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FRANKREICH
Monsieur Bundesliga!
Den Kampf gegen die höfliche Verachtung der Franzosen gegenüber dem deutschen Fußball haben Franck Ribéry und er gewonnen: Fernsehmoderator Jean-Charles Sabattier hat einen speziellen Star aufgebaut: Carsten Ramelow. Von Joachim Barbier, Paris.



Jean-Charles Sabattier
„Ich war baff“: Jean-Charles Sabattier ist seit der WM viel populärer
Foto Axl Jansen

 

Monsieur Bundesliga tritt immer sehr spät und sehr kurz auf, einige Minuten kurz vor Mitternacht, am Ende von „L’Equipe du Dimanche“, einem der Vorzeigeprogramme für die Abonnenten von Canal+ am Sonntagabend. In den Augen der Franzosen haben die spanische Primera División, die englische Premier League und die italienische Serie A wesentlich mehr Glamour. Wären wir bei der Tour de France, wäre die Bundesliga so etwas wie der Besenwagen der fünf großen europäischen Meisterschaften – eine Hierarchie, die letztlich die öffentliche Meinung zur Bundesliga in Frankreich widerspiegelt. „Es ist paradox: Ich stelle bedauerlicherweise ein ziemliches Desinteresse fest, doch zugleich gibt es eine Art Respekt für die Professionalität, die Strukturen, die Stadien.“ Seit 1991 versucht Jean-Charles Sabattier, 40 Jahre, anderen seine Leidenschaft für die Bundesliga nahezubringen, denn „sie ist eine Meisterschaft, die es verdient, so oft gezeigt zu werden wie die anderen. Dennoch bleibt es eine Nische“, sagt er, in die er sich hineingeworfen hat, seit er bei dem französischen Fußballkanal mit seinen fünf Millionen Abonnenten arbeitet.

Er stürzt sich richtig hinein, mit einer Mischung aus Pennälerwitz und wirklicher Kompetenz. Da er nur wenige Minuten Zeit hat, ist er gezwungen, auf sich aufmerksam zu machen. So schmückt er sich zur Förderung seines Anliegens besonders gerne mit Accessoires, die er aus dem kleinen Horrorladen des Vereinsmerchandisings hat, mit einem Faible für alles von Borussia Dortmund. Er ist eifrig bemüht, über den deutschen Fußball mit deutschem Akzent zu sprechen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Franzosen verstanden haben, dass es „Schalke null vier“ heißt und nicht „chalque zéro quatre“. Und im Gegensatz zu seinen Journalistenkollegen, die einem mit ihrem dummen Chauvinismus den Nerv töten können, beschränkt sich bei Sabattier ein Tag in der Bundesliga nicht auf die persönliche Leistung von Willy Sagnol. Kurz, Jean-Charles Sabattier liebt den deutschen Fußball für das, was er ist: „Ich versuche, seine Eigentümlichkeiten zu zeigen. Die vollen Stadien, die Begeisterung, die Kultur des Gewinnens. In Deutschland unterstützt man seine Mannschaft, aber im Gegensatz zu den romanischen Ländern ist eine Niederlage kein Drama. Ich habe den Eindruck, dass es dort nicht zu Ereignissen wie in Catania kommen könnte.“

Lange haben ihm die Verantwortlichen des Senders für den Bereich Sport seine Zuschauerkurven gezeigt, die einem flachen Enzephalogramm glichen: der Beweis dafür, dass die deutsche Meisterschaft niemanden interessiere. Auch er selbst hatte, wie er sagt, den Eindruck, dass da wohl Hopfen und Malz verloren sei. Es galt also, etwas Ausgefallenes zu finden. So beschließt Sabattier 1996, aus einem realen, in Frankreich allerdings vollkommen unbekannten Spieler eine mythische Persönlichkeit zu machen. Seine Wahl fiel auf Carsten Ramelow. „Der entsprach allen Klischees eines Deutschen: der Haarschnitt – vorne kurz, hinten lang –, sein Spielstil und so weiter. Und ich wollte all diese Klischees einstürzen lassen.“ Über mehrere Spielzeiten hinweg findet sich Carsten Ramelow über die Zusammenfassungen der Bayer-Spiele in allen Sendungen wieder. Und das kommt an. Die Kollegen lachen sich schief, wenn Sabattier künstlich in Wallungen gerät angesichts des Leverkuseners. Eines Tages läuft ihm Michel Platini über den Weg: „Aber wer ist denn bloß dieser Carsten Ramelow, von dem du uns immer erzählst?“ Am Vorabend eines Spiels zwischen Bayern und Bayer schließt er mit Willy Sagnol und Bixente Lizarazu eine Wette ab: Wer tauscht sein Trikot mit Carsten? Beim Schlusspfiff sieht man die beiden Franzosen wie Jagdhunde dem großen Mittelfeldspieler hinterherrennen, um sich die Trophäe zu holen.

