltenen Haupttribüne der Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen hoch, sieht man auf dem Absatz plötzlich einen Stuhl stehen, Marke Gelsenkirchener Barock, die Lehne oben geschwungen, das Sitzpolster abgenutzt. Gleich daneben, man droht achtlos daran vorbeizugehen, steht eine Tür offen, bewacht von zwei billigen Plastikschlappen. Ein Blick hinein und man spielt mit dem Gedanken, einen Termin beim Augenarzt zu machen: an der Wand eine Keramikarbeit mit hervorspringenden Blumenintarsien, rechts, unter der Tribünenschräge, ein Kühlschrank, von links das vertraute Geräusch, das Frikadellen machen, wenn sie im siedenden Fett einer alten, gusseisernen Pfanne gewendet werden. Geradeaus aber die eigentliche Sensation: ein kunstlederner Sessel, darin ein alter Herr in Trainingshose und Unterhemd, das weiße Haar ordentlich mit Brisk an den Kopf gelegt, ein Bein baumelt über die Lehne. Wer so weit gekommen ist, steht vor Heinz Römer, dem Mann, der in der Tribüne der Glückaufkampfbahn wohnt.

Offiziell ist Heinz Römer Platzwart in den Überresten des Schalker Fußballtempels, in dem heute nur noch Jugendspiele stattfinden. Tatsächlich ist Heinz Römer viel mehr: eine Gelsenkirchener Legende aus einer Zeit, als nicht alles besser war, aber doch irgendwie schöner, jedenfalls im Rückblick. Seine Augen sind, man wagt es kaum zu sagen, fast königsblau. Geboren 1929 in Danzig kam er über ein paar Umwege 1958 nach Gelsenkirchen, wo er 1970 Platzwart der Glückaufkampfbahn wurde und drei Jahre später die dazugehörige Wohnung in der alten Haupttribüne übernahm.

Der Kühlschrank steht auf der Diele, weil er genau unter die Tribünenschräge passt und in der winzigen Küche, wo Römers Gattin morgens schon die Frikadellen brät, die den Tag über vertilgt werden, keinen Platz mehr gefunden hätte. Das Wohnzimmer verfügt neben einer stilecht dunkelbraunen Kunstleder-Sitzgarnitur über ein Ensemble modernster Unterhaltungselektronik: Satellitenfernsehen, Flachbildschirm, DVD-Recorder. Heinz Römer ist kein Mann von gestern.

Frau Römer steht neben dem Sessel ihres Mannes wie eine Herzogin auf den Bildern von Lord Snowdon. Früher hat sie in den vier riesigen Waschmaschinen in den Katakomben des betagten Stadions die Trikots, Hosen und Stutzen der Schalke-Spieler gewaschen. Heute hält eine ihrer Töchter eben diese Kellergewölbe sauber – eine Familie für Schalke.
 
In den 70ern sieht man Heinz Römer auf den Mannschaftsfotos der Schalker als Betreuer. Neben den Kremers-Zwillingen, Fichtel, Rüssmann, Lütkebohmert mit ihren zeittypischen voluminösen Haarhelmen. Die haben alle bei ihm am Küchentisch gesessen und Frikadellen verdrückt. Heinz Römer kennt all die Geschichten, die wir so gerne hören wollen: Wie sie sich danebenbenommen haben, die Stars, wie nett sie sein konnten und wie sie sich ausgeheult haben. Aber Römer hält dicht. Will nicht einmal bestätigen, dass er den Klaus Fischer mal beim Rauchen erwischt hat: „Dazu sarich nix!“ Dreißig Jahre sind kein Grund, illoyal zu werden.

Hier auf dem Foto ist der Max Merkel zu sehen. „Ou, über den lass ich nix kommen!“ Der hat doch manchmal ganz schön auf den Putz gehauen oder? „Ich sach nix. Aber einmal, da hattenwa sonn Mannschaftstreffen im Vereinslokal, und die Zwillinge kamen zehn Minuten zu spät. Ich dachte, die Kneipe fliecht aussenander!“ Auf die Frage, ob denn zu den Jungs von früher noch Kontakt bestehe, nickt der Mann im Unterhemd: „Abba sicher! Die kommen hier immer wieder vorbei. Die Zwillinge, den Rolli, den Klaus Fischer. Sitzen dann hier inne Küche auffen Kaffee.“ Und der Assauer? „Der auch, du, mit seine dicken Zigarre!“ Da kann der Schalker Exmanager im Fernsehen noch so sehr den Harten geben, hier vor Ort hat er Tränen in den Augen. So sind sie hier in der Gegend: rotzfrech und sentimental zugleich.

Aus dieser Wohnung in der Haupttribüne der alten Glückaufkampfbahn kriegt Heinz Römer niemand raus. Nicht einmal die Weltmeisterschaft. Im Vorfeld hatte ihm die Stadt Gelsenkirchen, die hier zwischen dem Eröffnungsspiel und Finale ein großes Public Viewing nebst internationalen Topkonzerten veranstaltete, alles Mögliche angeboten, wenn er nur für die vier Wochen seine Behausung räume, vom Hotel bis zum Urlaub irgendwo, wo kein Fußball gespielt wurde. Aber Heinz Römer blieb hart: „Ich bleib hier und mach Würstchen!“ – „Für 20.000 Leute?“ – „Kein Problem!“

Das hat dann doch nicht hingehauen, wegen gültiger Verpflegungsverträge, aber die gesamten vier Wochen des Turniers hat sich Heinz Römer aus dem Stadion nicht wegbewegt. Und während über seinem Kopf die Fans zu den Erfolgen der deutschen Mannschaft auf und ab hüpften oder die Simple Minds mit einer 40.000-Watt-Anlage die halbe Stadt beschallten, saß Heinz Römer vor seinem Flachbildschirm, das Bein über der Lehne, und guckte ProSieben. Nicht etwa Fußball.

Übrigens: In der Arena auf Schalke ist er noch nicht gewesen: „Samstach habbich doch Spiele! Und der Platz geht vor!“ Ist wahrscheinlich auch zu weit weg.


 
33 Jahre wohnte der Schalker Platzwart, Heinz Römer, in der Glückauf-Kampfbahn. Am 20. Oktober 2006 starb er in einem Gelsenkirchener Krankenhaus. Wenige Monate zuvor besuchte ihn Frank Goosen in der Haupttribüne der Schalker Kultstätte. Der Text ist in der RUND-Ausgabe 10_2006 erschienen.
 
 
 
 
Glückauf-KampfbahnLeben in der Tribüne: Römers in der Küche im Sommer 2006
Foto Philipp Wente


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