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Squadra Infernale   
Die Ursachen für die Krise der italienischen Nationalelf beschäftigen die Reporter. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de

 

 

 


Alessandro FlorenziTragödie in Mailand: Alessandro Florenzi kann sich mit Italien nicht für die WM 2018 qualifizieren. Foto: Pixathlon

 

Nach dem 0:0 gegen Schweden trägt die italienische Fußballnation ihren Traum vom fünften WM-Titel zu Grabe. Sven Goldmann (Tagesspiegel) schreibt: „Dass die Schweden im Rückspiel mit aller Macht ihren Strafraum verbarrikadieren würden, kam so überraschend nicht. Gute Mannschaften finden dafür Lösungen. Das Italien von 2017 hat keine gute Mannschaft, so wie es auch keine guten Individualisten hat. Keinen Andrea Pirlo, keinen Francesco Totti, keinen Franco Baresi. Dafür eifrige Renner und Grätscher, die sich ehrenvoll und mit aller Leidenschaft gegen das Scheitern wehrten. Aber an Leidenschaft fehlt es auch den Sportsfreunden aus Neuseeland, Island oder eben Schweden nicht. Was ihnen Italien voraus hat, ist nur noch der große Name.“

Es tat sich ein großes Loch auf

Thomas Hummel (SZ) erinnert an den Anfang vom Ende: „Vor einem Jahr in Frankreich hatte sich diese alternde Squadra unter Trainer Antonio Conte und dessen feurigem Gemüt zu einer verblüffenden Leistung aufgeschwungen. Doch als das Turnier im Viertelfinale zu Ende war, tat sich dahinter ein Loch auf. Ein großes Loch. Conte ging – kommen wollte niemand. Alle renommierten Trainer wussten, dass es den Italienern vorne an Talent mangelt und hinten die stolzen Senatoren das Regiment führen. Nur der 69-jährige Provinztrainer Gian Piero Ventura sagte zu. Und verlor den Kampf. Gegen Schweden – und gegen die eigene Mannschaft.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) trauert: „Italien soll bitte wieder blühen, das Land hat dem Fußball viel gegeben: Stürmer und Spielmacher wie Baggio, Conti, Pirlo, Del Piero, Mancini, Totti, Riva oder Inzaghi. Trainer wie den Offensivmaestro Arrigo Sacchi, an dem sich bis heute die Größten der Welt orientieren. Und natürlich elegante Verteidiger wie Maldini, Cannavaro und Baresi oder den ewigen Tormann Gigi Buffon. Der WM 2018 wird durch das Aus Italiens natürlich auch sehr viel anderes fehlen: Tränen, Theater, Schwalben, Grandezza, schöne Anzüge, die süßeste Hymne, Drama, Herz und Hass. Der WM 2018 wird der liebgewonnene Bösewicht fehlen. Deutschlands ungleicher Bruder.“

Marko Schumacher (stuttgarter-nachrichten.de) fordert einen Neuanfang: „Der viermalige Weltmeister ist am Tiefpunkt angelangt und muss die Quittung für jahrelange Versäumnisse zahlen. Dass es Italien mit einer Ü-30-Mannschaft versucht hat, belegt, dass die Nachwuchsarbeit sträflich vernachlässigt und der Anschluss an die Fußball-Moderne somit verpasst wurde. Eine Neuanfang wird nötig sein.“

Reinigendes Gewitter?

Michael Bauer (n-tv.de) schließt sich an: „Für Italien könnte die verpasste WM-Teilnahme auch eine Art reinigendes Gewitter sein. Den Reset-Knopf zu drücken und die ganze Nationalmannschaft umzukrempeln, hat auch dem DFB-Team nach dem blamablen Aus bei der EM 2004 mehr als gut getan. Übernehmen muss in Italien diese Aufgabe Gian Piero Ventura, der trotz der verpassten Endrunde als Trainer bleiben wird.“

Martin Volkmar (sport1.de) schließt die Herren Ribbeck und Völler in die Arme: „Die tiefe italienische Krise erinnert in vielem an die Probleme in Deutschland zur Jahrtausendwende: Eine schwächelnde Liga, die hauptsächlich von ihrem früheren Glanz zehrt und strukturell wie sportlich der internationalen Spitze hinterherläuft. Ein System, dass sowohl in der Liga wie auch im Nationalteam lieber auf die Alten setzt anstatt den hoffnungsvollen Talenten eine Chance zu geben. Ein Nationalcoach im Rentenalter, dem Kompetenz, Autorität und Durchsetzungsvermögen fehlen. Und eine verkrustete Führung, in der eine Hand die andere wäscht und in der die Zukunft verschlafen wird.“

 
 
 


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