Sabattier und Lizarazu
Im Studio: Sabattier lacht mit Ex-Bayern-Star Bixente Lizarazu Foto Axl Jansen

 

Die Liebesgeschichte zwischen Sabattier und der Bundesliga ist eine alte. Es verschlägt ihn nach Berlin, als er gerade erst eineinhalb Monate alt ist. Sein Vater, Angestellter in der zivilen Luftfahrt, war gerade dorthin versetzt worden. Wäre Sabattier nicht Sportjournalist geworden, wäre er vielleicht immer noch in der Hauptstadt. „Lange Zeit habe ich mich gefragt, ob ich nicht mit meinen Kumpels eine Kneipe aufmachen sollte. Im Berlin der 80er-Jahre hatte ich das Gefühl, alles zu erleben, was man erleben konnte, mittendrin zu sein, insbesondere in der Musik, mit Iggy Pop, Bowie und den vielen anderen. Immer war etwas los“, begeistert er sich, während er sich mit seinem Bayern-Feuerzeug seine x-te Zigarette anzündet. „Was den sportlichen Aspekt angeht, habe ich festgestellt, dass die Deutschen eine enge Bindung zu ihrem Verein aufbauen, es ist wirklich ein Land des Sports.“

In Berlin war er lange Fan der Hertha, bevor er sich wegen des gruseligen Teils der Fans von dem Verein abwandte, um sich Tennis Borussia zuzuwenden: „Die hatten so was Undergroundartiges, ich glaube, ihr damaliger Präsident war Produzent von Gruppen wie Modern Talking.“ Das ist zwar nicht ganz korrekt, Jack White produzierte zwar Tony Marshall, Roberto Blanco und Lena Valaitis, aber niemals das Gruselduo Bohlen/Anders, aber dass der Berliner einer der einflussreichsten Menschen im deutschen Musikgeschäft war, hat Sabattier richtig gesehen. 1991 kehrt er schließlich nach Frankreich zurück, verbringt einige Monate in einer Handelsschule, die ihn königlich ankotzt, und dann machte es klick. Er geht auf die Journalistenschule: „Mir graute davor, mein ganzes Leben im Büro festzusitzen.“ Er fängt bei Eurosport an, bevor er zu Canal+ gerufen wird, um aus Atlanta über die Olympischen Spiele zu berichten. Als seine Eltern, die in Deutschland geblieben sind, die Neuigkeit erfahren, fragen sie sich, wie man nur Bayern verlassen kann, um zu einem obskuren Regionalligisten zu wechseln. „Sie hatten noch nie von Canal+ gehört. Sie haben zu mir gesagt: ‚Wir dachten eigentlich, du hättest mehr Ehrgeiz“

Seit Kurzem schwindet die höfliche Verachtung der Franzosen für die Bundesliga. Es kommt sogar vor, dass jemand Jean-Charles auf der Straße anhält, um den deutschen Fußball mit ihm zu diskutieren. „Das ist der Weltmeisterschaftseffekt“, schätzt er. Vor einigen Wochen hat sein Sender ein Team nach Bremen geschickt, um ein wenig mehr über die Spielphilosophie von Thomas Schaaf herauszufinden: „Als ich erfahren habe, dass sie etwas über das ‚Äöschöne Spiel‚Äò von Werder machen wollen, war ich so baff, dass ich einen Kollegen habe hinfahren lassen.“



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