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INTERVIEW
„Niemand verliert, weil er gut spielt“
Jorge Valdano hat einige der schönsten Fußballbücher der vergangenen Jahre geschrieben, mit Argentinien war er Weltmeister 1986. In Teil 1 des Gesprächs analysiert der Sportdirektor von Real Madrid, wer den attraktivsten Fußball spielt. Interview Mickaél Caron.



Jorge Valdano
„Jede Mannschaft hat ihre eigene Balance“: Weltmeister Valdano
Illustration Eskah



RUND: Herr Valdano, seit einigen Jahren gilt das Spiel von Werder Bremen als vorbildlich. Spielt Werder schön oder nur offensiv?
Jorge Valdano: Sie haben eine offensive Aufstellung und schießen viele Tore. Doch außerdem spielt die Mannschaft auf hohem Niveau und hat es verstanden, ihre Identität zu bewahren. In den letzten Jahren hat sich die Spielweise der verschiedenen Teams weitgehend uniformiert. Dadurch, dass sich die Spieler ständig um die ganze Welt bewegen, werden die Nuancen des südamerikanischen oder des europäischen Stils weitgehend eingeebnet. Doch bei Werder hat Diegos Anwesenheit, eines Spielers mit einer phänomenalen Vision, die Mannschaft nicht in ein Sambaorchester verwandelt. Es ist immer erfreulich, wenn der Fußball der verschiedenen Länder seine Einzigartigkeit bewahrt, wenn man eine englische Mannschaft von einer spanischen unterscheiden kann oder eine brasilianische von einer deutschen.

RUND: Sie sprechen häufig von der brasilianischen Nationalelf 1982 als Beispiel auf ästhetischer Ebene. Diese Mannschaft hat jedoch international nichts gewonnen.
Jorge Valdano: Den WM-Titel hat sie zwar nicht geholt, doch diese Mannschaft von 1982 bleibt die letzte große brasilianische Auswahl bei einer Weltmeisterschaft. In der Geschichte der WM findet man mehrere Beispiele für sehr attraktive Mannschaften, die nicht gewonnen haben. Das war schon bei der brasilianischen Mannschaft von 1950 der Fall, mit der 1:2-Niederlage im Maracan√£-Stadion im Finale gegen Uruguay. Das Gleiche vier Jahre später mit dem Sieg von Deutschland über Ungarn. 1974 haben die Deutschen auch den Niederlanden den Weg versperrt. Um zu gewinnen ist es elementar, gut zu spielen, aber das reicht nicht immer aus. Der Sieg ist keine direkte Konsequenz des schönen Spiels. Das ist eine verführerische These, aber leider absolut falsch. Und sie lässt sich auch nicht umdrehen: Keine Mannschaft verliert, weil sie gut spielt.

RUND: 1986 haben Sie mit der argentinischen Mannschaft im Finale gegen Deutschland den Weltmeistertitel geholt. Was waren die Zutaten für den Erfolg?
Jorge Valdano: Jede Mannschaft hat ihre eigene Balance. Wir waren sehr reif, der Großteil der Spieler war sehr erfahren. Das Team war diszipliniert und profitierte von der Anwesenheit Maradonas. Niemals hatte ein Spieler so viel Einfluss auf seine Mannschaft wie er während dieser Weltmeisterschaft.

RUND: Maradona, Diego, Ronaldinho: Lässt ein einziges Genie eine ganze Mannschaft gut spielen?
Jorge Valdano: Drehen wir die Frage um: Kann eine Mannschaft mehr als ein Genie vertragen? Der Umgang mit den Egos ist elementar, damit eine Mannschaft gut funktioniert. Bei Real Madrid beispielsweise war das Problem nicht die Überlagerung der Talente, sondern vielmehr die der jeweiligen Images. Diese Situation hat sicher zu Spannungen in der Umkleide geführt. Jedenfalls verdienen nicht alle Galaktischen die Bezeichnung Genie. Das schöne Spiel entsteht aus einem gemeinschaftlichen Projekt heraus. Die Individuen verleihen ihm mehr oder weniger Glanz, doch die Auswahl von Persönlichkeiten führt nicht automatisch zu einem schönen Spiel. Alle inspirierenden Mannschaften sind einer vom Trainer diktierten Leitlinie gefolgt.

RUND: Doch scheinen die Trainer, die noch Risiken wagen, immer seltener zu werden.
Jorge Valdano: Das ist konsequent in einem Umfeld, das die Folgen einer Niederlage immer weniger tragen mag. Wer applaudiert schon einer Mannschaft, die gut spielt, aber verliert? Zögerliche Trainer werden heruntergemacht. Niemand würdigt mehr den Trainer, der verloren hat, weil er Risiken eingegangen ist. Doch ein Schauspiel zu bieten und dabei zu verlieren, ist das nicht ebenso würdig wie ein Sieg? Die Spezialisten anzuprangern, deren Vorsicht einem lästig ist, ist zu leicht. Wenn ein Angestellter in einem Unternehmen ständig von Kündigung bedroht ist, bekommt er schließlich Angst, die uns konservativ, vorsichtig macht. Diese Angst zerstört das schöne Spiel.

RUND: Wie lässt sich diese Tendenz umkehren?
Jorge Valdano: Man darf das trotz allem nicht verallgemeinern, selbst wenn die italienische Mannschaft, die die Weltmeisterschaft gewonnen hat, einen verhängnisvollen Einfluss zu haben scheint. Denn Sieger werden immer imitiert werden, und diese Sieger haben zwar ein Beispiel für Engagement und Professionalität abgegeben, hatten jedoch immer mehr das Ergebnis als das Spiel im Kopf. Im Gegensatz dazu demonstriert der FC Barcelona, dass ein schönes Spiel auch effizient sein kann. Ich werde auf diese Frage auch in 20 Jahren noch antworten: Es wird immer Beispiele geben, denen man folgen sollte, und solche, die man besser meidet. Es wird niemals eine einheitliche Tendenz geben.

RUND: Sicher, aber gibt es einen Weg, die Mannschaften dazu zu bringen, mehr an die Ästhetik des Spiels zu denken als an das Ergebnis?
Jorge Valdano: Das ist unmöglich. Es ist nicht die Rolle der Instanzen, die Vereine zu einer bestimmten sportlichen Strategie zu nötigen. Jeder Verein hat seine eigene Dynamik, die von Ergebnissen diktiert wird. Der Großteil der Manager, Trainer und Spieler ist vom nächsten Spiel besessen. Nur wenige Menschen, die über eine überlegene Intelligenz verfügen, sind in der Lage, ihre Vorstellungen auf Dauer zu verfolgen und einen entsprechenden Stil anzunehmen.


Lesen Sie Teil 2 des Gesprächs mit Jorge Valdano: „4-4-2, 4-3-3, 3-4-3 – das sagt mir nichts“



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